Das gekrümmte Universum

crop circle - echoes

crop circle – echoes (Photo credit: oddsock)

„Ja, aber wer wird uns heilen von dem tauben Feuer, dem Feuer ohne Farbe, das durch die Rue de la Huchette läuft, wenn es Nacht wird, aus morschen Portalen schlägt, aus den kleinen Innenhöfen hervorkommt, von dem bildlosen Feuer, das über Steine leckt und auf den Türschwellen lauert, was sollen wir tun, um sein sanftes Brennen abzuwaschen, das uns verfolgt, das sich festsetzt um zu dauern, verbündet mit der Zeit und der Erinnerung, den haftenden Substanzen, die uns auf dieser Seite festhalten, von diesem sanften Brennen, das anhalten wird, bis es uns ausgeglüht hat.“

(Cortázar, Rayuela)

Auf dem Flug nach Barcelona lerne ich Malte kennen.
Wir sind beide auf dem Weg ins Unbekannte.
Er beginnt eine Weltreise. Ich fliege zu einem Fremden.
Nach der Landung gehen wir gemeinsam zum Gepäckband und dann zum Ausgang.
Irgendwo dort wartet D. auf mich.
Hinter der Absperrung verabschieden Malte und ich uns. Wir drücken uns kurz. Vorfreude in jeder Pore.
Allein stehe ich jetzt in der weitläufigen Halle und schaue auf die Palmen vor dem Eingang.
Ich bin nervös. Ob wir uns erkennen werden?
Als ich meinen Namen höre drehe ich mich um. Da steht er.
Mittelgroß und mittelblond. Seine Augen sind beinahe türkis. Er trägt Jeans, Hemd, Sandalen und Bart. Wir lächeln uns an und er küsst mich flüchtig auf die Wange.
Er hat einen schönen Mund.
Wir verlassen den Flughafen.
Mit dem Mietwagen fahren wir nach Eixample.
Smalltalk und Stadtführung.

Plaça Reial
Las Ramblas
Bari Gòtic

D.wohnt in einem großen Wohnblock aus den 60er Jahren.
Von der Tiefgarage nehmen wir den engen Aufzug nach oben. Es ist stickig und warm.
Sein Blick tastet mich ab. Ich bin verlegen.
An der Wohnungstür warten drei übergewichtige Katzen, die zur Begrüßung laut maunzen. Wahrscheinlich haben sie kein Futter mehr.
Durch einen düsteren Flur, voller Kisten und Gerümpel führt er mich zum Wohnzimmer, einem kahlen, dunklen Raum mit PVC-Boden, Campingstühlen und Klapptisch. Der Balkon geht zum öden Innenhof hinaus.
Ich setze mich an den Tisch.
Möchtest du etwas trinken, ehe ich das Gepäck aus dem Auto hole?“
Gerne. Ein Wasser.“
Doch anstatt in die Küche zu gehen bleibt er stehen.
Wir schauen uns an. In seinen Augen steht eine große Frage.
Macht er sich Gedanken, wie sich die nächsten drei Tage zwischen uns entwickeln werden, oder versucht er gerade sein inneres Bild von mir mit dem tatsächlichen abzugleichen.
Eine Weile halte ich seinem Blick stand, dann schaue ich weg.
Ich spüre, dass er mich wiegt und prüft.
Guck mich bitte nicht so an. Das ist mir unangenehm.“ sage ich schließlich und mein Ton fällt harscher aus als beabsichtigt.
D.
zuckt kaum merklich zusammen. Dann dreht er sich um und geht ins Nebenzimmer, wo ich ihn herumrascheln höre. Er scheint etwas zu suchen.
Merkwürdige Stimmung hier.
Wie immer in Situationen, die mir nicht geheuer sind, springt mein Katastrophenradar an.
Was tut er da, und was würde ich machen, wenn er jetzt zurück käme und ein Messer in der Hand hielte?

Er könnte mich problemlos töten, wenn er wollte.
Zerstückeln. Verscharren, Vergessen.
Oder für immer gefangen halten.

Und dann:
Anton weiß wo ich bin. Ich muss vorsichtig sein.
Mir wird nichts passieren.

 Als er nach ein einigen Minuten zurück kommt, hält er ein paar Fotos in der Hand, die er vor mir auf den Tisch legt. Dann tritt er einen Schritt zurück. Er wirkt angespannt.

Schau dir das bitte an.“
Was ist los?“
Bitte schau dir das an!“ Er sagt es mit Nachdruck und ich greife nach dem obersten Bild.
Im gleichen Moment durchzuckt es mich.
Das kann nicht wahr sein!
Eine heisse Welle geht durch meinen Körper. Ich schaue ihn an. Er sieht traurig aus.
Auch das zweite und dritte Bild.
Wie ist das möglich?
Woher hast du diese Fotos?“ frage ich ihn und höre meine Stimme wie hinter einer Glasscheibe.
Schau sie dir bitte ganz genau an.“ sagt er und steht dabei noch immer vor mir.
Ich kann das, was sich in seinem Gesicht abspielt nicht deuten. Es bewegt sich zwischen Trauer und Panik. Und es ist ansteckend.
Wieder betrachte ich die Fotos. Sie sind allesamt schwarz-weiß und unscharf.
Ich versuche mich zu erinnern.
Wo wurde das aufgenommen. Was ist das für ein Kleid?
Die schwarze Katze, ist das Castorp? Und der Garten? Ist das irgendwo in Frankfurt?
Ich kann mich einfach nicht entsinnen.

