Schweigen

Krematorium Berlin

Krematorium Berlin (Photo credit: Chris.Jeriko)

Oben auf der Station gibt es keine Gespräche.
Weder in den Gängen, noch im Speisesaal oder im Aufenthaltsraum.
Im Schweigen zeigt sich die Übereinstimmung, das stumme Verständnis füreinander.
Nur in den Räumen der physikalischen Abteilung sprechen wir.
Wer hier unten behandelt wird ist noch nicht ganz verloren.
Unter den Händen der Physiotherapeuten erzählen wir uns von unserem Leben.
Ruth von ihrem Unfall und der rätselhaften Erkrankung.
Ich vom Fernsehmoderator und von meiner Krankheit.
Manchmal lachen wir laut.
Wir wissen nicht, dass nur eine von uns beiden die Klinik lebend verlassen wird.

*

Dunkle Gänge führen zum Patientenkiosk im Keller der Neurologie.
Unter der Decke unzählige aluminium-ummantelte Rohre neben- und übereinander.
Links und rechts verschlossene Türen.

Pathologie, Tierversuchslabore, Heizung

Vor dem Kiosk wirbt ein Aufsteller für Würzburger Stein im Bocksbeutel.
Am Eingang des fensterlosen Raumes sind Tische aufgestellt.
Im fahlen Neonlicht trinken die Patienten Kaffee. Aus den fahrbaren Infusionsständern tropft Gift in ihre Adern.
Da sitzt Ruth. Ihr Schädel ist kahl, der Hinterkopf rund, das Gesicht und die Schläfen für die Bestrahlung mit bunten Strichen, Kreisen und Kreuzen markiert.
Aus grünen Augen schaut sie zu mir herüber und nickt.
Ihre Lippen lächeln leicht. Die Beine sind mit Klettbändern am Rollstuhl fixiert. Ein Schlauch aus der Bauchdecke mündet in den halb gefüllten Urinbeutel.
Sie ist sehr zart und schön.
Vom Verkaufstresen im hinteren Teil des Raumes, tanzt ein Fünfzigjähriger einen arm- und beinschleudernden irren Tanz, begleitet von heftigem Grimassieren.

Chorea Huntington

Mit jedem Schritt schwappt Kaffee aus seinem Becher.
Am Tisch angekommen, versucht er das Verschüttete aus der Untertasse zu schlürfen, schlägt sich dabei die Keramik gegen die Zähne, und die dünne braune Flüssigkeit läuft über Kinn und Hals in den Kragen seines hell-gestreiften Morgenmantels. Sein Gesicht findet keine Ruhe.
Ohne etwas zu kaufen, verlasse ich das Kiosk.

*

Auf dem schmalen Patientenbalkon sitzen der Galan und ich rauchend nebeneinander.
Vor uns der schiefe Schornstein des Krematoriums. Dahinter die Stadt im Sonnenlicht. Ein milder Tag Anfang Juni.
Links von mir steht der große, massige Mann aus dem Speisesaal. Er sieht aus wie ein Totschläger, einer der Welpen beim Streicheln das Genick bricht.
Auch er raucht in schnellen Zügen. Seine wimpernlosen Augen sind dunkel umrandet, die Glatze schimmert violett.
Plötzlich stürzt er um. Einfach so. Wie ein gefällter Baum.
Sein Kopf schlägt gegen die Betonbrüstung, die Beine treten ins Nichts, die Augen sind weiß nach oben verdreht.
Er krampft. Er röchelt. Das Gesicht wird rot.
Auf dem Boden bildet sich in Sekundenschnelle eine Blutlache.
Sein Infusionsständer liegt sperrig über ihm. Der Beutel hängt noch.
Der Galan springt auf, will helfen und weiss nicht wie.
Die anderen Patienten schauen ihm zu. Ich auch.
Zuckend liegt der Totschläger vor der Balkontüre und blockiert den Zugang zur Station.
Seine Beine schlagen gegen das Glas. Er hat Schaum vor dem Mund.
Das Röcheln wird zum Grunzen, schließlich zum Schnappen.
Er bekommt keine Luft.
Er stirbt.
Auf einmal ein wortloser Schrei.
Ein hoher langgezogener Ton aus tiefer Kehle.
Eine lebende Sirene.
Die Patienten auf dem Balkon schauen mich an.
Auch der Galan wendet seinen Blick von dem Krampfenden zu mir hin.

