Kollaps

Spider by Louise Bourgeois, Bilbao

Mit dem Gesicht nach unten fällt D. auf´s Bett und schläft sofort ein.
Stunden später liegt er unverändert. Die Katze auf seinem Rücken. Er atmet. Immerhin.
Ich gehe zurück in die Küche, rauche und schaue aus dem Fenster.
Im Garten spielen die Kinder. Ihre Mütter sitzen auf den Bänken um den Sandkasten herum und plaudern, wie jeden Tag.
Vergangene Woche greift sich eine plötzlich ihr Kind, schüttelt es und schimpft mit ihm. Der Junge schreit und tritt nach ihr, die Situation eskaliert. In rasender Wut reisst die Mutter die Windelhose des Zweijährigen herunter und schlägt ihm mit der metallenen Sandschaufel mehrmals zwischen die Beine, dass es klatscht und ihr Sohn zusammen sackt.
Verlegen und stumm sitzen die anderen Frauen dabei. Unbeteiligt auch dann noch, als ich Drohungen aus dem Fenster rufe.
Jetzt hockt er wieder im Sand und spielt mit den anderen Kindern.

Das Telefon. Ich lasse es klingeln. Im Flur springt der Anrufbeantworter an.
No estamos en casa
Kurz darauf ihre Stimme. Schmeichelnd und beinahe flehend.

Bitte geht ans Telefon, es ist dringend.“
Was kann an einem Sonntagmittag so wichtig sein, dass wir es sofort besprechen müssten?
Ärger steigt in mir auf. Allein ihre Stimme bereitet mir Unbehagen, und demnächst werde ich mit ihr verwandt sein. Wenn es ganz schlimm kommt, wird sie zu uns nach Spanien ziehen. Das möchte sie.

D. wiegelt immer wieder ab.
Ich hatte meine Gründe aus Lima zu fliehen, und ich werde nicht dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe.“
Hoffentlich.

Wieder klingelt es. Der Piepton, dann ihr quengelndes Jammern. Sie macht sich Sorgen.
Wo seid ihr bloß?“
Aus dem Schlafzimmer höre ich D. stöhnen. Bettys Stimme wird energischer. Fordernder.

Was macht ihr? Warum geht ihr nicht ans Telefon? Seid ihr Zuhause? “
D. stöhnt lauter. Ich weiß, dass er wach ist und jedes Wort mithört. Wieviele Anrufe wird sie brauchen?

Beim Dritten zieht sie schon alle Register: Klagen, Schluchzen, Anschuldigungen, Unterstellungen.
Du willst mir wehtun! Was habe ich Dir getan?“
Beim Vierten hat sie dann die Kontrolle verloren. Sie schreit. Beschimpft ihren Sohn.

Den Wichser, das Schwein, das Arschloch
Der alte Anrufbeantworter spuckt ihren Hass scheppernd in den Flur, wo er wie Brackwasser zwischen den Wänden steht. Von drüben höre ich D.s unterdrückte Flüche auf spanisch.
Ich drücke meine Kippe aus, und zünde mir die nächste an.
Kurz darauf kommt er in die Küche getorkelt. Seine Lider sind geschwollen, die Augen aber wach. Wir schauen uns an. In unseren Blicken Stress.

Willst du einen Kaffee?“
Er nickt, schnappt sich meine Luckies und zündet sich eine an. Ich gieße das Pulver auf und warte, bis es sich etwas gesetzt hat und ich es herunter drücken kann. Wir sind angespannt. Beide fürchten wir uns vor dem nächsten Anruf. Aber es bleibt still.

