Manifest

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Mainfest
, nicht Manifest.
In dem großen Bassin schwimmen überdimensionierte Wasserbälle aus transparentem Plastik. Verschlossen mit einem grobzahnigen Reissverschluss, einer langen Narbe. Darin, kugelnde Kinder. Spaß haben. Oma und Opa sitzen müde am Beckenrand.
Es ist Freitag, es ist schwül und die Stadt ist voll. Die Polizei hat ein größeres Areal abgesperrt. Irgendwo wird eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Stau. Der Unterfranke kommt nicht durch. Um den Block zu fahren gestaltet sich schwierig. Einbahnstraßen, immer nur Einbahnstraßen. Ich warte im Hotel am Gerippten auf ihn. Der Barkeeper Sherif B. begrüßt mich mit Handschlag.
Große Freude, wie geht es Ihnen, danke gut.
Wie immer läuft der Fernseher in der Lounge. Sport, ohne Ton.
Eine dreiköpfige Delegation im Anzug prüft die Fluchttüren des Hotels und macht Notizen. Ich trinke einen Cappuccino und schaue ihnen dabei zu. Sie sind konzentriert und viel zu gut gekleidet für den Job. Das ist Frankfurt.
Derweil braut sich draußen ein Gewitter zusammen. Schon wieder.
Später, bei unserer Rückkehr, werden die Freunde aus dem Spessartdorf erzählen, dass sie den ganzen Tag in der Sonne saßen.
Travis
Nach dem großen Guss, mit Grollen und Blitzen, ist der Himmel immer noch bedeckt und schwefelgelbe Wolken stehen im Osten. Ein warmer Wind geht. Ich liebe diese Stadt.
Vom Westhafen laufen wir Richtung City, immer am Main entlang.
Ich zeige den Anderen das Kleinnizza mit den Bananenpalmen, dem Kakibaum und dem riesigen Ginkgo. Der typische Wuchs. Dicht beblättert, mit wenigen Verästelungen.
Auf dem nassen Rasen lagern die Obdachlosen mit roten Gesichtern. Eine dünne, schmutzige Matratze hängt im Blauglockenbaum. Unter dem Sandsteingewölbe der Brücke stinkt es nach Pisse. Überall Scherben. Daneben ein Kinderspielplatz.
Hunde sind an der kurzen Leine zu führen
Töle scheucht halbherzig Gänse auf, die sich ihr in den Weg stellen und sie aus kleinen schlauen Augen anschauen. Am Himmel spielen Krähen im Wind. Rähräh.
Jakob!
So viele Tiere sind mir auf dieser Reise schon begegnet. Kühe, Kälbchen, Pferde und Schweine. Eine tote Blindschleiche.
Bei Starkregen im Wald bei Oberstdorf sogar Alpensalamander. Schwarze Urtiere, in der Bewegung erstarrt als wir uns nähern. Den dritten, den wir sehen, müssen wir anfassen. Seine Haut ist warm, der Körper pneumatisch wie Weingummi.
Ich denke an die Seekuh im Berliner Tierpark. Gefangen in einem schmalen Becken, das kaum den Radius eines Flossenschlages erlaubt, liegt sie dort im trüben Wasser. Auch sie fühlt sich warm und elastisch an.
Eine Elefantenkuh im gleichen Haus hat gerade gekalbt. Das Kleine steht schutzsuchend zwischen ihren Beinen, während die Menschentraube vor dem Käfig es lautstark bestaunt. Der Pfleger hält die Tiere mit einem Elektrostock im Zaum. Ein Schild erklärt, dass die Kette am Bein der Elefanten ganz natürlich ist und mit Tierquälerei nichts zu tun hat. In Indien macht man das so.
Mit einem kräftigen Strahl pinkelt die Mutter ihrem Jungen auf den Kopf.
Draußen, auf dem Brückengeländer, vor dem Schloss Friedrichsfelde, sitzen die Pelikane und klappern mit den Schnäbeln.
***
Der alte Doktor ist gestorben. Rauchen und Übergewicht. Mit seinem Sohn ging ich zur Schule.
In seinen Räumen hat die Tochter des Zahnarztes nun ihre Tierarztpraxis eröffnet. Auch ihr Vater ist inzwischen verstorben.
Bei seiner Beerdigung soll es so kalt gewesen sein, dass die eingefrorenen Orgelregister nur ein krächzendes I did it my way hervorbrachten.
Bei der Tochter hole ich jetzt Frontline gegen die Flöhe, die wir uns im Hotel in Augsburg eingefangen haben. Das Gift wird mit einer Pipette zwischen den Schulterblättern des Tieres aufgebracht. Die nächsten 24 Stunden darf ich den Hund nicht streicheln. Nass werden soll sie auch nicht. Wir versuchen es.

Die schönen Villen in der Melsunger Straße. Oben Fachwerk, das Gesims aus rosa Sandstein. Erbaut um die Jahrhundertwende, als Freud die Hysterie erforschte und Europa ein großer Krieg bevor stand. (Der Mann, der seiner Heimatstadt das Geld für eine Gaslaterne überweist, die er vor 70 Jahren mit einer Steinschleuder eingeschossen hat. Rechnungen begleichen.)

Schau, und hier bin ich als Kind singend um die Ecke gehopst, als mir eine Schmeißfliege in den Mund flog, die ich versehentlich verschluckte. Mir ist jetzt noch schlecht.

Da ist der Hydrant, unter dem der Galan seine Dusche nahm, hier der Park meiner Kindheit und dort haben wir gezündelt.
Dahinten das Unfallkrankenhaus der Berufsgenossenschaften.
Oben am Himmel klopfen die Rotorblätter von Christoph II.
Kundschaft
Unten auf der Wiese sitzt eine Rothaarige im Rollstuhl. Sie ist Anfang Zwanzig. Eine blasse, zarte Schönheit. Ihre Hände sind getaped, die Beine fixiert, die Narben des Luftröhrenschnitts noch rot. Hoher Querschnitt. Ihr Freund ruft Töle zu sich und krault den Hund zwischen den Schulterblättern.
Mein Blick begegnet ihrem. Wir lächeln uns an.

Musik zum Text: Travis, Why does it always rain on me

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