Die Prophetin

Fotothek_df_roe-neg_0000490_002_In_einer_Pfütze_gespiegelte_Gebäudefassade
April is the cruelest month, breeding
lilacs out of the dead land, mixing
memory and desire, stirring
dull roots with spring rain.

T.S.Eliot, The Waste Land
 

 

Mein Kopf ist merkwürdig leer. Ein angenehmer Zustand.
Ich habe der Welt nichts zu sagen und die Welt mir nicht.
Wir sind einfach so da.
Die Sonne scheint vom rein gewaschenen Aprilhimmel, draußen ist es windig und frisch.
Der Hund schnaubt und niest vor Wohlgefühl, die Ohren fliegen nach hinten, die dunkle Nase glänzt feucht.

April, der Monat, in dem die schnell ziehenden, auseinander triftenden Wolkengebirge sich in den großen Pfützen spiegeln bis Hagelkörner sie zerschlagen und dicke Regentropfen sie blasig davon schwemmen.
Noch ist es trocken, nur der Wind kräuselt kühl die Oberfläche.

Mir ist so leicht ums Herz, so ungebunden und frei.

Ein Tag, an dem man in einen Zug steigen möchte, den erstbesten, einen mit kyrillischen Buchstaben auf den Flanken, vielleicht. Ohne Gepäck.

Fahren, bis es dunkel ist, die Beine übereinander geschlagen, einen Tee im Speisewagen nehmen, und irgendwann in einer weit entfernten Stadt wieder aussteigen. Eine unbekannte Sprache hören. Reiseklänge. Gelbes Licht.
Mit dem Fuß auf dem Bahnsteig beginnt das neue Leben in diesem fremden Land.

Eine Hafenstadt, zwischen Abchasien und Adscharien, irgendwo auf dem Balkon Europas.
Ein eigenes Alphabet für die neuen Worte, mit denen ich eine Muschel forme.
Glatt innen, außen gerieft.

Einen anderen Namen werde ich tragen. Martha oder Sibylle.

 

 

 

Bild:  Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

20 Kommentare zu “Die Prophetin

  1. „Bin gar keine Russin, stamm‘ aus Litauen, echt deutsch.“

    Todeszug, Todesfahrt, von Schwelle zu Schwelle oder Fahrt ins Leben? Reise in den Osten. Sibylle ist dem Tod geweiht, wird nicht nur sterben, wie es allen Menschen geschieht, sondern sie will es sogar: „Die Sibylle habe ich nämlich in Cumä mit eigenen Augen gesehen. Sie hing an der Flasche, und als die Knaben sie fragten: ‚Sibylle, was willst du?‘ antwortete sie: ‚Sterben will ich.‘“ so geht die Widmung die dem „wüsten Land“ vorangestellt ist. Für Ezra Pound. Im Original in Latein und griechisch geschrieben. So geht der Effekt und nicht anders. Man schreibt nicht über ihn, sondern setzt ihn im Text. Performativ eben. Es ist nicht jeder Prophetin, jeder Seherin vergönnt, das zu ertragen, was sie sieht. Der Macht des Negativen ins Angesicht zu blicken, wie einer der bedeutenden Philosophen in der Vorrede eines seiner Bücher proklamiert, schreibt sich leicht und macht sich schwer. In der Philosophie mag es als Text gehen. Doch meist wird dort abstrakt im Kathederton vom Tod als Existenzial schwadroniert und existential steht sowieso alles in der Entscheidung oder in der Phrase sogar groß im Sturm: Verbalnonsense. Eliot hat das Purgatorium und die Schrift des Todes sehr viel klarer erfaßt als es die meiste Philosophie es je vermochte. Eliot entwickelt das Konglomerat der Stimmen und der Sprachen als Erfahrung von Fremde und von Melancholie, von Liebe und Einsamkeit, die „Tristan und Isolde“-Anspielung ist in Bezug auf die Liebe in den Zeiten der Moderne von Eliot gut gesetzt. Hier im Text ist es eine andere Fahrt, eine in den Neuanfang, nicht übers Meer, sondern die Fahrt mit dem Zug geht nach Osten hin. Aufbruch aus der Leere, wohin auch immer in die andere Leere. Die Weite das Osten. Das weite Land eben.

    Aber das alles hat sicherlich nichts mit der zunächst vordergründig heiteren Geschichte als Reisegeschichte zu tun.

    Dein blondes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith, fällt mir ein, wenn ich den Namen Martha höre und von den Zügen in den Osten lese. Aber Martha heißt hebräisch eben auch: Die Gebieterin.

    Eine Geschichte, die vielschichtiges Assoziieren zuläßt. Am Ende bleiben diese zwei Möglichkeiten im Namen, im magischen Akt der Namensgebung: Martha oder Sibylle. So ist es. Kann man es sich aussuchen oder wird man ausgesucht?

