Vergeblichkeit

Nach dem Regen

(Photo credit: Jakob Hürner)

Wir sitzen nebeneinander auf der Terrasse. Es ist sehr heiß.
Die Luft steht. Aus den Ritzen zwischen den Steinen wachsen Gräser.
Ameisen laufen den Stamm des Ahorns auf und ab.
Leises Summen der Bienen im Wein.
Tiefrot und samtig blühen die Stockrosen.
„Schön!
Thrombosefarben.“

*

Wir gehen über den Atzelbergplatz.
Du trägst ein schwarzes Hemd, schwarze Hosen und schwarze Schuhe.
Eine Tüte mit Einkäufen hängt schwer an jedem Handgelenk.
Die Adern an deinen großen Händen sehen aus wie Blindschleichen.
Deine Schritte sind schwer. Schweiss steht auf deiner Stirn.
Ich laufe neben dir her.
Kann ich dir helfen?“
Nein.“
Soll ich was tragen?“
Nein. Das kannst du nicht.“
„Ich möchte dir gerne helfen.“
Du spuckst auf den Boden.
Heb´s auf und nimm´s mit.

*

Wir beide sitzen im Zug nach Kassel. Auf dem Weg zu den Großeltern.
Du rauchst eine Zigarre, ich stehe auf der Sitzbank und hänge meinen Kopf aus dem Fenster.
Die Stromkabel der Überlandleitungen bewegen sich in Wellen auf und ab.
Die Frühlingsluft drückt sich in meine Nase und den offenen Mund.
Du hast es gut, dass Du Geburtstag hast. Freust du dich?“ frage ich dich.
Freuen? Du bist süß. Hinter mir liegt ein versautes Leben. Vor mir liegt nichts.“

*

Seit Tagen hat es nur geregnet.
Das Haus ist ein Gefängnis. Langeweile macht die Knochen schwer.
Am Abend klart es endlich auf. Die Luft ist frisch, der Himmel hellblau und reingewaschen.
Schau nur, es wird wieder schön!“
Rückseitenwetter. Ein kurzes Zwischenhoch zwischen zwei Tiefs. Es wird weiter regnen.“

*

Was würdest du machen, wenn du ganz viel Geld hättest, Papa?“
Nichts.“
„Gar nichts?“
Was sollte ich schon machen damit? Mein Leben ist zu kurz um nur eine Langspielplatte aufzulegen.“

 

21 Kommentare zu “Vergeblichkeit

    • Da hast Du Recht.
      Resignation ist bleischwer.
      Bei ihm war es mehr als das. Es war eine Depression, die ihn lange begleitete, bis irgendwann Medikamente Licht ins Dunkel brachten.
      Den Blues ist er bis heute nicht los geworden.
      Der steckt wohl in seinen Genen.

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      • Ja, manchmal muss man ganz schön lange gegen die dunkle Seite ankämpfen, bevor irgendwo ein Licht zündet. Man braucht etwas, woran man sich festhalten kann – Glaube, Liebe, Laserschwert… aber meinen kleinen Blues mag ich irgendwie auch ganz gern und halt ihn mir deshalb warm. Der tut auch keinem was… ist wohl auch was Genetisches…

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      • Nur ist der Blues eine Antwort auf die „bleierne Schwere“. Man muss lernen, den umzusetzen. Man muss einen Sinn daraus machen.

        Mein Leben ist auch zu kurz um nur eine Langspielplatte aufzulegen. So lege ich einfach eine nach der Anderen auf. Etwa diese:

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        • Danke, Joachim.

          Mein Leben ist auch zu kurz um nur eine Langspielplatte aufzulegen. So lege ich einfach eine nach der Anderen auf.

          Recht hast Du.
          Ich habe das Album „The Healer“ schon lange nicht mehr gehört.
          Anlass genug es wieder raus zu holen.

