Fülle

Pfingstrose

Pfingstrose (Photo credit: ingrid eulenfan)

Im Schein des Abendlichtes liegen wir auf dem Sofa. Mein Kopf auf seinem Bauch.
D. liest mir ein Gedicht von César Moro vor und streicht mit der freien Hand durch mein Haar.
Ich schließe die Augen.
Durch die geöffnete Balkontür dringen Kinderstimmen.
Ich erinnere mich an die Melodie des Eismannwagens in der Bronx.
Manchmal, wenn ich mit I. telefonierte, konnte ich ihn im Hintergrund hören, dazu das Lärmen des Spielplatzes.
I.´s weiche, leicht nasale Stimme, mit dem lächelnden Unterton.
Ich habe das Bild seines jüngsten Bruders Antonio vor Augen, von den großen Geschwistern in kalten Winternächten wie eine Wärmflasche von Bett zu Bett gereicht. Der Geruch des kleinen warmen Körpers. Die zarte Kopfhaut mit den unzähligen winzigen Poren, aus denen seidenweiche, duftende Härchen wachsen.
Das tiefe Atmen eines Kindes.

Wir haben uns nur noch selten gesprochen, seit ich bei D. in Barcelona war.
Er fehlt mir. Seine Leichtigkeit.
Letzten Sommer am Kanal, im Tiergarten, auf der Havel.
Im Botanischen Garten setzt sich eine Meise auf seinen ausgestreckten Finger.
Antiopita!“, ruft er mir vom Wasser aus zu.
Der Nachmittag auf einem alten Friedhof in Neukölln.
Eine schwarzweisse Katze lauert stundenlang vor dem Kaninchenbau, fängt ihr Opfer ab, und trägt das quiekende Tier davon.
Hinter einem Grabstein findet es den Tod.

Durch die Vorhänge dringt das Morgenlicht.
Wir lieben uns. Selbst dabei lachen wir.
Es ist schön mit ihm.
Jeden Nachmittag um zwei ruft er seine Frau an.

Seine Arbeit geht voran. Berlin ist intereessant.
Er ist bei Kathe und Rainer zu Besuch. Nette Leute.
Er vermisst sie und freut sich auf das Wiedersehen.

Ich liege neben ihm im Bett und schaue den aufsteigenden Rauchringen hinterher, die sich langsam auflösen.
Später unter der Dusche höre ich meine Lunge leise pfeifen, wie einen Blasebalg.

Vom Flughafen ruft er mich an. Meine Schulterblätter, die Flügel. Meine Lippen.
Beim Dritten Mal hebe ich nicht ab.
Die nächsten Wochen höre ich die Aufnahmen immer wieder.

When will I see you again?
Is this my beginning or is this the end?

Drei lange Jahre haben wir so verbracht. Hier oder dort.
Von New York kenne ich nur Hotelzimmer und die Pfingstrosen im Botanischen Garten.
Die Bagel am Flughafen und die Rücksitze der Taxen.

Einmal lache ich über seine Unterhose. Wie ein Opa.
Er zuckt mit den Schultern. Noch nie hat er sich selbst Unterwäsche oder Socken gekauft.
Das macht seine Frau, früher seine Mutter.
An einem Tag redet er das erste Mal darüber sie zu verlassen und zu mir zu ziehen.
Ich denke an seine Telefonate mit ihr und schüttle den Kopf.
Lass uns das füreinander bleiben, was wir sind.

Jetzt liege ich mit D. auf dem Sofa und er erzählt mir vom Leben Moros.
Ein weiteres Gedicht. Homoerotisch.
Unterwürfige Hingabe.
In die Pause nach dem Lesen hinein fragt er mich, ob ich ihn heiraten will.

 

 

Soundtrack:

Was bisher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

4 Kommentare zu “Fülle

  1. Es gibt so unglaublich viele Ebenen in dieser Geschichte… gleichzeitig fällt mir dazu jetzt eine Stelle aus dem „Bildnis des Dorian Gray“ ein: „Difference of object does not alter singleness of passion. It merely intensifies it. We can have in life but one great experience at best, and the secret of life is to reproduce that experience as often as possible.“ Jedenfalls ist diese Episode mal wieder unglaublich reich an atmosphärischen Details…

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  2. Ein sehr passendes und wahres Zitat. Danke dafür!
    Egal, wie oft sich eine Geschichte vermeintlich wiederholt, und sie wiederholen sich alle mehr oder weniger im Laufe eines Lebens, so einzigartig und immer ganz neu ist sie doch.

    Danke für das schöne Kompliment.

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    • @asallime

      Danke.
      Mich hat sie auch fertig gemacht, diese Liebesgeschichte.
      So richtig und nachhaltig.
      Wenn das ankommt, ist es mir anscheinend gelungen, das zu zeigen.
      Und: Du darfst gespannt bleiben, es kommt noch viel, viel schlimmer.

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