Sex und Moral

Bundesarchiv Bild 183-J0421-2271, Gera, Turngr...

„Um ihr Studium zu finanzieren, bot sie ihre Reize feil, wie man früher gesagt hätte: Jed fand, dass dieser veraltete Ausdruck besser zu ihr passte, als der angelsächsische Begriff „Escort Girl“.
Sie nahm zweihundertfünfzig Euro die Stunde und einen Aufpreis von hundert Euro für Analverkehr. Er hatte gegen diese Tätigkeit nichts einzuwenden und schlug ihr sogar vor, erotische Fotos von ihr zu machen, um die Präsentation ihrer Webseite zu verbessern. Obwohl Männer oft eifersüchtig auf die Exmänner ihrer Geliebten sind, obwohl sie nicht umhin können, sich jahrelang und manchmal bis zu ihrem Tod beklommen zu fragen, ob es für ihre Geliebte nicht besser war mit dem anderen, ob der andere nicht besser im Bett war, akzeptieren sie im Allgemeinen sehr leicht, ohne die geringste Anstrengung, all die Dinge, die ihre Frau früher im Rahmen der Prostitution getan hat. Sobald eine sexuelle Betätigung an eine finanzielle Transaktion gebunden ist, wird sie entschuldigt, als harmlos angesehen, und durch den uralten Fluch, der auf der Arbeit lastet, gewissermaßen geheiligt.“

Michel Houellebecq, Karte und Gebiet

 

16 Kommentare zu “Sex und Moral

  1. Das ist eine gute Frage.

    Mich das Thema der sexuellen Gleichberechtigung.
    Phänomene bzw. Verbrechen, wie das öffentliche Auspeitschen von vergewaltigten Frauen wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs in Afghanistan.
    Die Rolle, die die Unbeflecktheit einer Frau für ihren Partner spielt.
    Dass Prostitution eine Frau weniger zu beflecken scheint, als lustvoller, freiwillig-freimütiger Sex mit verschiedenen Partnern (habe ich schon häufiger von Männern gehört, und finde das sehr interessant)
    Dass überhaupt der Gebrauch, den eine Frau in der Vergangenheit von ihrem Körper gemacht hat auch Jahre später noch eine so große Rolle für einen neuen Partner spielen kann.
    All diese Aspekte interessieren mich, und so kam mir Houellebecq gerade recht.

    Natürlich hab ich mir erhofft, dass jemand nachfragt, und sich vielleicht eine Diskussion daraus ergibt. :)

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    • Herzlichen Dank für den Link!
      Houellebecq hat wiklich eine angenehm trockene Art.
      Auf eine Empfehlung hin lese ich gerade „Karte und Gebiet“.
      Zunächst habe ich gezögert, weil ich befürchete, es könne mich so runterziehen, wie die anderen beiden Bücher, die ich vor einiger eit von ihm gelesen habe.
      Das tut es aber nicht.
      Er schlägt hier einen ganz anderen Ton an, der mir gut gefällt.

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  2. ich habe selbst aus finanziellen gründen in einem massagesalon gearbeitet (kein verkehr, nur „manuelle therapie“) – und meine beziehungsmänner machten die geschichten „von dort“ eher an als daß sie auch nur einen funken eifersucht oder besitz gezeigt hätten.

    hilft dir das?

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    • Ja, das hilft mir.
      Vielen Dank für Deine offene Antwort.
      Hast Du eine Erklärung dafür, warum der „professionelle Sex“ Deine Partner sogar anmachte, und hast Du umgekehrt erlebt, dass sie auf ehemalige Liebhaber eifersüchtig waren?
      Oder hattest Du das Geschick, Dir immer nur Männer zu suchen, denen Eifersucht generell fremd war?

