Tirili

Kanarienvogel

Kanarienvogel (Photo credit: baerchen57)

In den letzten Wochen habe ich viel geschrieben.
Das meiste davon waren Geschichten aus meiner Vergangenheit.

Ich habe dabei das Bild einer Familie gezeichnet, und ich habe versucht zu beschreiben, wie sich das Leben in dieser Familie lebte, der ich mich nach wie vor sehr verbunden fühle, und die ich liebe.
Das alles habe ich nicht getan um meine Familie bloß zu stellen, anzuklagen, oder um irgendeine Wut los zu werden.
Ich habe keine Wut.
Die Dinge waren so, wie sie waren.
Nachkarten wäre sinnlos und kräftezehrend.

Im Schreiben habe ich einen Weg gefunden mich präzise zu erinnern, statt mich bloß diffus irgendwie zu fühlen. Das ist gut.
Merkwürdigerweise funktioniert das aber nur, wenn ich für andere schreibe und nicht bloß für die Schublade, was damit zusammen hängen mag, dass ich mich dann viel mehr der Wahrheit verpflichtet fühle, als wenn ich mir schön in meine eigene Tasche lügen könnte.
Der Umstand, dass meine Schwester hier mitliest, bindet mich noch mehr an die genaue Skizzierung der Geschehnisse.
(Hallo Betty!)
Dass ich überhaupt über all das schreibe, liegt nicht daran, dass ich ständig in der Vergangenheit lebte, dass es mir so besonders schlecht ginge, wie besorgte Mails meiner Leserschaft nahe legen, oder dass in meinem Leben einfach nichts Schönes passierte.

Im Gegenteil. Mir geht es, trotz aufwühlender Ereignisse gut.

Ich fühle mich heute so sicher im Sattel wie nie zuvor, und habe auch sonst keine schwerwiegenden Probleme, die mich in den Abgrund ziehen würden, sieht man einmal von meiner Erkrankung ab, die ich als gedeckte Grundierung meines Lebens betrachte.
Buntes Grau sozusagen.

An anderer Stelle habe ich mich bereits mit Mrs. Mop darüber ausgetauscht, dass das Niederschreiben bedrückender Dinge eine ungeheuer entlastende, belebende und manchmal sogar aufheiternde Wirkung hat.
Kathartisch geradezu.
Während also die liebe Leserschaft sich noch damit herumschlägt was mir früher widerfahren ist, sitze ich schon wieder lustig auf der Gardinenstange und pfeife mir einen.
Ich, die Katastrophenchronistin.

Also bitte keine Sorgen mehr machen!

 

Enhanced by Zemanta

22 Kommentare zu “Tirili

  1. Ha! Genau darüber habe ich heute nachgedacht, ich wollte dich sogar fragen, wie es dir dabei geht, diese Dinge aufzuschreiben, ob es dir gut tut oder gar nichts für dich tut… dann habe ich es vergessen und war nur erschöpft. Ein schöner Beitrag also! Wobei ich von dir nicht das Bild eines gequälten Menschen habe, in deinen Texten steckt zu viel Reflexion dafür. Du hast das schon durchgearbeitet, irgendwie, das merkt man.
    Es ist ja so, dass sich Widersprechendes gleichzeitig gefühlt werden kann, ohne dass sich das wiederum widerspricht. Oder so… ich bin so müde heute… so, so müde. Ich belasse es also dabei. Liebste Grüße!

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  2. So einen wunderschönen Kanarienvogel hatte ich auch einmal. Er hatte leider ein schlimmes Ende. Eine Türe schloss sich schneller als er fliegen konnte.- Deine Geschichten sind einfach ehrlich und brillant erzählt. Danke!

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      • Das ist normal, denke ich. Jeder Blogger bekommt seinen Stempel, die Leser machen sich ein Bild von ihm und das hat er dann, auch wenn das gar nicht die ganze Persönlichkeit widerspiegelt (auch nicht widerspiegeln kann).

        Deswegen sind sie sehr irritiert, wenn der Blogger mal etwas anderes postet, das nicht zu dem Bild passt. Im günstigsten Fall irritiert das nur, im ungünstigsten gibt es einen Shitstorm, weil dann das, was der Leser erwartet konsumieren zu können, nicht bedient wird und dann gibt es Enttäuschung, die bei schlichteren Charakteren auch mal in Wut umschlagen kann (bei dir nicht, du hast im Querschnitt ein sehr besonnenes Kommentariat oder filterst fleißig). Bücherschreiber, die mal was anderes schreiben oder Musiker, die mal andere Einflüsse bringen oder gleich ne ganz andere Stilrichtung einschlagen, können das nachfühlen. Die Leute lieben das Gewohnte und du bist eben die Katastrophenbraut. Bam. Stempel auf der Stirn. Deal with it. :)