Als wir zusammen am Tisch sitzen frage ich ihn.
Wie lange willst du dir das noch gefallen lassen?“
Was soll ich tun? Sie ist meine Mutter.“
Sie beschimpft und verflucht dich.“
Deine Mutter hat viel schlimmere Dinge mit dir gemacht.“
Darum geht es doch jetzt nicht. Meine Mutter und ich haben keinen Kontakt mehr.“
Weil sie ihn abgebrochen hat.“
D., Betty ist ständig da.“
Betty wohnt in Lima.“
Aber sie taucht jeden Tag in unserem Leben auf. Und sie tut dir weh.“
Sie kann mir nicht mehr weh tun. Ich habe sie seit 7 Jahren nicht gesehen.“
Dann guck mal in den Spiegel. So siehst du aus, wenn es Dir schlecht geht. Sie tut dir weh, mutwillig.“
D. windet sich. Er weiß, dass ich Recht habe. Wir schauen uns an, und ich kann seinen Blick, der zwischen Abwehr, Verzweiflung und Wut zu liegen scheint nicht richtig deuten. Ich spüre, dass er mir etwas sagen möchte.

Was ist los, D.?“
Ich kann,… du wirst es nicht verstehen.“
Das glaube ich nicht.“
„Du kannst es nicht verstehen.“
Ich kann es ja versuchen.“
Ich wusste nicht, dass du aussiehst wie sie, ehe wir uns das erste Mal trafen.“
Das weiß ich doch. Aber ist es das, was dich so quält? Dass ich so aussehe wie sie als junge Frau?“
D. atmet tief ein und hält die Luft an. Ohne einen Ton heraus zu bringen, atmet er wieder aus und schaut mich an. Erneut dieser merkwürdige und uneindeutige Blick, zu dem sich jetzt noch Angst zu gesellen scheint. Seine Augen beginnen zu schwimmen. Weint er?

Mein Vater hat uns verlassen, als ich elf Jahre alt war. Danach lernte meine Mutter Luis kennen, den Schriftsteller. Er war ihre große Liebe, und er lebte bei uns bis zu seinem Tod. Krebs. Bis zum Schluss hat Betty ihn gepflegt.“
Ich höre D. konzentriert zu. Gleichzeitig rattert es in meinem Kopf. Wieso erwähnt er seinen Vater, von dem er sonst fast nie spricht? Worauf will er hinaus? Was war mit Luis? Und was hat das alles mit Bettys übergriffigem Verhalten zu tun?

D. merkt, dass ich fieberhaft versuche die Puzzleteile zusammen zu setzen.
Warte bitte. Du wirst es gleich wissen, Chachi.“
Er atmet tief ein und nimmt Anlauf. Es fällt ihm sichtlich schwer.

Seine Anspannung überträgt sich auf mich. Ganz flach atme ich, Adrenalin breitet sich in meinem Körper aus wie Gift. Ich fange an zu schwitzen. Ich weiß nicht, was er mir gleich sagen wird, aber ich ahne, dass es etwas Grundlegendes sein wird, etwas, das endlich Licht ins Dunkel bringt und geeignet ist mein Leben aus den Fugen zu reissen.
Prüfend schaut er mich nun an, ganz so als müsse er noch einmal abwägen, ob er mich wirklich ins Vertrauen ziehen kann. Da ist nichts Warmes in seinem Blick. Aber ich sehe Angst. Ich versuche ein Lächeln und greife nach seiner Hand. Er entwindet sie mir, konzentriert darauf die richtigen Worte zu finden, für das, was sich da aus tiefstem Inneren Weg bahnen will.
Als Luis starb, ging es meiner Mutter so schlecht, dass ich Angst hatte sie würde sich umbringen. Sie konnte nicht mehr schlafen und nahm Tabletten, um wenigstens ein bisschen Ruhe zu finden. Ich tröstete sie so gut ich konnte, aber es half nicht. Schließlich bekam sie Medikamente gegen die Depression, die immerhin das Gröbste abfingen. Als es ihr wieder etwas besser ging, unternahmen wir viel zusammen. Kino, Museum, essen gehen. All die Dinge die Luis vorher mit ihr gemacht hat. Es tat ihr gut, wenn ich bei ihr war. Und ich war froh darüber. Nachts schlief ich in ihrem Bett und mit sechzehn wurde ich ihr Liebhaber.“
D. wirft einen kurzen Blick zu mir herüber und schaut gleich wieder auf den Tisch. Im Aschenbecher qualmt noch immer seine letzte Kippe. Der Filter. Es stinkt. In meinem Kopf läutet die große Glocke. Ihr tiefer Klang lässt meinen Schädel bersten. Mir schwindelt, ich finde keinen Halt.