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      • @Joachim

        Das war klug. Das war gelebt. Das war die Quintessenz aus dem, was das Leben aus einem macht. Und was wir, als Akteure, aus diesem Leben zu machen haben: „Man muss einen Sinn daraus machen.“ Nichts anderes will der Blues uns sagen. Danke dafür. Danke für John Lee Hooker. Nicht umsonst heißt mein Hund Blues.

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  1. Auch im Reich der Zwischentöne,
    der Wellenbewegungen lebt es sich kommod.
    Schau vorwärts sagt das eine, schau rückwärts das andere!
    Ich muss nicht hören, nicht sehen, nichts machen – fühlen ist genug!

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    • @Sledgehammer

      Aus der Unterwelt zu Besuch bei mir? Freut mich.

      Gerade im Bereich der Zwischentöne lebt es sich kommod. Möglicherweise nur dort.

      Aber speist sich das Fühlen nicht auch aus dem Sehen, dem Hören und manchmal auch dem Tun?
      Steht es nicht einfach am Ende der Wahrnehmung und des Handelns, oder begleitet diese zumindest?

      Das Fühlen scheint mein bester Kompass zu sein.

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  2. Beim nochmaligem Lesen sind mir noch einige Gedanke gekommen. Ich sehe das, in dem Wissen, dass es verschiedene Ursachen für Depressionen gibt und das meine Sicht nicht immer so einfach gilt, so:

    Depressionen sind ein Übel. Sie sind nicht nur Horror für den Depressiven sondern auch für alle, die mit ihm zu tun haben. Depression ist Aggression, primär gegen sich selbst. Doch sie sind so so fatal, dass sie Andere trifft, ja sogar treffen soll. „Sieh, so schlecht geht es mir. Du sollst es auch fühlen“.

    Ich denke, man muss damit umgehen, wie mit einem Drogenkranken. Es ist nicht zu akzeptieren. Der Mensch ist zu akzeptieren, jedoch nicht die dauernde Aggression. Ergibt man sich als Angehöriger dieser Gewalt, fühlt einfach nur traurig mit, so wird man unfähig zu handeln. Man gibt ein schlechtes Vorbild. Man gibt auf. Damit gibt man den Menschen auf und das ist ganz sicher nicht der Sinn der Sache. Wenn man schon aufgeben muss, dann richtig: Trennung!

    Depression ist falsch. Sie sind eine Lüge. Sie sind eine gewalttätige Lüge.

    Sich dagegen zu stellen ist schwer. Es ist ohne Hilfe oft gar nicht machbar. Angehörige müssen reden. Sie brauchen einen Plan, Gemeinsamkeit und nicht selten selbst professionelle Hilfe. Die gibt es leider nur sehr selten in brauchbarer Form. Ich habe es sogar erlebt, dass Angehörigen Antidepressiva verschrieben wurden, statt sie aufzuklären.

    Versteht man Depressionen als Gewalt, so sieht man auch eine Kraft darin. Wer sich und andere dem Aussetzen kann, der könnte diese Kraft auch sinnvoll nutzen. Der Depressive hat sich für die Depression entschieden (was nun keine Schuld impliziert!) und kann sich wieder dagegen entscheiden (was Depressive mit allen Mitteln leugnen).

    Es geht darum, diesen Entschluss zu provozieren, aus dem Vollgas im Leerlauf einen Weg zu finden, die Kupplung langsam wieder loszulassen.

    Vielleicht hilft das ja ein wenig dem, der von diesem Problem betroffen ist…

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    • @Joachim

      danke für Deinen langen Kommentar!

      Ich stimme so gar nicht mit Dir überein,was Deine Ansichten zur Depression anbelangt.
      Hätte ich mehr Energie, würde ich Dir jetzt einen sehr langen Text dazu schreiben. hab ich aber leider nicht.
      Erstmal nur soviel: den Vergleich zwischen Drogenabhängigen und Depressiven halte ich schlichweg für unzulässig.
      Sucht ist eine Entscheidung, Depression nicht.
      Auch der Umgang damit hängt stark ab vom Zustand des Depressiven.
      Depression verkürzt als Aggression zu bezeichnen ist falsch und wird dem Leiden der Betroffenen nicht gerecht.
      Mehr dazu ein anderes Mal.