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        • Ich weiss nicht, ob das für mein Blog so zutrifft.
          Ich habe schon den Eindruck, dass ich auch gerne unterhaltsame und fröhliche Geschichten schreiben darf und dafür viel positive Rückmeldung bekomme, so wie für diesen hier.
          Den Stempel „Katastrophenchronistin“ habe ich mir selbst gegeben, meinte ihn aber durchaus auch ironisch.
          Ich finde, dass ich ein sehr angenehmes Kommentariat habe, und ich filtere fast gar nicht.
          Nur wer hier derbe aus der Rolle fällt und vulgär wird fliegt raus.
          Von mir erwartet man wahrscheinlich nachdenkliche Töne, von dir eher die härteren gepaart mit Sprachakrobatik. Bei dir drüben habe ich auch schon gelesen, dass Leute sich beschwerten, als du ihnen zu „weichgespült“ klangst.Trotzdem machst du das,was du willst, und das ist gut so. Du weisst ja, wie gern ich deine Texte mag.
          Ich werde auch weiterhin genau das schreiben, was gerade ansteht und vertraue auf meine freundliche Leserschaft.
          Wem es nicht gefällt, der kann einfach weiter ziehen.

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  3. So, so, und pfeifst Dir einen..;-) – Aber gut zu wissen. Ehrlich gesagt, habe ich es mir auch so vorgestellt, denn die Texte über Deine Familie sind weit von einer anklägerischen Streitschrift entfernt. Im Gegenteil, sie wirken reflektiert und abgeklärt im besten Sinne. An dieser Stelle danke ich Dir vielmals für die Möglichkeit des Mitlesens. Deine Lebensgeschichten berühren mich sehr, und die Art, wie Du sie aufarbeitest, hat mich von Anfang an beeindruckt.

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    • Genau das, besser als Pagophilia es sagt, kann ich es auch nicht. Was pfeifst du denn so, und was hat der Vogel da für ein überdimensioniertes Hipsterbarthaar? Fragen über Fragen…
      Schönes Wochenende, die Sonne ist wieder da, vielleicht sind die Scherben ja auch bald weg.

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      • Die Sonne scheint über Kreuzberg-Südost, und das Barthaar, lieber Informer, ist eine Tüte ein Grashalm.
        In meinem schicken Kiez haben sie schon alle Scherben der Revolution beseitigt.
        Die Gehwege liegen fast jungfräulich da, in Erwartung der nächsten Club-Mate-Flasche.
        Das Leben ist schön!

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    • Ich freue mich, wenn das so verstanden wird. Manchmal bin ich mir da nicht so sicher.

      Umgekehrt möchte ich dir (und den anderen aufmerksamen Leserinnen und Lesern) dafür danken, dass ihr hier seid, meine Texte lest, auch wenn sie manchmal sehr lang oder belastend sind, und mich mit euren klugen und geistreichen Kommentaren bereichert!

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    • Das stimmt, schön ist es gerade. Das mit dem Grashalm (was für Gras denn bitte?!) war für mich wirklich nicht zu erkennen. Und ich entschuldige mich bei Pagophila, dass ich aus der weissen Möwe eine Vorliebe für Wassereis gemacht habe. Oder so.
      Ich muss hier übrigens den Hund noch zwischen Bierflaschenscherben durchnavigieren, unsere hässliche Ecke hat wohl halt keine Prioriät ;-)

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  4. Ist mir auch schon aufgefallen, dieser Umstand, dass das „für andere schreiben“ nicht dasselbe ist, wie für sich bzw. die Schublade zu schreiben.

    Ich hatte keine Sorge um Dein Seelenwohl, aber nett, dass Du Dich äußerst, bevor jemand darüber grübelt. Schon wieder eine gelungene Geschichte.

    Ich lese hier sehr gern, auch wenn ich nicht so oft kommentiere – ich bin da.

    :-)

    Schönes Wochenende nach Kreuzberg!

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  5. Ich denke, genau das ist das „Geheimnis“ deines Blogs, den ich so gerne lese, seit ich ihn in den internetten Weiten gefunden habe. Klar, authentisch und aufrichtig. Kein Schmus, kein Weichgespüle.
    Und ich bewundere Dich dafür.
    Meine wenigen wirklich sehr persönlichen Beiträge habe ich unter Passwortschutz gestellt. Ich traue mich einfach nicht, sie mit jedem zu teilen, wollte mir aber dennoch meine Sorgen von der Seele schreiben.

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    • Danke, Frau Tonari.
      Ich mache mir manchmal Gedanken, ob ich nicht zuviel von mir preisgebe.
      Dann wieder denke ich: kennt mich ja keiner und zudem liegen diese Geschichten alle lange zurück.
      Fast wie aus einem anderen Leben.

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  6. Da schließe ich mich dem einen oder der anderen Vorschreiberin an: man merkt deinen Beiträgen das lange Nachdenken und oft auch das Abgeschlossenhaben an, und ich bewundere auch oftmals den Mut, dies mit deinen Leser zu teilen. Danke auch dafür…

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