Auf einem Bein

„Du mochtest im Sumpfe nicht schwimmen. Komm nun, komm,  und lass uns baden in offener See!“

Friedrich Hölderlin, Hyperion

Tunnel Vision

Tunnel Vision (Photo credit: Photochiel)

Zitternde Knie, seit der Schillingbrücke.
Kein Kind überfahren. Links Bremse.
Frankfurter Allee.
Eine Eisplatte rutscht von der LKW-Plane vor mir auf die Windschutzscheibe.
Der Verkehr fließt weiter.  Ich schwimme mit.
Scheibenwischer, Fenster runter. Frösteln. Nikotin.
Kurz vor dem Tunnel wird es wieder dunkel und eng. Ich hole Luft.
Kilometerlange Zielgerade.
Auf dem Klinikparkplatz ein Reh.
Der Gärtner lauert mir am Container für Gartenabfälle auf. Wie beinahe jeden Morgen.

Nicht lachen?“ fragt er.
Wonach sieht es denn aus?“
Nicht lachen.“
Eben.“

Worüber auch, du Nervensäge, denke ich.
Es ist November und schon klirrend kalt. Die Kastanien treiben eine zweite Blüte.
Notblüte, nennt M. das, wegen der Miniermotte.
Im Patientencafé essen sie blasse, weiche Brötchen mit einer Scheibe hellem Käse. Die Bedienung hat pinke Strähnen im schwarzen Haar.
In der Vitrine Krankenhaussouvenirs. Ein bandagierter Teddy.
Chefarzt, Oberarzt, Kollegen. Nicken, Lächeln. Geschäftigkeit.
Gang durch die verglaste Eingangshalle mit den deckenhohen, exotischen Bäumen. Draußen flammt der japanische Zierahorn.
Vor dem Aufzug liegt ein schwarzer Fahrradhandschuh.
Als ich einsteigen möchte, rennt er los. Auf mich zu. Eine Wolfsspinne. Ein Schrei. Ich flüchte Richtung Ambulanz. Die Automatiktür schlägt mir gegen die Schulter.
Ein Patient im Rollstuhl mit Fixatoren, die aus dem Unterschenkel ragen, lacht.

Spinnenphobie seit dem Hausbrand.
Im Schein der Taschenlampen sitzen sie auf Augenhöhe an den Wänden. Dutzende.
Vor dem Löschwasser geflohen
Meine Sorge um die neuen Strümpfe.

Herzrasen. Atemnot.
Der Argentinier. Der Hase und der Igel.
Jeden Tag, zu jeder Stunde an jedem Ort.
Ich finde dich überall

Während der Teamsitzung wieder dieses Lachen, das sich wie ein Hustenanfall nach oben schiebt.
M. nicht anschauen. Keiner weiss etwas.
Ich zeichne Katzennasen, dann Schnurrhaare und Dreiecke als Ohren.
Er schaut zu mir herüber. Wir lächeln kurz.

Ein Patient spricht mich an. Er hat uns zusammen gesehen. In der Abendschau. Kreuzberg. Ganz sicher.
Kann nicht sein.
Ick weeß doch wat ick sehe.

Access peace

Unten, in dem langen Gang zur Pathologie kommt mir der einbeinige Dauerpatient auf Krücken entgegen. Locken wie Wolfgang Petry.
Was macht der hier?
Es liegt etwas Gewalttätiges in seinen Gesichtszügen.
Auf Augenhöhe wird er mir die Gehhilfe über den Kopf ziehen und mir den Schädel und das Jochbein brechen.
Verbluten im Keller der Toten.
Eine ganze Weile bewegen wir uns aufeinander zu. Ich vermeide Blickkontakt.
High noon
Die Neonröhren sirren leise.
Ich pfeife verlegen.
Ein Männlein steht im Walde.
Nur wenige Takte. Zu spät.
(Sag, wer mag das Männlein sein?)
Als wir auf einer Höhe sind grüße ich. Er schaut mir in die Augen. Gekränkt.
Ich schäme mich.

Vor der gesicherten Tür zum Eingang der Pathologie die Büste einer Sterbenden.
Zerfließend. Geschenk eines Klinikgönners.
Zutritt nur mit Nedap-Karte.
Oder im Totenhemd, denke ich.

7 Kommentare zu “Auf einem Bein

  1. Ich muss gestehen, dass ich nichts von Judith Hermann gelesen habe, und eben erst einmal nachlesen musste.
    Das ist ja ein tolles Kompliment, das Du mir da machst. Vielen Dank!
    Aber hat sie Dir denn gar nicht gefallen?
    Und wenn doch, was besonders gut?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s