Mondsucht

Deutsch: Jean-Baptiste-Siméon Chardin: Der Roc...

Deutsch: Jean-Baptiste-Siméon Chardin: Der Rochen, 1728 (Photo credit: Wikipedia)

Beim Zähneputzen schauen mich die dunklen Augen meiner Mutter an. In der Mundhöhle surrt ein wütender Hornissenschwarm. Müde sehe ich aus, und blass. Nicht krank werden.
Schwindel. Blutdruck. Mangelnder Schlaf. Nachts rätselhafte Nachrichten verfassen. Keine Erinnerung. Filmriss ohne Alk, nocturnes Sprachwandeln. Die andere Seite weiß es zu nehmen. (Flohr-Otis oder Jot Jot 1)
Meine Mutter wusste (ahnte) vielleicht mehr als alle. Ein Gedanke, wie ein Faustschlag.
Luft holen.
:Tierkinder, die totgebissen oder liegen gelassen werden. Verstoßen.
Vernachlässigung als instinkthafte Handlung.
Ich schalte die Ultraschallbürste aus. Der Schwarm schweigt.
Ihre Augen im Spiegel.

19 Kommentare zu “Mondsucht

  1. Jahrelang denkt man mit dieser Familia ist man nicht verwandt. Das kann einfach nicht sein, nein, niemals. Wahrscheinlich wurde man als Baby vertauscht. Doch plötzlich erkennt man die Augen oder eine Körperhaltung. Das Unheil setzt sich fort.

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    • „…und plötzlich ist man mitten drin in einer Wiederholung, die okay sein kann, wenn man sie wollen würde.“

      Wenn man sie wollen würde. So aber ist es die Unentrinnbarkeit der Gene, die uns das Gesicht derjenigen überstülpt, unter denen wir am meisten gelitten haben, weil wir sie so vermissten.
      Danke für das Video! Sehr passend und wunderbar exaltiert.
      Schön im Hintergrund (oben rechts): Vivez sans temps.
      Lebt ohne Zeit.

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  2. Wobei das, was das Muttertier ‚weiß‘, gar nichts mit dem Kindtier zu tun haben muß. Vielleicht weiß es nur um seine Schwäche oder einen Unwillen.
    Die ‚instinktive Handlung‘ kann anderen etwas sagen, ja.
    Aber oft nichts über sie.

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  3. Möglicherweise ist es nur die eigene Schwäche, oder ein „Unwille“, der das Muttertier dazu bringt sein Kind zu töten, zurück zu lassen oder zu vernachlässigen.
    Wenn aber nur eines von mehreren Kindern, das mittlere Kind nämlich, verstößt, ist das schon ein wenig rätselhaft.
    Wo kommt dieser Unwille her?
    Ist es nicht doch denkbar, dass die Mutter etwas über das Kind „weiß“, oder zumindest ahnt, was sie zu dieser Selektion veranlasst?

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  4. Doch eben dann geht es um ihre Schwachheit.

    Kein Kindtier ist mit unabänderlichem Sosein geschlagen. Was sollte sie also vorauswissen ? Daß es ein ’schwieriges‘ sein wird ? Es einmal ’schwer haben‘ wird ? Gut möglich. Aber – warum es gerade dann im Stich lassen ?

    In einer Erzählung von Anna Seghers fand ich einmal einen Satz, der mich ins Herz traf: „Er war ein Vater, der immer für das Kind am meisten da war, das ihn am meisten brauchte.“

    Eine Frage ist doch immer einfach zu beantworten: Welches von beiden ist der Pflegling ? Welches von beiden hängt am dünneren Faden ?

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    • Ich glaube wir meinen beide etwas Unterschiedliches. Es gibt Eigenschaften, da hast Du vollkommen Recht, die beeinflussbar und veränderbar sind, und es gibt solche, die in unseren Genen liegen.Ich meinte letztere: eine Mutter könnte eine Krankheit vorausahnen, die erst viel später ausbrechen und das Leben des Kindes beeinträchtigen wird.
      Dieses Sosein wäre dann unabänderlich, und das Muttertier würde seine Energie vielleicht lieber für den genetisch gesunden Nachwuchs einsetzen wollen.

      Der Satz von Anna Seghers trifft auch mich ins Herz.
      Weisst Du noch in welcher Erzählung Du ihn gelesen hast?

