Weniger Ärger, mehr Wut

20140613_194008-1Ehe ich eine längere Reise antrete, räume ich oft tagelang auf, wasche, putze, bringe meinen Papierkram in Ordnung, lasse mir die Haare schneiden und hinterlasse meine Wohnung so, dass selbst meine Mutter, wenn sie denn überhaupt ein Interesse daran hätte, bzw. geistig noch dazu in der Lage wäre, sie betreten könnte, ohne schon am Eingang oder beim weiteren Vordringen in mein Privatestes einen Anfall zu bekommen.
So begleitet sie mich nach über zwanzigjähriger Abwesenheit noch als Wächterin der äußeren Ordnung meines Lebens. Immerhin.

(Mutter, Mutter, warum hast du mich verlassen?)

Ehe ich ins Krankenhaus gehe, mache ich es ähnlich.
Zusätzlich verfasse ich noch ein Testament, in dem ich regele, wer sich um Hund und Katz kümmern möge, was aus meiner großen Musiksammlung wird, und wer den Ginkgo, den mein Vater mir geschenkt hat, in Zukunft wässern soll.
Gerne würde ich ihn im Garten irgendwo in Franken, oder im Odenwald wissen.
Meine Tagebücher würden selbstverständlich alle ungelesen verbrannt, und das Blog als Nachlass könnte meinetwegen stehen bleiben. Nur kommentieren wäre dann halt nicht mehr.

No tikerscherk, no comments

Erinnert mich an einen meiner Lieblingsfilme.
The nine lives of Tomas Katz
Wieso mag ich jetzt nicht erklären. Zu anstrengend, und mit meiner Kraft ist es ja augenblicklich nicht besonders weit her. Wer den Film kennt, weiss es vielleicht. Wer nicht, sollte ihn sich unbedingt anschauen.
Die Antwort findet sich in den letzten Minuten.

No cameras, no legs, no Dave

Ansonsten scheine ich gerade staubige Erinnerungen nach oben zu holen, mir die Hosentaschen aus zu leeren und mein Leben in seine Sequenzen zu zerlegen, um es dann wieder zusammen zu setzen und festzustellen, dass es plötzlich klappert. Was mich wiederum an die weisen Worte des Unterfranken erinnert, der mir seit Jahr und Tag vorbetet, ein altes Motorrad werde in erster Linie zusammen gehalten durch Schmiere, Öl, Fett und Dreck.
Die Patina eines richtigen Maschinenlebens eben.
Ohne echten Anlass daran herum zu schrauben, einfach mal so anzufangen es zu warten oder zu reinigen sei dumm und fahrlässig und brächte nichts als Ärger und Verdruss, vulgo: nerviges Geklapper mit sich.

Never touch a working system

Zu spät, zu viel, zu schnell.
Es klappert und ich kann nur hoffen, dass sich bald wieder Schmiere, Staub und Vergessen in die Zwischenräume setzen und alles zu einem stabilen Ganzen verbacken werden.
Ich jedenfalls klappere inzwischen innerlich wie äußerlich. Sorge mich und grübele, gleichwohl die beste aller Schwestern vollkommen gelassen bleibt.
So ist sie eben. Die Gute.

Aber die Narkose, die habe ich doch schon beim letzten Mal nicht gut verkraftet.
Ob ich nicht doch besser nur Lokalanästhesie?
Ach was, wer nicht wagt.

Es gilt noch immer das Jahresmotto: aktives Zuwarten, das ich in der Hoffnung auf höhere Wirksamkeit gerne steigern möchte zu einem fulminanten aggressiven Zuwarten.
Denn wenn schon warten, dann wenigstens aggressiv, anstatt in einer nervigen und unangebrachten Zimpersusenpienzigkeit selbstmitleidig und dramatisch herum zu lamentieren und zu greinen.
Ojemine, ojemine
Wir kennen das.

Und wenn ich mich so in der Welt umschaue, und nach dem Friseurbesuch durch meinen Gentrifizierungskiez stiefele, dann wird das noch was mit der Wut.
Und zwar ruck zuck. Stante pede. Hoppi galoppi. Zack zack.
Arschgeigenetablissements spratzen weiter aus dem Boden wie Selbstschussanlagen.
Fusselnde Bärte, gähnende Tattoos, Vintagegedöns und triefende Dummheit allüberall.
Verdrängung, wo das Auge hinreicht.

Passend dazu das Graffito des klugen Sprayers am Erkelenzdamm:

Weniger Ärger, mehr Wut. Einfach mal was kaputtschlagen.

Inzwischen leider fast vollständig übersprüht.

So geht das.
Man wird sehen.
Es bleibt spannend.
Wir lesen uns.