Richtung Süden

Winter morgen an Kotti

Winter morgen an Kotti (Photo credit: Libertinus)

Wir spazieren mit den Hunden durch Kreuzberg Richtung Kottbusser Tor.

Weisst du schon, wo wir lang gehen werden?“  frage ich den Unterfranken.

Was meinst Du? Tage, Wochen, Monate, das ganze Leben?“

Bitte?“

Da müsste ich jetzt echt mal ganz schwer nachdenken?“

Worüber redest du?“

„Das möchte ich auch wissen. Wir sind gleich am Kotti, und du stellst mir solche Fragen.“

Genau deswegen hab´ ich dich ja gefragt!“

Schweigen.
Um uns herum die üblichen Desperados: Junkies, Alkis und andere Gestrandete. Dazu der Lärm der Kreuzung, der Hochbahn und der Obstverkäufer, die laut rufend ihre Ware anpreisen.

Hallo, Unterfranke! Wo gehen wir denn jetzt lang? Links oder rechts, oder geradeaus? Was ist das Ziel?“

Ach, so meinst Du das.“

Wie hätte ich das denn sonst meinen können?“

Ich dachte, so allgemein. Wohin wir im Leben noch gehen werden?“

Aha. Und sowas frage ich einfach mal so? Aus dem Zusammenhang? Kurz vor dem lärmigen, dreckigen Drogenumschlagplatz, Kotti, ja?“

Eben, ich wundere mich über Dich.“

„Nein, ich wundere mich über Dich. Also?“

Ich würde sagen, wir gehen Richtung Süden.“

Gute Idee. Das machen wir.“

Lichtung

Einfach Wald

Er tötet den Fuchs, weil er ihm von allen Tieren des Waldes das liebste ist.
Das Wochenende verbringen wir in der Jagdhütte. Es ist kalt und riecht nach Fell und Holz.
Eine sterbende Wildsau mit zerschossenem Kiefer. Verbluten oder verdursten.
Das quält ihn.
Später brät er Rührei mit Rehhirn.
(Die Erinnerung an die schönen Plätze)

*

Auf dem gepolsterten Stuhl muss ich sitzen.
In der Mitte des Raumes.
Meine Geschwister spielen auf dem Teppich.
Als wir gehen sind mein Kleid und die Hände schmutzig. Sie ist verstimmt.
Ihre Wimperntusche sieht aus, wie eine Blattlauskolonie.

*

Südfrankreich.
Es hat geregnet. Selbst in der Einkaufspassage steht das Wasser.
Alles ist grün, die Werbeplakate leben auf uns zu. Ich bin keine Glasscherbe mehr.
Die anderen halten sich aneinander fest.
Jetzt schauen wir dem Kerl zu, wie er in die große Pfütze vor uns ejakuliert.
Wir lachen.
Ich freue mich über die vielen Kaulquappen.

Bild: Georg Hollaz, CC- Lizenz, Namensnennung, keine Änderung
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Brennesseln

Brennnesseln Markgröningen Hammelrain Urtica n...