„Woher hast du diese Fotos?“ wiederhole ich meine Frage und merke, wie seine Panik und mein Ärger sich in meinem Hals zu einem dicken, trockenen Tau zusammen drehen, das mir beinahe den Atem nimmt. Mir wird flau, meine Hände sind kalt.

Wie kommt dieser Kerl dazu mir nachzuspionieren?
Wie hat er das alles eingefädelt und wer hat ihm dabei geholfen?
Was hat er vor?

D. setzt sich mir gegenüber an den Tisch, seine Augen schwimmen. Weint er etwa?

Du weisst, dass wir uns nie gesehen haben.“sagt er „Nicht einmal ein Foto hast du mir geschickt.“
Worauf willst du hinaus?“
Antworte mir bitte! Du weisst, dass ich kein Foto von dir bekommen habe. Ich konnte das nicht wissen.“
Plötzlich legt er beide Hände vor sein Gesicht und der Oberkörper kippt nach vorne.
Wie ein vom Schmerz Überwältigter schaukelt er jetzt vor und zurück und ich höre ihn schwer atmen.
Was ist bloß los hier?
Nach etwa einer Minute scheint er sich ein wenig gefangen zu haben, setzt sich aufrecht hin und starrt mich an. Seine Augen sind groß.
Ich warte darauf, dass er etwas sagt, aber er schweigt. Katatonisch.
Wie kommst du zu diesen Aufnahmen?“ frage ich ihn schließlich, und kann meinen Ärger kaum unterdrücken.
Eine ganze Weile passiert nichts. Er sitzt und starrt.
Dann nimmt er die Fotos vom Tisch und betrachtet sie lange. Eins nach dem anderen.
Immer noch schweigt er.
Die Zeit vergeht nicht.
Ich halte den Atem an.

Warten auf den Schuss

Schließlich lockert sich seine Körperspannung. Er lehnt sich zurück und atmet aus.
Siehst du denn nicht, dass du das nicht bist?“ sagt er auf einmal. Seine Stimme klingt kraftlos.
Ich schaue ihn an und habe Blitze im Kopf.
Wie passt das alles zusammen?
Abgesehen davon, dass ich nicht mehr weiss, wann und wo die Fotos gemacht wurden, gleicht die Frau auf den Bildern mir auf´s Haar. Das bin ich.
Der Hals, die Frisur, die Körperhaltung, das Gesicht.
Wer außer mir sollte das sonst sein?
Habe ich einen Zwilling? Gibt es ein großes Familiengeheimnis?
Und wenn ja, woher weiß dieser Mann, der fast sein gesamtes Leben in Peru verbracht hat, und den ich erst seit wenigen Wochen kenne, davon, und wie hat er es geschafft über den Umweg des Forums den Kontakt zu mir aufzunehmen?
Habe nicht sogar ich als erstes auf eines seiner Postings reagiert?
Ich finde keine Antwort.
Wer ist das?“ frage ich ihn. Meine Stimme ist mir fremd.
D. holt tief Luft. Er kämpft mit sich.
Mehrmals setzt er zu einer Antwort an, bricht dann ab und schlägt die Augen nieder.
Minutenlang sitzen wir uns so gegenüber. Jeder auf seine Art auf´s Äußerste angespannt.
Dann endlich holt er tief Luft, und fast tonlos kommen die Worte über seine Lippen.
Das ist Betty.“ sagt er. „Meine Mutter.“

Teil I. hier

 

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17 Kommentare zu “Das gekrümmte Universum

  1. In einem Kommentar zu „Kalte Laken“ hatten Sie dies den Anfang der Geschichte genannt. Das aber verstehe ich nicht. Ich sehe einen Anfang, aber nicht den und es ist auch kein Beginn.
    Sicher, den absoluten Anfang zu bestimmen, ist unmöglich. Selbst unsere persönlichsten Geschichten haben oft lange vor unserer Geburt begonnen. So wie wir selbst in gewissem Sinn. Auf diese niemals genau bestimmbare Größe verweist die abwesende Mutter. In ihr liegt eine anfängliche Stiftung, da sie die beiden Unbekannten verbindet. Den einen hat sie geboren, der anderen gleicht sie auf’s Haar. Dadurch entsteht dann zugleich die Unheimlichkeit.

