Blind

„You were the eyes of a blind man“

(I. J.)

inesseidel

Ich war vierenhalb Jahre alt, als mein Bruder einen Stein in mein linkes Auge schoss, und ich schreiend in dem kleinen, dunklen Hof hinter dem Haus umfiel und um Hilfe rief.
Ich war blind.

Später saß ich auf dem Perserteppich in dem riesigen Wohnzimmer.
Um mich herum war dunkle Nacht.
Ich fühlte die Schritte meiner Mutter auf dem Boden noch ehe ich sie hören konnte.
Meine Geschwister spielten irgendwo in meiner Nähe. Sie kochten Buchstabensuppe auf dem Puppenherd, es klapperte hier und da, mein kleiner Bruder lachte und meine Schwester sprach in dem betulichem Ton einer besorgten Mutter, als sie ihm zum Füttern ein Lätzchen umband. Der Geruch von Brühe stieg mir in die Nase.
Ich legte den Kopf in den Nacken und rieb meine Augen mit beiden Fäusten, bis es hinter der Stirn blitzte und ein rotes Adergeflecht in meinem Kopf aufleuchtete. Doch sobald ich damit aufhörte wurde es wieder Nacht.
Mein linkes Auge war mit einem großen, runden Pflaster zugeklebt, das rechte starrte in tiefste Dunkelheit. Kein Bild, kein Lichtstrahl fand den Weg nach Innen, und ich lauschte auf die Geräusche im Haus und die Schritte meines Vaters auf der Treppe.
Wenn ich hörte, wie er mit großen Sätzen, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben gelaufen kam freute ich mich. Noch ehe er meine Mutter begrüßte, kam er schon zu mir ins Wohnzimmer und sprach mich an.
Kannst du mich sehen?“
Nein!“
Es raschelte, und ich wusste, dass er jetzt die Stablampe zwischen den Papieren aus der Brusttasche seines Kittels fischte. Seine warme Hand hielt mein Kinn fest und ich spürte seinen Atem dicht vor mir. Er roch nach Zigarre.
Siehst du das Licht?“
Bin ich jetzt blind?“
Das wird wieder“, sagte er mit fester Stimme. Dann setzte er sich an den Esstisch und nach dem Mittagessen legte er sich hin. Ich blieb auf dem Boden hocken und wartete auf den Abend, wenn wir alle ins Bett gehen und die Augen schließen würden.
In meinen Träumen war alles wie ich es kannte. Hell und bunt.

Das erste Bild, an das ich mich wieder erinnere, ist das freundliche Gesicht meines Vaters, das sich mir von oben nähert und mich anschaut. Die schwarzen Haare, die dunkle Brille. Ganz kurz nur sah ich ihn, dann war er wieder verschwunden.
Ich lachte vor Freude und er lachte laut mit. Ein tiefes Glück und Vertrauen breiteten sich in mir aus.

Wie lange das so ging, weiss ich nicht mehr, aber immer häufiger ließ mein blindes Auge einzelne Bilder, oder besser Bruchstücke meiner Umwelt hinein. Ein bunter Ball, ein Teller, die Stablampe, die roten Haare meiner Schwester, der verschmierte Mund meines Bruders. Sie erschienen mir wie einzeln angeleuchtet und auf eine schwarze Wand geworfen. Alles um sie herum blieb dunkel.
Irgendwann dann, öffnete sich ganz plötzlich für eine Sekunde ein großes Tor nach außen. Sehr kurz nur. Gleißendes Licht strömte hinein und blendete mich. Ich schloss die Augen.

Über die Zeit blieben die Bilder länger und ich gewöhnte mich an die immer wieder unerwartet einbrechende Helligkeit. Die Tage der Klänge waren vorbei. Ich war nicht mehr allein auf Töne und Geräusche angewiesen. Die Welt, wie ich sie kannte, kehrte zurück zu mir.
Nach einigen Wochen, während derer mein sehendes Auge weiterhin zugeklebt war, konnte ich mich wieder alleine orientieren, alleine zur Toilette gehen, mir Bilderbücher anschauen und spielen. Bald durfte ich auch zurück zu meinen Freunden in den Kindergarten.

