Life is life

requiem:
(Photo credit: Giovanni Giorgini)

All art constantly aspires towards the condition of music

 

Eines Tages erklärte mir mein Vater, dass die Anzahl der möglichen, komponierbaren Melodien endlich sei.
Fortan machte ich mir große Sorgen, dass ich diesen Punkt, an dem alle Melodien der Welt aufgeschrieben und vertont waren, würde miterleben müssen. Danach würden Wiederholungen mein Leben arm und eintönig machen.
Ich nahm mir vor, nicht zu verschwenderisch mit den Melodien umzugehen, nicht zuviele auf einmal zu hören und damit gleichermaßen zu verbrauchen, so dass der Vorrat, selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, ausreichen würde.

*

Wir gehen mit den Hunden spazieren. Ich summe vor mich hin..
Das gibt’s doch nicht,“ sagt U. „den gleichen Ohrwurm habe ich auch.“
Kann ich mir kaum vorstellen, ich summe gerade das Brahms-Requiem.“
„Eben, genau das hab ich auch seit ein paar Tagen im Ohr.“
Zusammen flanieren wir durch den Tiergarten und singen :“Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“.
Es ist Sommer.

*
Auf einem Zettel, den meine Schwester unlängst in Frankfurt hängen sah, stand Folgendes:

Ich schenk Dir einen Ohrwurm

Darunter war das Blatt durch vertikale Schnitte zum Abreissen kleiner Schnipsel vorbereitet, und mit
Life is life
beschriftet.
Noch während unseres Telefonates habe ich den LaLa-LaLaLa-Loop bereits im Kopf, und werde ihn für de nächsten beiden Tage beinahe unaufhörlich singen.
Danke schön.

17 Kommentare zu “Life is life

  1. Ich glaube, Dein Vater hat sich geirrt und die Möglichkeiten sind unendlich. Musik hat doch was mit Mathematik zu tun und die Zahlenmöglichkeiten sind unendlich.

    Viel Spaß beim Zuhören.

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    • Unendliche Möglichkieten an Tonkombinationen vielleicht.
      An Melodien, die das Ohr hören möchte wahrscheinlich nicht.
      Dennoch sicher genug für ein ganzes Leben.
      Ich höre und höre und der Vorrat scheint nicht weniger zu werden.
      Allerdings kommt immer seltener Neues, das ich als hörenswert einstufen würde.

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      • Nicht alle Musik ist hörenswert, das ist klar.

        Unendlichkeit bedeutet auch, dass Untergruppen – also auch „Melodien, die das Ohr hören möchte“ – unendlich sind. Du hast sie nur noch nicht alle gehört. Ein Menschenleben ist nicht lang genug und alle guten Melodien sind noch gar nicht komponiert worden.

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  2. Jetzt hab ich einen Ohrwurm. Brahms ist es aber nicht. :-D

    Ich glaube auch, dass jede Kunst in irgendeiner Form musikalisch ist, Melodie und Rhythmus in sich trägt. Genauso malt aber auch jede Kunst Bilder und schreibt jede Text (bzw. mit an dem einen großen Text, so sehe ich es), webt sich ein in ein Gesamtgewebe. Eine Multistofflichkeit.

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  3. Ich glaube, theoretisch hatte dein Vater Recht. Die Anzahl ist begrenzt, so wie auch die Anzahl möglicher Farben begrenzt ist (der Farbkreis ist ja geschlossen). Man entdeckt aber immer neue (Farb)nuancen. Und wenn sich Wahrnehmung und Kreativität immer weiter ausdifferenzieren im Laufe eines Lebens, ist die Anzahl praktisch unendlich. Gott sei Dank! (Nebenbei: ich habe das komische Gefühl, dass Väter zum theoretisch Rechthaben neigen…) Wäre übrigens gerne Ohren/Augenzeuge der Tiergartenszene gewesen – wie anrührend :-) (Beim meinem nächsten Gang durch den Tiergarten spitze ich mal die Lauscher, vielleicht gibt’s ja einen neuen Ohrwurm…)

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    • Danke für die Mut machenden Worte!
      Die Nunancen sind es wohl, die die Anzahl unendlich machen. Sie müssen aber immerhin noch wahrnehmbar sein, und sie müssen auch eine gewisse Harmonie zeigen, sonst werden wir die Melodien kaum hören wollen. Nicht jede Tonfolge ist Musik.
      Inzwischen mache ich mir keine Sorgen mehr. Die Musik scheint zu reichen für den Rest meines Lebens, und die guten Songs höre ich einfach immer und immer wieder. :)

      Das nächste Mal im Tiergarten unbedingt hinhören!
      Irgendetwas summe oder pfeife ich eigentlich meistens.

      Man sieht oder hört sich.

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  4. Mathematisch gesehen hat Dein Vater unrecht. Abgesehen davon, dass es mehrere tonale Systeme gibt kann ein Musikstück beliebig lang werden. Ich kann immer noch einen Ton dranhängen.

    Tatsächlich aber habe ich die Tage ein Werk meiner Frau, das auf einem Stück von Bach beruht, mal „versehentlich“ harmonisch gesehen. D Em G A. Sehr gewöhnlich für den Meister, der das musikalische Opfer geschaffen hat. Nimm dies, die passende Interpretation und der Welthit ist fertig, reiht sich aber in eine unüberschaubare Reihe mit diesen Akkorden ein.

    Nun, das ist der Grund, warum wie vor Äonen in der Schule auf dem Flur aus dem Bauch heraus Jazz improvisieren konnten. Ella und Louis Amstrongs „Don’t be that way“ ist C Am, Dm, G ein klein wenig anders, doch funktional identisch zu Bachs Kadenz.

    War das zu trocken? Oh honey, don’t be that way.

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