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      • „seine Energie lieber .. einsetzen“ – daran dachte ich für einen Moment. Aber dann steht etwas in mir auf und ich möchte die schonend-fabelnde Metapher nicht mehr haben – weder Muttertier noch Kindtier. Dann nämlich: Sollte es einer Frau, als Mutter, unmöglich sein, dem Kind das Schicksal tragen zu helfen, statt es damit alleinzulassen ? (Immer angenommen, das Schicksal ist so, wie vermutet/phantasiert/erahnt. Ich bin etwas in Zweifel, daß es so etwas wie eine Ahnung für ‚genetische Belastung‘ gebe.)
        Sie hat es denn doch nicht an der Straße aufgelesen. Sie hat es ‚empfangen‘, wie es im Deutschen so schön heißt.

        Die Erzählung heißt „Das Ende“ und ist, glaube ich, u. a. in den „Erzählungen 1945-1951“ bei Aufbau erschienen.

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        • Entschuldige die verspätete Antwort.
          Du hast Recht: lassen wir Muttertier und Kindtier weg.
          Eine Frau empfängt ein Kind, das sie nicht haben möchte, bzw. vielleicht gerne haben wollen würde, das Gefühl wächst aber nicht. Die Bindung bleibt aus. Soetwas gibt es, auch ohne Kindbettdepression.
          Wie Du, ich bin im Zweifel ob sie tatsächlich in der Lage ist, mit welchen Sensoren und Antennen auch immer, eine genetische Belastung des Kindes zu erkennen, bzw. zu erahnen.
          Dennoch stellte sich mir, an diesem Morgen im Spiegel, aus dem mich ihre Augen anschauten die Frage nach dem Warum.
          Und zum ersten Mal kam mir die Idee, dass sie etwas wusste ohne es zu wissen.

          Danke für die Auskunft. Ich werde mir die Erzählung besorgen.

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      • Danke. Ich begann mich schon leise zu fragen, ob ich nicht etwas zu nah war. Dann wäre Schweigen ja angemessen gewesen.

        Es ist sowieso ein wenig heikel, so weit. Du exponierst Dich, sicher, aber darum ist nicht schon jede direkte Antwort auch passend. Und nüchternes Analysieren zumal steht recht schief zur schönen Magie Deines Textes. Ich hatte nur eben gefühlt, daß das Autor-Ich hier etwas zu sehr bereit war, sich ins Unrecht zu setzen, und sei es probehalber.

        (Ja. Eben habe ich nochmal gelesen. Es bleibt etwas stehen. Der Atem, das Herz – )

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        • Du bist mir nicht zu nahe getreten, noch fühlte ich mich unwohl, keine Sorge.
          Wenn ich mal auf Kommentare nicht antworte, dann liegt das daran, dass das Leben mich davon abhält, und wenn mir etas zu nah wird, dann umschiffe ich das Thema.
          Der Text hat mehr Aufmerksamkeit erregt, als ich erwartet hätte, und darüber freue ich mich.
          Dass ich mich exponiere stimmt. Da ich dies anonym tue, fühle ich mich dabei aber ganz wohl.
          Vielen Dank für das Kompliment. Das Herz soll aber bitte nicht stehen bleiben. Der Atem reicht. :)

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  5. Oder aber, sie erkennt etwas in diesem Kind von sich, oder etwas erinnert sie in ihm an andere, dass es ihr nicht gelingt, dieses Kind anzunehmen. Weil es ihren dunklen Seiten ähnlich ist.
    Oder das Kind war nicht so schmiegsam wie die anderen. Es wollte erobert werden. Und sie wusste nicht wie oder es war zu mühevoll.

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    • Auch das ist denkbar. Gerade die Ähnlichkeit kann zu Ablehnung oder zu einer Konkurrenzsituation führen.
      Ob Säuglinge tatsächlich schon erobert werden wollen, wieß ich nicht.
      Manche allerdings sind sogenannte „Schreikinder“. Das kann die Beziehung zwischen Mutter und Kind sehr beeinträchtigen.
      Laut den Erzählungen war ich ein solches. kein Nachtschlaf über Wochen und Monate. Das mürbt.
      Die Liebe ist ein Mysterium. Auch die Mutterliebe. Wir wissen einfach nicht, warum wir den einen Menschen lieben, den anderen, der uns ebenso zugewandt ist, aber nicht.

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