Katastrophenchronik

Bläuliche Flammen

In dieser Nacht sah ich ein Kind,
Das lachte mich an.
Es hat das Lachen in dieser Nacht
Mir wohlgetan.
Über die Heide wogten
Große bläuliche Flammen.
Die haben den Himmel ganz hell gemacht,
Dazu hat das Kind noch viel mehr gelacht.
Wir lachten beide zusammen
Über die bläulichen Flammen.
 
Paul Scheerbart, 1871
Gasherd

Gasherd (Photo credit: JanHofmann)

Immer wenn ich von Flugzeugunglücken höre, denke ich an unseren Rückflug von La Habana und die 10.000 Meter die die Boeing über dem Bermuda-Dreieck in freiem Fall stürzte, bis sie sich auf 2.000 Metern Höhe fing und die Fluganzeige sich, zusammen mit der Bordbeleuchtung, wieder einschaltete.
Im dunklen Passagierraum herrschte, abgesehen von den berstenden Geräuschen der Tragflächen, den aufspringenden Gepäckablagen und dem kurzen  Aufschluchzen einer Passagierin, während des gesamten Sturzes Stille. Niemand sprach, keiner schrie.
Es roch nach Angst und Erbrochenem.

Immer, wenn ich von Geisterfahren höre, denke ich an den ersten Kuchen, den ich je gebacken habe, und den ich dem Geburtstagskind in sein kleines fränkisches Dorf bringen wollte, als mir auf der A7 in einer Linkskurve ein Fahrzeug entgegenkommt.
Der Kuchen führte allseits zu gerührten Seufzern, so jämmerlich sah er aus.

Immer, wenn ich die Sirenen der Feuerwehr höre, denke ich mein Haus brennt.  So, wie vor 10 Jahren, als der Mieter über mir seinen Mitbewohnern einen Denkzettel verpassen wollte, der sich zu einem flammenden Inferno verselbständigte und mich für ein paar Monate wohnungslos machte.

Immer, wenn ich an einem Ibis-Hotel vorbei komme, denke ich daran, dass ich dort, zusammen mit meiner kranken Katze, die Wochen nach dem Hausbrand verbringen musste. Wie sich später herausstellte, war der Brandstifter nicht versichert, und die Hotelkosten blieben an mir hängen.
Beim Ibis-Hotel denke ich aber auch an den Feuerwehreinsatz, der mich während meines Aufenthaltes dort aus dem Schlaf riss, weil ein Hotelgast im Stockwerk unter mir gezündelt hatte.
Dann fällt mir noch der Besuch bei meiner Schwester, und der Brand im Erdgeschoss ihres Hauses kurze Zeit später ein, sowie die Fahrt nach Bad Muskau bald darauf, als der Motor meines alten Wagens Feuer fing.
Des weiteren erinnert mich dies an den Brand in meiner Küche, ausgelöst durch die Katze, die mit ihren Pfoten den Herd angeschaltet hatte und so eine Kerze, die gleich daneben abgestellt war zum Schmelzen brachte, was zu einer unglaublichen Stichflamme führte, als das Wachs die heisse Herdplatte erreichte.
Natürlich bringt mich das wiederum zu dem Feuer im Hausflur, als Kinder den Sperrmüll anzündeten, der dort abgestellt war und jenem Brand im Keller unter meiner damaligen Neuköllner Erdgeschosswohnung, als die Feuerwehr mit Gasmasken bei mir anklopft und mich evakuieren will.
Vom Kabelbrand in der Bordküche auf dem Hinflug nach La Habana sei hier besser geschwiegen.

Unverschuldet rein, unversehrt raus.

Außer einer ausgeprägten Flugangst, einer übermäßigen Spinnenphobie und der Gewissheit unzerstörbar zu sein, sind mir keine bleibenden Schäden geblieben.

 

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23 Kommentare zu “Katastrophenchronik

  1. Wenn einem Menschen so viel Spannendes widerfährt, ist das schon einen Asbach Uralt wert. (Schade daß die Blogbetreiberin nicht mehr trinkt.)