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      • die männer, mit denen ich beziehungen führte, waren kaum eifersüchtig.
        ich denke, sie sahen die beziehung als selbstverständlich an – möglicherweise war ich ihnen auch nicht wichtig genug.

        es gibt genug männer, die es anmacht, wenn sie zusehen, wie ein fremder mann es ihrer frau besorgt (swinger, 9 1/2wochen).

        die beziehungsmänner hat mein job angemacht, manch einer wollte immer wieder hören, wie andere männer [job] mich! heiß gemacht haben. war wohl so eine art kopfporno, der anturnte …

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        • Sie wollten tasächlich wissen, wie andere Männer Dich heiß gemacht haben? Nicht etwa umgekehrt?
          Das erscheint mir tatsächlich ungewöhnlich.
          Ob Du den Männern nicht wichtig genug warst, lässt sich schwr daraus ableiten.
          Vielleicht nahmen sie sich auch nicht so wichtig.

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      • es geht schon auch um konkurrenz, um macht, um sich heißmachen über die hochkommende eifersucht und (besitz-)wut,

        viele männer (meine erfahrung) tun sich schwer, ggü. frauen, zu denen eine gute intellektuelle und gefühlsebene besteht, die als gleich“stark“ wahrgenommen werden, die nötige aggressivität/“wildheit“ beim sex zu entwickeln,
        die konkurrenzsituation trägt hier wohl zum loslassen der handbremse bei …

        soweit.
        hier.

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        • Möglicherweise geht es auch um Konkurrenz, ja. Zwischen Männern.
          Was Du beschreibst, bezüglich der intellektuellen Ebene zwischen Männern und Frauen, die den Mann beim Sex hemmen kann, ist auch ein interessantes Phänomen.
          Danke für die Einblicke.

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  3. Für eine Diskussion habe ich vielleicht eine zu einseitige Sicht auf das Thema (im Sinne von Selbstbezogenheit, Erfahrung), aber eine Leseempfehlung könnte ich doch anbringen: Robert Maynard Pirsig, vor allem sein zweites Buch Lila, daß bei mir die Saat von Verständnis bereitet hat.

    Ich habe eine Weile lang mit mir gerungen hier einen vernüftigen Kommentar zu schreiben, allerdings befürchte ich, daß das den Rahmen sprengt, schon der Länge wegen, und womöglich auch zu unausgegoren ist. Einfache Antworten gibt es zu dem Thema imo nicht…

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    • @Stony

      hab es nachgeschaut. Du meinst also „Zen, und die Kunst ein Motorrad zu warten“ und „Lila“.
      Von ersterem habe ich natürlich schon gehört.
      Mich hätte ein Kommentar von Dir, und auch das, was Du in „Lila“ gefunden hast, das bei Dir verständnisvorbereitend war, wirklich interessiert.
      Das Thema ist zu umfangreich, um es hier vollständig zu besprechen.
      Aber die Frage, die mich interessiert, ist die: was bedeutet die Unbeflecktheit der Frau dem mann. Ist das ein erweiterter Ehrbegriff, oder geht es in Wahrheit um Rivalität zwischen Männern?

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        • Danke, habe deine Mail gelesen, und werde sie später am Tag noch einmal ganz gründlich durchgehen, ehe ich Dir antworte.
          Für das Blog wäre es wohl etwas lang, aber die Kernaussagen von „Lila“, bzw. das, was Du mir als Zitate geschickt hast, sind durchaus passend und auch nicht zu ausufernd.
          Herzlichen Dank für Deine Mühe!

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  4. Von dieser sonderbaren Theorie habe ich noch nie was gehört. Ich glaube, der gute Houellebecq schließt – sieht man sich seine Lebensgeschichte an – eher von seinen eigenen Neurosen auf die Allgemeinheit.
    Ich schätze mal, Du willst auf das alte Thema: hat ein Mann viele Sexualpartner ist er ein toller Hecht, eine Frau mit vielen Sexualpartnern ist eine Schlampe.
    Auch hier denke ich, ist das doch ab einem gewissen Alter total ausgekekst, oder?
    Und bei der jungen Generation + – 20 ist das schon von vornherein gar kein Thema.

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    • Du fasst es kurz und knapp zusammen: genau auf das Thema wollte ich wohl hinaus.
      Ob sich das ab einem gewissen Alter erledigt hat, glaube ich, hängt doch schwer von den Werten ab, die jemand mitbringt oder glaubt verteidigen zu müssen.

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