(Photo credit: globetrotter_rodrigo)

Wie ich so am Beckenrand stehe und mir die Augen reibe kommt ein Mann zu mir und lächelt mich freundlich an.
Na, geht es dir gut?“ fragt er, und seine Stimme klingt warm und weich.
Ja.“ antworte ich.
Das scheint ihn zu freuen, denn sein Lächeln wird noch größer und erfüllt nun sein ganzes Gesicht.
Wieso stehst du denn hier so allein am Rand?“
Ich habe getaucht und jetzt tun mir die Augen weh.“
Sind denn deine Eltern gar nicht da?“
Nein, nur meine Schwester. Aber die ist im großen Becken. Die kann schon schwimmen.“
Und du kannst tauchen. Toll! Willst du es mir einmal zeigen?“
Mir tun die Augen so weh.“
Hast du etwa geflunkert, und du kannst gar nicht tauchen.“
Doch kann ich tauchen!“
Der Mann geht drei Schritte zurück, stellt sich breitbeinig im Kinderbecken auf, und weist mir mit beiden Händen den Weg.
Komm,“ ruft er “zeig mir was Du kannst!“
Ich hole tief Luft, gehe mit dem Kopf unter Wasser, und schwimme zwischen seinen Beinen hindurch.
Als ich wieder auftauche, freut sich der Mann.
Noch einmal!“ fordert er mich fröhlich auf.
Das macht Spaß!
Wieder hole ich Luft, tauche unter und schwimme durch das Dreieck seiner Beine.
Ich spüre, wie seine Hände mich zur Belohnung streicheln.
Als ich auftauche lobt er mich, und nimmt mich vor Freude in den Arm.
Das hast du ganz toll gemacht!“, sagt er und und zieht mich an den Beckenrand, wo er in die Hocke geht und mich auf seinen Schoß setzt.
Wollen wir noch ein bisschen Hoppehoppe-Reiter spielen?“ fragt er.
Nein. Ich will jetzt zu meiner Schwester.“
Komm, nur ein bisschen!“ bittet er mich, und schon hält er meine Arme fest und fängt an wild zu wippen und schaukeln. Ich reite auf seinem Schoß und kann mich kaum halten, so schnell galoppiert er mit mir davon. Aber der Sattel ist hart, und unbequem und tut weh.
Das Spiel macht mir gar keinen Spaß, doch der Mann lacht.
Schau mal, wie lustig das ist“ versucht er mich zu ermuntern, aber ich mag das Spiel trotzdem nicht. Ich will, dass meine Schwester jetzt kommt.
Plötzlich ist der Bademeister da. Er ist sehr dick und sehr streng und er schimpft mit dem Mann.
Der Mann lässt mich los.
Wir haben nur gespielt, stimmt´s?“ fragt er mich.
Ich nicke.
Trotzdem darf der Mann nicht im Kinderbecken bleiben. Er tut mir leid.
Am Rand steht meine Schwester.
Komm, wir gehen jetzt nach Hause.“ sagt sie.
Mit dem Fahrrad fahren wir durch die Schrebergärten.
Meine Beine streifen die Brennesseln am Wegesrand.Enhanced by Zemanta

Ins Kino

 

SAMSUNG„Wollen wir am Donnerstag ins Kino gehen?“ fragt mich der Unterfranke.

„Nö.“

„Wieso nicht?“

„Weil du dann schlechte Laune kriegst und rummeckerst.“

„Worüber denn?“

„Dass der Film langweilig ist und keine neue Story bringt.“

„Stimmt ja auch.“

„Eben.“

„Wir könnten uns Godzilla angucken.“

„Ausgerechnet Godzilla. Nein, auf keinen Fall.“

„Wieso nicht.“

„Mag ich nicht. Zerstörung, Feuer, Inferno, immer das Gleiche.“

Der Unterfranke wirft einen Blick auf meine Godzilla-Figuren, und schaut mich an.

„Magst du nicht?“

„Doch, aber nur aus Plastik.“

Pause.

„Na gut. Gehen wir in den Film. Aber dann in 2 D.“ lenke ich ein.

„Wieso nicht 3 D?“

„Weil ich nur 2 D sehen kann. Weisst du doch.“

„Dann guckst du halt nur 2 D und ich den Rest.“

„Ok. Ist ja dein Geburtstag.“

„Eben.“