    Zwischen den beiden bleibt mir aber auch der Beginn verborgen. Welche Erwartungen haben sie aneinander? Wodurch oder wozu haben sie sich verbunden?
    Der Augenblick fehlt, in dem etwas, das vorher nur als ungeahnte Möglichkeit existierte, sich in eine offene aber doch schon bestimmte Wirklichkeit verwandelt hat. Der Moment, in dem sich zwei vorher getrennte Wege zu einem verbunden haben.
    Ein Forum? Markt für was? Was wurde gesucht und was stattdessen gefunden? Was machte irgendeinen „Fremden“ zum unbekannten Ziel? Malte will die Welt erkunden. Er kennt sie nicht, aber er weiss, dass es sie gibt. Woher wussten Sie, dass es ihn gibt? Soll das verborgen bleiben?

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    • Werter Sachverständiger,

      natürlich haben Sie Recht.
      Dies ist weder ein Beginn, noch der Anfang der Geschichte.
      Dieser, quasi der Ursprung, liegt viel weiter zurück, und ist schon von Anfang an in die beiden Protagonisten eingeschrieben.
      Es gibt viel Ebenen, auf denen sie sich begegnen, und Schuld ist ein großes Thema, das beide trennt und verbindet.
      Auch die Mutter, oder sogar die Mütter, spielen dort eine Rolle.
      Die Väter nur durch ihr Nichthandeln.
      Die Geschichte ist so komplex, dass sie tatsächlich ein ganzes Buch wert wäre.
      Ich werde mich hier darauf beschränken den Rahmen so zu stecken, dass verständlich wird, innerhalb welcher (zerstörerischen) Dynamik sich hier zwei Menschen bewegt haben.
      Gerade schreibe ich an dem Text, der erklärt, wie wir uns trafen, und wieso ich nach Barcelona reisen musste.

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  2. Drehbuchreif, würde ich sagen, Kompliment! Hitchcock hätte seine helle Freude daran gehabt. Das zum Stil, der den Inhalt transportiert und ein mehr als mulmiges Gefühl heraufbeschwört. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht allzu voyeuristisch, wenn ich sage, dass ich wirklich gespannt bin auf die Fortsetzung. Barcelona hattest Du an anderer Stelle schon mal erwähnt, insofern bin ich vorgewarnt, um nicht zu sagen alarmiert…

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    • Vielen Dank, Pagophila!
      Ja, du hast Recht. Barcelona hatten wir schon. Hier und hier.
      Nein, es klingt nicht voyeuristisch, sondern erfüllt genau meinen kühnsten Hoffnungen: dass nämlich die geneigte Leserschaft sich eine Fortsetzung wünscht. Die es auch geben wird.
      Allerdings, muss ich nun doch erst noch den richtigen Anfang, also quasi den Ursprung dieser Geschichte schreiben.
      Da hat der Sachverständige Recht. Erst dann wird die Geschichte komplett.
      (Ich weiss, dass er das nicht geasgt hat, aber ich sage das jetzt einfach).

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  3. Damit ich nicht schon wieder schreibe, dass ich Pagophila voll zustimme: Die Erwartungen (Ein blödes Wort dafür, eigentlich. Hoffnungen passt genausowenig. Neugier vielleicht….), die „Kalte Laken“ säte, sind mit dem Text übertroffen, und die Spannung ist nach dem Lesen, nach den letzten Worten, noch größer. Chapeau!

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  4. „…drehe mich um“. Fehlt da ein „ich“? Ich könnte nun einige solche, absolut nicht kritische Fragen stellen. Doch der Titel des Kapitels „Das gekrümmte Universum“, hält mich davon ab. Das ändert jede Logik und jede Kausalität.

    Ich bin gespannt. Ich bin sehr gespannt, was Du da mit „uns“ mit „Dir“ mit wem auch immer (oder überhaupt) „spielst“.

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    • Gut gesehen, danke! Habe es gleich geändert.

      Stell ruhig Fragen.
      Langsam bekomme ich nämlich Angst, dass ich die Erwartungen sonst nicht erüllen kann.
      Ich schrieb ja bereits dem Sachverständigen, dass die Geschichte ein ganzes Buch wert wäre.
      Und das kann ich hier im Blog nicht schaffen.

      Als nächstes kommt erst einmal nur der ganz profane Beginn einer Liebesbeziehung. Das Kennenlernen.
      Da erklärt sich auch der Titel des Textes hier. Der allerdinsg am Ende der Zeit, die wir zusammen verbrachten eine ganz andere Bedeutung bekam.

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      • Nach einiger Überlegung, ob ich etwas Erwartungen sage, nur:

        Ich kritisiere niemals etwas, das mich nicht interessiert und schon gar niemanden, der mich nicht interessiert. Das (meine Kritik) muss Dich aber nicht zwingend interessieren. Es ist Dein Text.

        Und zweitens: Mach einfach Dein Ding. Es ist gut. Die Erwartungen interessieren nicht. Wenn Du nun anfängst Dich danach zu richten, dann verlierst Du möglicherweise jede Authentizität (und Lust daran).

        Sach‘ nix. Tu es einfach. Und ja, das ist sehr egoistisch von mir.

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