Spielende Füchse

Reh mit Jungen, handkolorierter Holzschnitt 8 ...

Reh mit Jungen, handkolorierter Holzschnitt, 1922 (Photo credit: Wikipedia)

Der Rückweg führt uns durch brandenburgische Alleen.
Wildwechsel. Viele Unfälle.
Immer wieder stehen in der Bewegung erstarrte Rehe auf der Fahrbahn.
Junge Füchse spielen am Straßenrand, und aus der Böschung blitzen Augenpaare kleiner Tiere uns an.
(Ewald ist ihr Name)
Stumme Kulisse. Traumwelt. Merkwürdig flach im weißen Licht der Scheinwerfer.
In meinem Kopf höre ich Björks überdrehte Stimme, die den Mond anheult.

Die Hochzeit war schön. Zwei bildende Künstler und ihre Entourage.
Als wir ankommen sind die meisten schon angeschickert und der Kollektivrausch wabert uns wie eine angenehme Wolke der Zuneigung entgegen. Niemand wird laut, selbst das Lachen gleicht eher einem verhaltenen Glucksen oder Kichern. Beinahe so, als wolle man keine Kinder wecken.
Auf dem Tanzplatz am alten Schuppen ist eine Gläserpyramide aufgebaut. Im goldenen Licht der untergehenden Sonne lässt ein blonder Vollbartträger perlenden Roséschaumwein in das oberste Glas laufen, bis jedes einzelne randvoll gefüllt ist.
Ein altes Grammophon wird angekurbelt, und das Brautpaar eröffnet zum leiernden Walzerklang den Reigen.
Du hier?“ spricht mich eine Stimme an. Wir haben uns seit gut zwei Jahren nicht gesehen, und der Abschied war kühl.
Auch das vermag dieser Abend zu glätten.

Im Schatten des Kiefernwäldchens, oberhalb des Sees, nehmen wir das Abendessen zu uns.
Auf Bänken, Reih in Reih, wie in einem Biergarten.
Die Wildschweine sind viel zu früh gebracht worden, nun ist das Fleisch kalt. Die glückliche Braut nörgelt ein wenig, der Form halber. Mir ist es egal. Meine gefüllte Aubergine ist heiß und köstlich.
M., der Gärtner, sitzt mir gegenüber und lächelt mich aus stechend blauen Augen an. Er lebt fast ganzjährig alleine hier auf dem großen Hanggrundstück. Nur die Labradorhündin Maggie begleitet ihn durch den Tag. Ich soll ihr einen neuen Namen geben, sagt er, den alten mochte er noch nie und Töles Name gefällt ihm gut.
Du bist viel zu jung, für diese Einsamkeit, denke ich. Keine Menschen, immer nur der Garten, die Kiefern und das Wasser. Im Sommer, so erzählt er mir, verreist er manchmal. Nach Norwegen. Das gefällt ihm. Da gibt es alles: Seen, Wald, Berge. Und Stille.
Ja, die Berge, die fehlen mir auch. Es müssen nicht unbedingt die Alpen sein. Aber Mittelgebirge, das wäre schon schön. Stattdessen allüberall nur märkischer Sand.
Wir zucken mit den Schultern.

Das Haus steht unter Denkmalschutz. Ende der 30er von Scharoun entworfen ist es von bestechender Schlichtheit und Eleganz. Die Veranda zum Wasser hin ist bodentief verglast.
Von draußen schaue ich in die heimelig erleuchtete Stube.
Es muss so schön sein, oben auf der Galerie zu schlafen, und morgens in den Nebel zu blicken, der vom See aufsteigt, und sich im Laufe des Vormittages langsam auflöst. Doch wir bleiben nicht über Nacht. Ich träume nur.

Am Mittag, auf dem Weg zur hölzernen Kirche, ist der engere Kreis auf Fahrrädern beinahe 50 Minuten durch den Wald gegondelt, als plötzlich ein heftiges Gewitter herunterging und es deutlich abkühlte.
Anlass genug bei der nächsten Gaststätte Halt zu machen um sich mit einem Klaren zu wärmen und Mut anzutrinken.
Der Wirt mochte nicht so recht, hatte keine Gläser, keine Laune, keinen Schnaps. Nicht für die überdrehte Westgesellschaft.
Getraut haben sie sich dann trotzdem.

Das Erlebte ist schon jetzt eine Anekdote, die den später Dazugekommenen lachend zum Wein serviert wird.
Auch ein alter Koffer wird herum gereicht und die vorsorglich gefüllten Hosentaschen geleert. Kollekte.
Nach Südindien soll es gehen, im Januar, wenn es hier zu kalt wird. Die Eltern haben dicke Umschläge spendiert, ganze Brautschuhsammlungen werden hinein gekippt. Die Braut jubelt „Geld, Geld!“. Alle lachen.
Die Mutter des Bräutigams geht von Tisch zu Tisch und versorgt die Gäste mit Mückenschutz.
Der Hausherr holt Decken. Es wird kalt.
Irgendwo auf dem weitläufigen Grundstück macht einer ein knisterndes Feuer.
Auf der Terrasse tragen Freunde und Familie  Selbstgemachtes vor.
Gedichte, Lieder, Anekdoten.
Lagerfeuerromantik.
In der improvisierten Feldküche werden inzwischen die letzten Vorbereitungen für das Dessert getroffen.
Der Brautvater setzt sich neben mich und erzählt mir von seiner Tochter. Der Kleinen.
Benannt hat er K. nach einer seiner Schülerinnen. Als Trost für die schlechten Noten, die er ihr geben musste.
Ein schöner Name, einer der sie schmückt, wie das Krönchen in den Locken, und das dezente Kleid.
Es fällt ihm schwer sie gehen zu lassen, das spürt man.

Hinter dem Wäldchen steht groß der Vollmond. Der Himmel ist klar.
Mich friert und der Unterfranke legt eine Decke um meine Schultern.
Ich schließe die Augen und atme tief aus. Irgendwo tief in mir tut es weh. Ich schlucke.

Der Tag neigt sich dem Ende zu.
Einige Gäste sind bereits in ihren Zelten und legen die Kinder schlafen. Andere gruppieren sich ums Feuer.
Auf der Terrasse wird geplaudert, getrunken und gelacht.
Musik dringt vom Tanzplatz herüber an mein Ohr. Ich bin sehr müde und es wird Zeit für uns zu gehen.
Schweren Herzens verlassen wir diesen besonderen Ort.
Töle dreht eine letzte Runde durch den Garten, die Nase dicht am Boden.
Als wir das Tor hinter uns schließen höre ich unten vom See Maggies tiefes Bellen.

8 Kommentare zu “Spielende Füchse

    • Ja, das war einfach toll.
      Das Haus ist absolut beeindruckend. So schlicht und zugleich raffiniert (vor allem innen).
      Aber auch alles Andere stimmte an diesem Samstag im August.
      Freut mich, dass Dir der Text gefällt.

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  1. Ich bin froh- kein kleiner Fuchs wurde von unseren Lieben in dieser Nacht überfahren! Sie fanden alle gut in ihre Zelte und Höhlen unter den Wurzeln im sandigen Wald.
    K.

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