    Gefällt mir

    • Interessante Assoziationen.
      Unglaublich, aber ich kannte die Widmung nicht, und habe den Namen Sibylle in Erinnerung an ein Gedicht Goethes gewählt („Wie an dem Tag“). Danke, dass du sie mir hier aufführst.
      Das Gedicht kenne ich nur auf Englisch. Es hat eine derartig überwältigende Kraft und Wirkung auf mich, dass ich, als es mir vor Jahren zum ersten Mal vorgetragen wurde, bei den oben zitierten Zeilen zu weinen anfing. Auch heute noch kann ich mich seiner elementaren Wirkung nicht entziehen.

      Zum Text: die Stadt hätte eigentlich Odessa sein sollen. Am Schwarzen Meer gelegen.
      Da nun aber die Ukraine zur Zeit ganz andere Assoziationen weckt, musste ich weiter reisen, nach Georgien.

      Ob ich mein neues Leben als Martha oder Sibylle verbringen werde ist noch nicht entschieden.
      Die Prophetin oder die Herrscherin.
      Im Spanischen bedeutet matar übrigens töten, während atar fesseln, festbinden heisst. Letzteres nur nebenbei.

      Ich lege mich ungern fest.

      Gefällt mir

      • Zur Sibylle muss man, zu ihrer Ehrenrettung, aber anmerken, dass sie natürlich nicht AN der Flasche hing, sondern IN einer Flasche, was ja auch ihren Todeswunsch erklärt. (Sie war ganz eingeschrumpft und kläglich.) Wer entweder genug Latein kann, um „in ampulla pendere“ zu übersetzen, oder sich je mit dem Schicksal der armen Sibylle beschäftigt hat, wird die Version des altehrwürdigen Nachschlagewerks aus meinem Bücherregal sicher bestätigen.

        Gefällt mir

      • Es ist absolut so: “in” der Flasche nirgends sonst.So steht es in der vonE. R. Curius übersetzten Ausgabe: “in ampulla”: Angesichts der trostlosen Moderne fände ich jedoch die Sibylle, welche an der Flasche hängt, ungleich passender. Morphinisten, Alkoholiker und Haschisraucher wie Baudelaire, die die künstlichen Paradiese suchen.

        Gefällt mir

    • Jene, die sagt: „Sterben will ich“, die ist schon tot. Sie ist des Lebens überdrüssig. Hat hier nichts mehr zu suchen. Ihr wird es egal sein ob der Zug in den Osten oder den Westen fährt.

      Die alten Bedeutungen der Namen sind uns oft unbekannt; wer kann sie schon deuten? Wenn die Schreiberin nun sagt, sie wolle Martha oder Sibylle heißen hat sie sich etwas dabei gedacht.? Ich glaube nicht.

      Gebieterin oder Wahrsagerin? Keine klare Entscheidung !

      Gefällt mir

    • Bersarin, sehr interessant (ich muss wirklich mal Deinen Blog besuchen).

      Zugegeben, ich habe das dreimal gelesen, den Text auch und weiß nicht, ob ich da mitkomme. Tristan und Isolde? Sterben will ich? Ist das wirklich ein „klassisches Drama“, was sich da auftut? Gibt es wirklich nur weinige Basismotive?

      Das zu ertragen, was man sieht, das geht mehr in meine Richtung. Mir fällt die Kassandra ein, die von Christa Wolf, da auf dem Boot. Auch eine Reise. Hier ein Zug, die Zukunft oder ein Traum, Aufbruch während die Seherin Kassandra sich auf dem Boot erinnert. War das so? Es ist sehr lange her, wo ich das gelesen hatte. Wenn ja, dann hier der Aufbruch dort das Ende. Vielleicht ist das Identisch. Denn Geschichten sind dem Erzähler schon bekannt.

      Und, call me ismael, mir fällt noch ein anderes Buch ein, das mit einer so wunderbaren Leichtigkeit beginnt. Es klingt nach Abenteuer.

      Vielleicht mache ich einen Fehler. Manchmal sollte man Text für sich stehen lassen. tikerscherk, geht das noch weiter? Oder gibt es Geschichten, wo dem Erzähler das Ende noch nicht bekannt ist?

      Gefällt mir

      • @ Joachim

        sterben will ich nicht, aber das Bewusstsein meiner Endlichkeit geht mit auf die Reise.

        Aufbruch, Zukunft, Verheissung.
        Schicksalhafte Selbsterfüllung.

        „So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
        so sagten schon Sibyllen, so Propheten;
        Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
        geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“

        (Goethe)

        Vor allem aber ist es eine leichte Reise, ein Abenteuer.
        Das siehst du richtig, zumindest soweit ich meinen eigenen Text verstehe. Was mir mein Unterbewustsein möglicherweise eingeflüstert hat weiss ich nicht.

        Das Ende der Geschichte ist mir so unbekannt wie dir.
        Ich bin gespannt wie es weitergeht. Und ob überhaupt.
        Nach Georgien möchte ich reisen und dann weiter sehen.