Atmen. Weiteratmen.
Langsam, ganz langsam kommen die Worte bei mir an, aber ich verstehe sie nicht.
Ich versuche meine entgleisenden Gesichtszüge unter Kontrolle zu bringen. Mein Kreislauf. Meine Stimme.
Ich kann nicht glauben, was ich eben gehört habe.
Eine Weile sitzen wir so. Ich sammle mich. Einatmen. Ich brauche einige Anläufe, aber ich will sicher gehen.
Er spürt meinen Kampf, denn es ist seiner.

Was meinst du mit Liebhaber?“ frage ich ihn schließlich, und meine Stimme bebt dabei.
Beinahe wütend schaut er mich jetzt an, sein Ton ist gereizt.
Was ist da nicht zu verstehen? Ich wurde ihr Liebhaber, lover, amante. Für drei Jahre. Mit neunzehn beschloss ich dann nach Europa zu gehen. Sie bekam einen Nervenzusammenbruch und drohte mit Selbstmord. Aber ich konnte nicht bleiben.
D. schließt die Augen und macht eine lange Pause.
Ich fühle mein Herz, wie es schwer im Brustkorb schlägt, mein Mund ist trocken. Ich greife nach meiner Tasse und trinke einen Schluck. Meine Hände zittern.
Jetzt weißt du es“, sagt er schließlich, und schaut mich erschöpft aus glasigen Augen an.
Ich nicke.
Schweigend sitzen wir und lauschen den Geräuschen der spielenden Kinder im Garten.

Musik zum Text: Cat Stevens, Child for a day
http://www.youtube.com/watch?v=_-FCy_nW0us
Eines von D.s Lieblingsliedern.


Was bisher geschah:

Teil I,   Kalte Laken
Teil II,  Das gekrümmte Universum
Teil III,  Erlösung
Teil IV, Gegengift
Teil V,  Fülle
Teil VI, Zugrunde

17 Kommentare zu “Kollaps

  1. Der eine Missbrauch (misshandeltes Kleinkind im Hof) umkreist wie eine Art „Rahmen“ die traumatische Geschichte des von seiner Mutter missbrauchten Mannes. Beides sind Formen von Gewalt, egal ob mit der Schippe oder mit „Liebeserpressung“ zugeschlagen wird (letzteres ist m. E. noch schlimmer). Und dazwischen die Erzählerin, die alles genau beobachtet, aber nicht eingreifen kann….

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    • Liebeserpressung: Das Kind liebt seine Mutter und will sie glücklich machen (eine totale Überforderung). Die Mutter aber nutzt die Liebe des Kindes aus, indem sie das Kind für eigene sexuellen Bedürfnisse ausbeutet. Damit raubt sie dem Kind oder Jugendlichen sein eigenes, selbstbestimmtes Leben und zerstört mit dem Übergriff seine Würde. Der Sohn wird darüber nicht so einfach hinwegkommen. Er wird schwer traumatisiert sein. Wie soll er seine Scham und Einsamkeit, seine verratene Liebe und seinen Ekel vor ihrem respektlosen Zugreifen verarbeiten? Unter dem Deckmantel der Liebe verfolgt sie ihn nun weiter, diese arme, kranke Frau, und säuselt und droht. Das meine ich mit Liebes-Erpressung.
      PS: Dass der Sohn so weit weg gereist ist, zeugt von seiner inneren Kraft. Und auf die Freundin (?) die mit gesunder Abneigung sensibel und klar auf diese Mutter reagiert, kann er stolz sein.