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      • tikerscherk, du musst mir ja nicht antworten. Und es ist gut, wenn Du die Dinge anders siehst.

        Dennoch möchte ich anmerken, dass die Psychoanalyse durchaus Depression als nach innen gerichtete Aggression begreift.

        Das Leid der Angehörigen, dieses Ohnmachts- und manchmal sogar Schuldgefühl tun die sich nicht freiwillig an. Es wird ihnen aufgezwungen. Es kann als eine Form von Gewalt begriffen werden.

        Auch die Parallele im Umgang mit Depressiven und Drogenabhängigen sehe ich – freilich müsste ich dazu sagen, wie mit Drogenabhängigen umgegangen werden sollte. Natürlich, jeder Vergleich hat seine Grenzen.

        Etwas platt gesagt meine ich: Wir lassen niemals jemanden zurück. Niemals!

        Und für Fakt halte ich auch – weil mehrfach erlebt – dass sich Depressive nur selbst und freiwillig aus der Situation befreien können. Sie müssen sich dazu aktiv entscheiden. Sonst ist alles vergebens.

        Ja, es gibt auch neurologische Ursachen von Depressionen. Es ist nicht so einfach. Doch die Entscheidung muss sein.

        Auch wenn Du nicht meiner Meinung bist, wir sind uns einig, dass wir depressive Menschen nicht fallen lassen dürfen? Dass wir selbst stark sein müssen, wenn wir ihnen helfen wollen? Dass wir nicht verurteilen, nicht aufgeben und niemanden einfach für Schuldig erklären? Es ist weniger, dass „sie“ mir leid tun. Depression ist einfach falsch, ein Teufelskreis und zu wenig nutze. Ich kann das nicht zulassen. Ich erwarte etwas von den Menschen. Und gerade das „hilft ihnen“.

        Ich denke, da könnte mein Ansatz vielleicht nicht so schlecht sein…

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  3. Lieber Joachim,
    wir sind uns in mindestens sovielen Punkten einig, wie auch uneinig.
    Natürlich dürfen wir depressive Menschen nicht fallen lassen!
    das steht fest.
    Alles Weitere ein anderes Mal, ja?
    Dir einen schönen Abend und danke für Deinen erläuternden Kommentar!

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    • Du „solltest“ doch nicht antworten…

      Übrigens, ich habe mich gerade mit Betroffenen (von beiden Seiten) genau über dieses Thema unterhalten und mächtig Gegenwind erfahren. Das war sehr konstruktiv. Die Dinge sind niemals nur schwarz und weiß…

      Dir ein wunderschönes Wochenende.

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  4. „Hinter mir liegt ein versautes Leben. Vor mir liegt nichts.“

    Eine traurige Erkenntnis oder Verkenntnis was das Leben ist oder bedeutet. War der Vater im Krieg? Das Leben stellt Ansprüche an uns und wenn wir diesen nicht genügen, dann sind oft Depressionen das Resultat.

    Ein Sinn des Lebens ist nicht gegeben man muss es sich aus dem Wirrwar der Eindrücke selber geben. Das Leben ist ein Puzzle ohne Vorlage. Die Teilchen liegen vor einem auf dem Tisch und müssen zu einem kompletten Bild zusammen gestellt werden.

    Blind geborene die das erst Mal sehen sehen auch nichts anderes als ein Kaleidoskop von Farben die erst vom Gehirn sortiert werden müssen.

    Vielleicht gibt es Menschen die das Wirrwar des Lebens nie aus- oder einsortieren können. Es ist auch schwer für den Liebenden den Geliebten leiden zu sehen.

    Lebt der Vater noch? Kann man mit Ihm Verbindung aufnehmen?

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