33 Kommentare zu “Weniger Ärger, mehr Wut

  1. Wenn Du, für was auch immer, in den kommenden Tagen meine Daumen brauchst. Du hast sie.
    Wenn Du darüber hinaus etwas brauchst, was nach menschlicher Nähe duftet, dann hast du meine Mailaddy.
    Für alles dazwischen hast Du meine guten Gedanken.

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  2. Ich habe mich in kurzer Zeit so an Dich gewöhnt, dass ich durchaus anfange zu grübeln. Es kann uns nicht gleichgültig sein was mit unserem Mitmenschen passiert.

    Für den Gang, den Du betreten musst, wünsche auch ich Dir alles Gute.

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      • sorry, aber ich finde narkosen, „schlafspritzen“ oder ähnliches geil –
        endlich mal (tief) schlafen ..

        der rest kann mir dafür gestohlen bleiben.
        wenn ich pech habe, wartet der rest (auch) bald wieder auf mich.

        allet jute!

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        • Auf´s Schlafen freue ich mich auch.
          Und wegen der zu erwartenden Schmerzen werde ich Opioide bekommen. Nicht schlecht.
          Allerdings stelle ich mir den „Rest“, den Du ansprichst sehr unangenehm vor.
          Und Narkose als möglicher Beginn eines nichtendenwollenden Dauerschlafes ist mir dann auch nicht geheuer.
          (Bin ein NAgsthase und vorbelastet)

          Dir ooch allet Jute! (bzw. hoffentlich musste jar nich)

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  3. Alles wird gut!
    Und was die Narkose betrifft, hat es mir sehr geholfen, einmal einem Anästhesisten meine Erlebnisse damit zu schildern. So muss ich jetzt immer nur sagen : Latexallergie und allergisches Astma, und passen-Sie-gut-auf-mich-auf. Schwupps, schon gibt es Sonderbehandlung.

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  4. Ich gestehe, ich bin kein Stammleser. Doch, wenn ich wiedermal wie diesen Beitrag lese, bin ich immer wieder erstaunt, deiner seltenen Art des Schreibens ( vielleicht auch Gabe), deine Gefühle ans Licht des Tages zu heben. Unspektakulär, einfach und doch tief, wie wir sie alle haben. Du schreibst einfach darüber, scheinbar nur für dich, und doch erscheint mir jeder Beitrag wie ein weiterer Schritt in deine eigene große Freiheit zu sein, an der ich häppchenweise teilnehme und mich frage: Wann bin ich soweit?

    Immer sagen sie alle, man muss „frei sein für etwas“.
    Doch empfinde ich beim Lesen deiner Beiträge, so wie ich es auch für mich halte, dass mann sich schon manchmal von „altem befreien“ muss, um „für Neues“ „frei“ zu sein.

    Kein leichter Weg, das meine ich zu spüren. Aber ein Weg, der jetzt gegangen werden will.

    Das sind die Gedanken, die dein Beitrag in mir ausgelöst hat und mich nachdenken lassen. Ich hoffe, auch wenn deine Schreibintentionen andere sind, dass meine kleine persönliche Reflektion hier bleiben darf.

    Wenn nicht hier, wo sonst? Das ist es u.a. für mich, was bloggen so wunderbar macht. Resonanzen – ausgelöst, gerade durch die unperfekte Art der Kommunikation.

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    • @gemeinsamleben

      Vielen Dank für Deinen Kommentar, über den ich mich sehr freue.
      Es ist schön zu lesen, dass Dir meine Art zu schreiben gefällt, und dass sie Dich vor allem erreicht.

      Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob meine Beiträge hier mich schrittweise in Richtung Freiheit bringen.
      Es ist aber insofern nicht falsch, weil ich Stück für Stück Erlebtes und auch Erlittenes in eine Form bringe und dadurch zum einen greifbar mache, zum anderen auch auf eine friedliche Weise abschließen kann.

      Um für Neues frei zu sein, muss man sich häufig erstmal von Altem befreien. Da stimme ich Dir zu.
      So, wie Altes manchmal verlernt werden muss, damit man Neues erlernen kann.
      Kein leichter Weg, aber doch ein sehr schöner. Denn was ist langweiliger, als der immergleiche Hofgang des Gefangenen auf ausgetretenen Platten.

      Ich wünsche Dir einen schönen Tag!

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  5. Wir haben früher immer „Hals und Beinbruch“ gewünscht. Sagt man dies immer noch? Hab Vertrauen zu den Ärzten. Bei ’ner Narkose schaltest du einfach ab. right? Na ja, es wird schon werden. Nur Mut!

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