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      • Verstehe. Vielen Dank für die Ausführung.

        Die Flucht des Sohnes war leider nur halb geglückt.
        Soviele Kilometer zwischen ihm und ihr, und doch hatte sie immer noch Macht über ihn. Immerhin hat er sie sogar zu unserer Hochzeit eingeladen.
        Ich selbst hatte der Mutter wenig entgegen zu halten. Immer nur soviel, wie er bereit war sich zu widersetzen.
        Ich befürchte, dass er dieses Trauma ein Leben lang nicht los wird.

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  2. Wie grausam!
    Wie man so etwas seinem Kind antun kann, es als Besitz ansehen und benutzen. Eine schicksalshafte Verstrickung zwischen all den Menschen hier!
    Wie ist es Ihnen denn gelungen sich daraus zu befreien?
    D. hat es wohl nicht geschafft, wenn ich den Unterton richtig verstehe.

    In meiner Arbeit treffe ich ab und an auf Kinder, bei denen ich ähnliches vermute. Sie sind hin und her gerissen zwischen Liebe und Abscheu und können sich doch nicht befreien.

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    • Sie haben Recht: es war eine schicksalhate Verstrickung zwischen allen Beteiligten, und das gleich auf mehreren Ebenen.
      Ich habe die Beziehung drei Monate nach diesem Geständnis beendet.Allerdings hat es lange gedauert, bis ich mich davon erholt hatte.
      Was aus Daniel wurde, weiß ich nicht. Das ganze endete sehr hässlich.

      Soetwas wird ein Kind, bzw. ein Jugendlicher nicht mehr los. Jede enge Beziehung in der Zukunft wird davon zumindest überschattet sein, oder aber unmöglich werden.
      (Arbeiten Sie auch im sozialen Bereich?)

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      • Manche sind so stark, und andere verbrennen daran.
        Eine schlimme Geschichte, auch das wieder Rausfinden. Wer weiß, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie nicht so stark, so kosequent geblieben wären. Das schaffen nicht alle.
        Ich bin Lehrerin, mit allem möglichen Zusatzkram.

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  3. Wenn das jetzt alles nicht nur eine schreiberische Fingerübung war, sondern Realität, dann Gute Nacht.

    Es gilt zu bedenken, was dieser Typ, dein D, so an genetischen Erbe mit sich trägt. Wenn man heute davon ausgeht, dass Kriegstraumata sich noch bei den Enkeln auswirken können, es geht dabei nicht nur um die Kriegsenkel-Geschichten mit ihrem innewohnenden Gefühl, von den Eltern kurz gehalten worden zu sein, sondern um genetische Auswirkungen, da nach heutiger Ansicht, auch menschliche Beziehungen nachhaltigen Einfluss auf das Epigenom und somit auf das Leben und die Gesundheit haben, dann, ja dann, brauchst du ein stark ausgeprägtes Helfer-Syndrom und eine große Stresswiderstandsfähigkeit und solltest dich mit neueren Aspekten der Resilienz auseinander setzen.

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    • Danke für Deinen Kommentar.
      Mit Epigenetik habe ich mich bisher nur am Rande befasst, finde das Forschungsgebiet aber sehr interessant.
      Neben seiner epigentischen Belastung brachte D. (nein, dieser Text ist keine Fiktion) ganz konkrete Traumata mit, die er in seiner Vita erlitten hatte.
      Unsere Beziehung hielt dem nicht Stand. Ich helfe zwar gerne, aber ungern in einer Liebesbeziehung, wo es nicht hingehört, wenn man eine Partnerschaft und keine Co-Abhängigkeit wünscht.
      Das Thema Resilienz, ist mir sehr vertraut.
      D.s Resilienz reichte nicht aus, um ein normales Leben führen zu können. Wie auch.

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