Unterwegs

20140718_212051Dunkle Asphaltschlange, Kilometer um Kilometer. Richtung Süden, die märkische Ödnis im Nacken.
Hitze, Klimaanlage, Stau. Enthauptetes Ford-Cabriolet, hellblau metallic. Rettungseinsatz.
Langsam rollen wir vorbei. K. gefallen die Feuerwehrmänner. Auf starken Armen aus lodernden Flammen gerettet werden. Meiner Erlösung geht die Kreuzigung voraus.
Die Landschaft wird lieblicher. Weiche Hügel im goldenen Abendlicht. Cellokonzert in h-moll von Dvořák.
Noch eine halbe Stunde bis zum Hotel. K. fühlt sich unwohl, fiebrig.
Linkerhand Military Lagerverkauf, daneben eine Grabsteinausstellung, rechterhand ein bayerisches Dörfchen mit Zwiebelkirchturm.

Ihr Ziel liegt in 5,5 km links

Die Hunde schlafen. Tiefblauer Himmel über der Brecht-Stadt. Kühler Tiefgaragenbauch. Erinnerung an eine Überfahrt zur Insel Korčula, im früheren Jugoslawien. So lange her. Die Mutter schlafend in der Kabine. Der Vater auf Chorreise in den USA. Die Schwester Zuhause, der Fürsorge des lüsternen Familienfreundes ausgeliefert, und der Bruder auf Deck im Portwein ertrunken.
Im dunklen Schiffsbauch, zwischen den parkenden Autos, treffe ich Doda, den ersten Matrosen nach Donald, meinem Urmatrosen.

Öl, Jod, Haut, Muskeln, Schweiß.

Am Morgen sitze ich versonnen auf dem Oberdeck und schaue auf das glitzernde Meer. Einer fängt an zu singen, viele stimmen ein.
Yugoslavia
Die Luft riecht nach Salz. Von hinten umfassen mich zwei Arme, ein flüchtiger Kuss im Vorbeigehen. Der Geruch der vergangenen Nacht. Kleine Härchen auf weisser Haut.
Die Mutter kommt an Deck. Drall und tief ausgeschnitten. Die begehrlichen Blicke der Männer. Der kleine Schmerz, als auch er sie ansieht. Ein Lächeln für mich. Mein Herz springt.

Zum Abschied zieht er mich an sich. Wir umarmen und küssen uns. Mit dem Gang an Land endet die Nacht.
Noch Jahre werde ich mich an seinen fehlenden Schneidezahn und das schiefe Lächeln erinnern.

Von der Tiefgarage fahren wir ins Erdgeschoss zur Rezeption. Einchecken.
Im Zimmer wälzen sich die Hunde auf dem Boden. Etwas krabbelt an meinem Hals. Ein Floh.
Nach dem Füttern gehen wir in die Stadt. Wir sind beide müde und es ist immer noch unerträglich heiss.
Gegen jede Gewohnheit nehme ich Laub mit Dressing und gebratenen Schwammerl. Wir essen schweigend und gehen früh, nach einem kurzen Hundespaziergang, zu Bett.

In der Nacht werden die Klimaanlage und das Essen ihr Werk vollenden.
An eine Weiterreise ist nicht mehr zu denken.

8 Kommentare zu “Unterwegs

  1. Schön geschrieben. Vielen Dank für den kleinen Ausflug. Zugegeben, das ist etwas voyeuristisch von mir. Das liegt wohl an dem TV-Konsum so ab und an.

    Um so besser, dass es kein Ende gibt, keine Auflösung, keine Dramatik die sich in weiße Wölkchen auflöst. Eben kein TV, noch nicht einmal ein Roman. Vielleicht solltest Du etwas daraus machen…

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  2. „Kilometer um Kilometer. Richtung Süden, die märkische Ödnis im Nacken.“

    Das ist ein Dauergefühl, das ich in Gegenrichtung habe. Die Fahrt auf der A9 mit wenigen Fahrzeugen, mit notgedrungen hohem Tempo, damit man Dynamik spürt, und diese anonyme Landschaft mit Kiefernwäldern, leer, platt, unheimlich. Dazu das Wissen, dass hier auch abseits der Autobahn alle Traditionen im Eimer sind und die Lasagne aufgewärmt und der Espresso löslich. Dass jede Dorfmitte perfekt herausgeputzt ist und den unproduktiven Leuten dort damit doch nur Gewissensbisse eingepflanzt wurden. Dann die Weite, die man als Westdeutscher auch nicht gewohnt ist, man fährt 100 Kilometer und nichts ist passiert.

    Berlin ist nach wie vor eine Insel.

    Interessant wird es werden, wenn sich im Osten Wüstungen einstellen, wenn ungezwungen Neues entstehen kann.

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    • Berlin ist noch immer eine Insel. Zum Glück.
      Die Ödnis ringsum erinnert mich stark an die Champagne, die zu durchqueren man auf dem Weg nach Paris gezwungen ist.
      Die Erwartung der aufgewärmen Lasagne und des giftigen Espressos, der misstrauischen oder hassverrammelten Gesichter, die einem dort begegnen können, hält mich üblicherweise von Ausflügen in der Region ab.
      Es muss mir schon sehr schlecht gehen, damit ich mich dem berechtigten Frust der „unproduktiven Leute“ dort aussetze.

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      • Oha. Das ist deutlich. Hassverrammelt ist ein schönes Wort, dreimal s, r und m, passt zum Inhalt.

        Berlin ist immer noch eine Insel, zum Glück, ja, denke ich mir auch. Von mir aus könnte man auch die Mauer um Berlin wieder aufbauen, mit kleinen Türen drin. Nicht, um jemanden abzuhalten, aber weil mans so gewohnt war. Hat auch etwas exotisches.

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