    Zumindest kannst Du Dir sicher sein, daß in den nächsten 40 Jahren keine Männer, die Besitzstand haben, mit Dir zusammenziehen wollen. (Es sei denn, die arbeiten bei der Feuerwehr oder wollen auf günstige Weise ihr altes Leben samt Hausstand entsorgen.)

    Wenn übrigens die Gegner der Gentrifizierung – die, wie ich vermute, allerdings eher kirchenmausarm sind – ein wenig Geld sammelten und Dich demnächst in dem schönen, neu entstehenden Wohnbezirk am Engelbecken oder in einer der Autolofts in der Reichenberger einmieteten, so hätte die Kreuzberg-Gentrifizierung wahrscheinlich bald schon ein Ende, weil jedes hochpreisige Mietobjekt innerhalb weniger Tage abgebrannt wäre. Hernach geht Deine Tour weiter in den Prenzlauer Berg: First we take Krrräutzbärch, than we take Börlin …

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    • @Bersarin

      „Schade daß die Blogbetreiberin nicht mehr trinkt“

      Klingt so, als hätte ich vorher getrunken im Sinne von gesoffen.
      Ich mache lediglich ein Jahr Pause vom Alkohol. Am 28. Mai entscheide ich dann, ob ich weiter abstinent bin. Ein sehr angenehmer Zustand übrigens. Figurförderlich dazu.
      Ob ich dann allerdings auf meine gesammelten Katastrophen anstoßen wollte, bezweifle ich.
      Für Asbach fühle ich mich darüber hinaus entschieden zu jung.


      „Zumindest kannst Du Dir sicher sein, daß in den nächsten 40 Jahren keine Männer, die Besitzstand haben, mit Dir zusammenziehen wollen.“

      Kann ich das? Es gibt immer wieder mutige Abenteurer und heillose Romantiker, da mache ich mir gar keine Sorgen. Die Frage ist eher, ob ich das möchte, und da zeichnet sich eine klare Tendenz ab.

      Mich selbst als Katerlieschen Katalysator für gentrizierungsabwendene Brände zu sehen, bereitet mir helle Freude.

      Einen vergnügten Sonntag wünsche ich!

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    • Ich ziehe bzw. zog so etwas an, ja.:-/
      Mit dem Feuer bin ich seit einigen Jahren durch.
      Jetzt habe ich es mehr mit Notarzt, krankem Hund, Hund, der sich in Exkrementen wälzt und dergleichen mehr. Ich würde also sagen, ich befinde mich auf dem Weg der Besserung.

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    • Sei froh! Allerdings: wie kommt das?
      Ich merke inzwischen, wenn jemand ein paar Meter von mir entfernt ein Streichholz anzündet.
      Ich muss es nicht sehen, oder hören, ich rieche verbranntes Holz sofort.
      Denn danach riecht ein brennender Altbau.

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  2. @ tikerscherk
    Sehr vernünftig, nicht mit jemandem zusammenzuziehen. Schon wieder eine Gemeinsamkeit zwischen uns. Da wird Mrs Mop als Concierge aber ihre helle Freude haben. Sicherlich bist Du keine Bewohnerin des Grandhotel Abgrund. Aber in diesem Denken der Distanz und Nähe ticken wir ähnlich. Wie harmonisch wir doch zusammenschwingen, nicht wahr?

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    • @Bersarin

      Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du den Gerüchten und Mutmaßungen über ein etwaiges Zusammenschwingen kein Futter geben oder um bei dem Thema von heute zu bleiben: kein Öl auf die Flammen gießen würdest.
      Nein, ch wohne nicht im Grandhotel Abgrund, sondern in der Casa del Burro.
      Mein Denken über Nähe oder Distanz habe ich hier meines Wissens nicht thematisiert, und wo du Gemeinsamkeiten zwischen uns aus meinen Blogtexten ableitest, würde mich aufrichtig interessieren.
      Aber Recht hast du trotzdem: ich wohne gerne alleine, und liebe es mit Freunden am Tisch zu sitzen, die ich dann zu vorgerückter Stunde meist zur Tür begleite und ihnen ein freundliches Aufwiedersehen mit auf den Weg gebe.

