Brennesseln

Brennnesseln Markgröningen Hammelrain Urtica n...

(Photo credit: globetrotter_rodrigo)

Wie ich so am Beckenrand stehe und mir die Augen reibe kommt ein Mann zu mir und lächelt mich freundlich an.
Na, geht es dir gut?“ fragt er, und seine Stimme klingt warm und weich.
Ja.“ antworte ich.
Das scheint ihn zu freuen, denn sein Lächeln wird noch größer und erfüllt nun sein ganzes Gesicht.
Wieso stehst du denn hier so allein am Rand?“
Ich habe getaucht und jetzt tun mir die Augen weh.“
Sind denn deine Eltern gar nicht da?“
Nein, nur meine Schwester. Aber die ist im großen Becken. Die kann schon schwimmen.“
Und du kannst tauchen. Toll! Willst du es mir einmal zeigen?“
Mir tun die Augen so weh.“
Hast du etwa geflunkert, und du kannst gar nicht tauchen.“
Doch kann ich tauchen!“
Der Mann geht drei Schritte zurück, stellt sich breitbeinig im Kinderbecken auf, und weist mir mit beiden Händen den Weg.
Komm,“ ruft er “zeig mir was Du kannst!“
Ich hole tief Luft, gehe mit dem Kopf unter Wasser, und schwimme zwischen seinen Beinen hindurch.
Als ich wieder auftauche, freut sich der Mann.
Noch einmal!“ fordert er mich fröhlich auf.
Das macht Spaß!
Wieder hole ich Luft, tauche unter und schwimme durch das Dreieck seiner Beine.
Ich spüre, wie seine Hände mich zur Belohnung streicheln.
Als ich auftauche lobt er mich, und nimmt mich vor Freude in den Arm.
Das hast du ganz toll gemacht!“, sagt er und und zieht mich an den Beckenrand, wo er in die Hocke geht und mich auf seinen Schoß setzt.
Wollen wir noch ein bisschen Hoppehoppe-Reiter spielen?“ fragt er.
Nein. Ich will jetzt zu meiner Schwester.“
Komm, nur ein bisschen!“ bittet er mich, und schon hält er meine Arme fest und fängt an wild zu wippen und schaukeln. Ich reite auf seinem Schoß und kann mich kaum halten, so schnell galoppiert er mit mir davon. Aber der Sattel ist hart, und unbequem und tut weh.
Das Spiel macht mir gar keinen Spaß, doch der Mann lacht.
Schau mal, wie lustig das ist“ versucht er mich zu ermuntern, aber ich mag das Spiel trotzdem nicht. Ich will, dass meine Schwester jetzt kommt.
Plötzlich ist der Bademeister da. Er ist sehr dick und sehr streng und er schimpft mit dem Mann.
Der Mann lässt mich los.
Wir haben nur gespielt, stimmt´s?“ fragt er mich.
Ich nicke.
Trotzdem darf der Mann nicht im Kinderbecken bleiben. Er tut mir leid.
Am Rand steht meine Schwester.
Komm, wir gehen jetzt nach Hause.“ sagt sie.
Mit dem Fahrrad fahren wir durch die Schrebergärten.
Meine Beine streifen die Brennesseln am Wegesrand.Enhanced by Zemanta

13 Kommentare zu “Brennesseln

  1. Merkwürdigerweise hing es mir gar nicht nach.
    Erst Jahre später wurde mir klar, was da passiert ist.
    Meine Schwester hat mich noch aus ganz anderen Situationen geholt, die weitaus gefährlicher waren.

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  2. Mir wird Einiges klar… Das ein „unschönes Erlebnis“ zu nennen, wäre wohl beschönigend… Uff!
    Ich habe auch Schwimmbaderlebnisse und wurde gerettet, allerdings bloß vorm Ertrinken.

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    • „Bloß vor dem Ertrinken“ ist gut. Das ist doch viel existentiezieller, als das, was ich damals erlebt habe.
      Mir war es unangenehm, und erst als ich älter wurde, fand ich den Vorfall rückblickend schlimm.

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  3. Ich habe gerade gefällt mir gedrückt, meine damit aber selbstverständlich nur die Tatsache, dass Du so starke und klare Worte gefunden hast für ein Erlebnis, das viel zu viele Kinder vermutlich irgendwann einmal gehabt haben, ohne es wirklich verarbeiten und loswerden zu können.

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    • Glücklicherweise gehen solche Dinge zunächst „gut“ aus. Doch niemand kann wissen, was der Typ beim nächsten Mal tut. Und wenn er das tut, dann ist Ertrinken eben nicht existentiezieller. Es zerstört und vernichtet in einer Art, die wir uns kaum vorstellen können.

      Echte Missbrauchsfälle (wie zynisch, hier zwischen echt und unecht zu unterscheiden – Du hast das Erlebnis nicht vergessen!), werden nur im Promillebereich aufgeklärt.

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    • Danke.
      Ich habe diesen Tag nie vergessen, obwohl ich nicht sagen kann, dass ich unter dem, was geschehen ist gelitten habe.
      Es hat mich irgendwie irritiert. Verunsichert.
      Die Angst kam erst Jahre später.
      Ich bin, wie Du, überzeugt, dass sehr viele Kinder solche Erlebnisse haben. Nicht alle haben soviel Glück und eine so tolle Schwester wie ich.

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  4. Ich muss, nach einigem Zögern, nun doch noch was dazu sagen.

    Missbrauch kann sehr subtil sein. Und, obwohl scheinbar „nichts“ geschehen ist reagierst Du „typisch“ (so es typisch überhaupt gibt). Deine Schwester zeigt, dass wir Alle aufeinander und auf die Kinder aufpassen müssen (und können).

    Es ist unglaublich schwierig, das aus- und anzusprechen oder richtig darüber zu sprechen. Wir, also ich, können das nicht im entferntesten verstehen, was das mit Menschen macht. Wir sehen nur, wo sie plötzlich mit 50, 60 Jahren unvermittelt anfangen zu weinen, wo Ehen darunter leiden und zerstört werden, eine unheimliche Depressionen das Leben beherrscht, obwohl man sich nicht oder kaum mehr erinnern kann.

    Vor diesem Hintergrund: Danke für den Text. Der ist ein Teil der dringend benötigten Aufklärung. Dein Text teilt mit, dass sie nicht alleine sind und dass wir sie nicht alleine lassen.

    (Btw. musst Du nicht zwingend veröffentlichen. Ich weiß es wirklich nicht…)

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    • @ Joachim-
      Ich wollte den Kommentar veröffentlichen, weil ich ihn für wichtig halte.
      Natürlich hast Du Recht.
      Manche Dinge graben sich ihren Weg ganz langsam, und eines Tages brechen sie sich Bahn. Das weiss ich durch ganz andere Erfahrungen, die lange in mir geschlafen haben, bis sie bearbeitet werden wollten.
      Die hier beschriebene Erfahrung hat mich nicht besonders leiden lassen, aber sie hat lange Zeit mein Männerbild mitgeprägt. Den Rest kannst Du Dir denken.

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