Ein paar Wochen später fuhr mein Vater mit mir nach Köln in die Augenklinik. Dort sollte ein weiterer Arzt einen Blick auf mich werfen. Man war sehr zufrieden mit der Entwicklung meines Auges. Nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren, nahm mein Vater mich an die Hand und ging mit mir zur Domplatte. Es war ein sonniger Tag und wir aßen Eis. Irgendwo in der Innenstadt kaufte er mir einen rot-weißen, aufziehbaren Plastikwal mit beweglicher Schwanzflosse, den ich Zuhause mit in die Badewanne nehmen würde.

Als wir zum Auto kamen, dämmerte es bereits und bald darauf wurde es dunkel.
Mein Vater trug seine schwarze Sonnenbrille, eine andere hatte er nicht dabei.
Ich saß auf der Rückbank hinter ihm, zog meinen Wal auf, ließ ihn mit der Flosse klappern und fing dann von vorne an.
Kurz hinter Köln waren wir auf die Autobahn gefahren, bereits bei der ersten Abfahrt verließen wir sie schon wieder und tuckerten mit dem alten Renault die Landstraße entlang. Mein Vater fühlte sich dort sicherer.

Das nächste woran ich mich erinnere ist, dass ich zwischen Rückbank und Vordersitz eingeklemmt auf dem Boden des Fahrzeuges liege und mein Vater meinen Namen ruft. Dann kommt er nach hinten, öffnet die Tür, befreit mich vorsichtig aus meiner Lage und setzt mich vorne auf den Beifahrersitz.
Mit aufwendigen Manövern und aufheulendem Motor rangiert er den Wagen fluchend aus dem Graben und wir setzen unsere Fahrt durch die Dunkelheit fort.
Er erzählt mir von seiner Nachtblindheit und den Schwierigkeiten die er hat den unmarkierten Straßenrand trotz der  schwarzen Brillengläser zu erkennen.
Den Rest der Fahrt halte auch ich die Augen offen.

Bild: flickr, Ines Seidel, creative commons 2008

15 Kommentare zu “Blind

  1. Falls Sie mir noch eine Antwort auf meinen gestrigen Kommentar zu „Borderline“ schreiben wollten, dann benötige ich die eigentlich nicht mehr. Diese Erzählung ist viel besser als alles, was ich dazu bisher gesagt habe. Sie spricht und zeigt, sie sagt nicht nur. Haben wir für dieses Geschehen jetzt nicht nur ein gemeinsames Wort sondern auch ein gemeinsames Verständnis gefunden? Einen schönen Tag.

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  2. „I am covered in skin, no one gets to come in.“ Erinnert mich an dieses Stück von den Counting Crows. „Colorblind“. Dich da so sitzen zu sehen, auf dem Teppich, wie übersehen, bevor Dein Vater kommt… auch das Zitat zu Anfang spricht Bände und erinnert mich wiederum an eine andere von Dir beschriebene Szene, in der Du Deinem Vater ein anderes Deiner Sinnesorgane leihst, Dein Ohr…

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    • Meinen Vater und mich verbindet seit dem Tag meiner Geburt eine sehr enge Beziehung, die durch die Umstände noch enger wurde.
      Du hast ein sehr gutes Gedächtnis, und du siehst, was ich sagen möchte. Das freut mich jedes Mal auf´s Neue.

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  3. Wunderschöne Geschichte. Komik ist ja bekanntlich Tragik in Spiegelschrift, mich lässt Deine Erzählung grinsen und froh sein über Deinen lieben Herrn Papa und Euer Glück, dass nichts weiter passiert ist im Grabenausflug :)

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