        Gefällt mir

      • Nun Sibyllen, vielleicht weiß ich ein klein wenig, wie es weiter geht.

        Da sind Türme, die sich mit lautem Tosen aus der Erde reißen, sie erhellen wie ein Feuerwerk, die Nacht zum Tag machen, alle Dinge ändern und die Welt war nicht mehr, wie sie war.

        Gefällt mir

      • Ach, ich will mich ja auch gar nicht so sehr einmischen. Diese Geschichte wird sicher ohne mich wunderbar. Sie ist es schon.

        Bedenke aber, dass niemand aus seiner Haut kann. Bedenke, das die Geschichten die wir schreiben aus uns kommen, wie die Träume. Wir können niemanden darstellen, als uns selbst. Selbst das Bild des Anderen ist Teil von uns, nur sein Abdruck in meinem Kopf. Die Geschichte, die Du schreibst ist Deine Vergangenheit, Teil Deines Seins, selbst wenn Du sie zu einer Zukunft neu zusammenfasst.

        Die einzige andere Möglichkeit ist zu warten. Doch da geschieht nichts, als dem Bild in Dir ein neues Stück hinzuzufügen. Bestenfalls. Du kannst die Schmerzen der Vergangenheit loslassen, ja, man sollte es sogar. Doch sie haben Dich schon verändert. Sie prägen Dein Verhalten und Deine Zukunft.

        „Sehen“ ist Extrapolation aus der Vergangenheit. Die Vergangenheit, aus der wir irgendwie die Konsequenzen ziehen, ist die Zukunft. Da ist der Grund für Neuanfang und Abenteuer. Seine Symbole in Geschichten zu verwenden ist keine Schwäche. Symbole, diese Echos des Seins, machen sie erst authentisch.

        Ich bin mir sehr sicher, Du weißt es genau, schreiben ist ein Spiel, ein Tüfteln, ein Prozess, ein Ringen um die perfekte Form in einem perfekten Augenblick. Nur dieser Augenblick kann uns befriedigen. Der Druck sucht sich seinen Weg. Bau Deinen Traum, welchen auch immer, ein.

        Und höre nicht auf mich. SIE kommen auch gut ohne UNS zurecht. Jedenfalls können SIE das selbst entscheiden.

        Gefällt mir

        • Noch einmal der Verweis auf das Gedicht von Goethe: dort ist die Rede von „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“.
          Ich weiß, dass ich nicht einfach ein neues Leben anfangen kann. Identität überdauert auch die Zeit und den Ort.
          Aber ich kann wenigstens innerhalb dieses Rahmens ein bisschen spielen.
          Mir zum Beispiel eine Muschel formen.

          Und à propos- Schreiben ist ein Spiel, das stimmt. Patience und Topfschlagen. Manchmal auch mit verbundenen Augen.

          Gefällt mir

      • @ Joachim
        Immer zu und in meinen Blog hineinlesen. Es geht beim Lesen nicht nur ums Mitkommen, sondern darum,Texte fruchtbar zu machen – und sei es unbewußt. Siehe z.B.die Sibylle in und an der Flasche: die in derselben ist antik, die an der Flasche modern. Querelle des Anciens et des Modernes. Ich lebe von den Assoziationen und von den Assonanzen, und wenn die vollbracht sind, kommt die Analyse. Wenn dann ein haltbarer Text entsteht, ist alles gut.

        Die Assoziation zu Moby Dick gefällt mir übrigens.

        Gefällt mir

  2. Eine traurige aber schöne Erzählung. Aber wo fährt der Zug hin? In ein Land wo gerade eine Revolution stattfindet? Ein Sturm braut sich zusammen und wir wissen nicht wie es enden wird. Sybille sollte es eigentlich wissen.

    Fremde Länder, fremde Sitten. Ich weis nicht, ob die Autorin sich dort finden wird.

    Gefällt mir

    • Ist die Erzählung traurig?
      Merkwürdig, denn ich habe sie in einem sehr glücklichen und aufgeräumten Moment verfasst.
      Vielleicht meintest du melancholisch?

      Die Ukraine lasse ich hinter mir und reise weiter nach Georgien.
      Das Georgische hat ein ganz eigenes Alphabet und das Land ein besonderes Klima.
      Im Süden subtropisch mit Urwäldern. Viele Berge- der Kaukasus.
      Die Landschaft ähnelt in manchen Gebieten jener Irlands, und die Lage am Schwarzen Meer macht es noch mehr zu einem Sehnsuchtsort.
      Fremde Länder, fremde Sitten. Du, als Auswanderer weisst wie das ist.
      Ich weiss auch nicht, ob ich mich dort finden kann, aber es ist doch zumindest einen Versuch wert. Wenigstens im Kopf.

      Die Namen Martha und/ oder Sibylle sind übrigens bewusst gewählt. Das nur als kleine Anmerkung zu deinem Komentar an Bersarin.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s