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  3. Das war ein ironisch gemeinter Satz und eine Anspielung auf Mrs. Mops Satz bei mir im Blog. Ich lege keinen besonderen Wert darauf, mit Dir zusammenzuschwingen oder irgend etwas gemeinsam zu machen. Zumal ich auf die Fülle der Katastrophen, auf Flugzeugabstürze, Hunde, Notärzte, Feuer sehr gut verzichten kann. Das einzige, was wir gemeinsam haben, ist in Berlin zu wohnen. Und dabei soll es bleiben.

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  4. Mein Gott, was für Geschichten. Mir ist noch nichts davon passiert. Kann daran liegen, dass ich nicht fliege, nicht Auto fahre und unter einer Brücke wohne.

    Kann aber auch sein, dass ich verdränge. Denn wenn ich mir jetzt Mühe gebe, fällt mir doch ein bisschen was ein.

    Toll geschrieben.

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    • Danke!
      Ja, denk mal nach. Es wird dir sicher auch einiges einfallen.
      Unfälle, Stürze etc.
      Bei mir ist das schon fast schicksalhaft, zumal es immer Vorfälle sind, die ich nicht vermeiden kann.
      Ich bin nicht die, die in den Hundehaufen tritt. Niemals.
      Ich lasse nicht den Herd an, mache keine Unfälle.
      Wenn ich einmal falsch parke ist das Auto garantiert am nächsten Tag abgeschleppt.
      Deswegen passe ich auf.
      Ich bin eben die, bei der gleich der ganze Zug entgleist, während sie einen Schluck Kaffee trinken möchte.
      Hab mich dran gewöhnt.

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  5. Ohje, inzwischen (nicht erst nach diesem Beitrag, aber jetzt erst recht) denke ich, daß „die Katastrophenchronistin“ ein wesentlich realitätsnäher gewählter Untertitel ist als ich je gedacht hätte… *schauder*
    Mir scheint, Du bist mit „den paar Nebenwirkungen“ relativ gut aus all Deinen Katastrophen herausgekommen; gut im Sinne von „lebend und mental stabiler als ich mir das vorstellen könnte“
    Ein *prost* mit der Saftflasche auf weiteres abfallen der Kurve (wenn’s erstmal nur die Stubenfliegen in Deiner Wohnung erwischt, hast Du’s geschafft ;-))
    Das mit der Herdplatte und der Katze hatte ich übrigens auch mal- bloß ists bei mir glimpflicher ausgegangen, nämlich mit nur einer angeschmurgelten Kühlschrankdichtung und dito Arbeitsplatte (beides daneben) Mit Katze nur noch reindrückbare Herdknöpfe…

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    • Danke, danke!
      Man gewöhnt sich tatasächlich an alles. Auch an ein risikoreicheres Leben.
      Manche Leute werden ja sogar Stuntman, Soldat oder Personenschützer.
      Der Unterschied liegt eigentlich nur darin, dass ich ein sehr vorsichtiger Mensch bin und mir trotzdem all das passiert.
      Ich will nicht jammern: am Ende ist noch immer alles gut gegangen.
      Die Fliegen in meienr Wohnung überleben jetzt schon keine 5 Minuten- die Katzen…

      Zum Herd- ich habe nach dem Küchenbrand immer wieder dieselbe Geschichte von Katzenhaltern gehört.
      Inzwischen habe ich eine extra Sicherung für den Herd einbauen lassen. Ein neonleuchtender Knopf, den die Katzen nicht drücken können und der mir immer anzeigt, ob die Sicherung an ist oder nicht.
      Die Katzen können jetzt in meiner Abwesenheit gerne auf dem Tisch Herd herum tanzen. :)

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