Blutsgeschwister

Den ganzen Tag, wie schon die Tage zuvor waren wir, die Augen auf den Boden gerichtet, herum gelaufen und hatten von überall größere Steine und Schotter zusammengetragen, die wir in unseren, nach vorne gezogenen, T-Shirts sammelten und auf einen Haufen schütteten. Im Verlauf unserer Arbeit wuchs der Haufen stetig an, und war nach einigen Wochen zu einer meterhohen Halde geworden. Diese wurde unser Spielplatz, und das einzige, dass sich darauf spielen ließ, war das zügige Erklimmen des erodierenden Gipfels, und das armrudernde Herunterrennen, mit federnden Knien, schräggestellten Fußgelenken und einsinkenden Schuhen. An den schiefergrauen Kanten des groben Gleisschotters schlugen wir uns die Knochen blau und zerschürften bei unseren Stürzen Hände, Ellbogen und Rücken.
Jeden Tag trafen wir uns an diesem geheimen Ort, den niemand außer uns kannte.
Jeder blieb für sich. Im stummen Wettstreit um Tempo, Mut und Geschick.
Der Sommer war staubig, und das Grün verbranntem Ocker gewichen.

2013-06-03 17.15.28-1#1Unweit unseres Geröllberges gab es einen kleinen Bach, der um diese Zeit kaum noch Wasser führte, und an dem wir, nach getaner Arbeit und beendetem Spiel, unsere Wunden kühlen konnten.
Auf dem Rückweg durch die Schrebergartenkolonie, betraten wir den einen oder anderen Garten, der verlassen und zugewuchert dalag und zerkratzten unsere Hände beim Pflücken der Brombeeren.
Manchmal stand eine Laube offen und wir sahen uns darin um. Außer ein paar Zeitschriften und Bekleidungsstücken gab es dort nichts, was der Rede wert gewesen wäre.

An einem Tag fanden wir ein Messer im hohen Gras. Ich nahm es und schnitt mir mit einer schnellen Bewegung das Handgelenk auf. Blut lief den Knöchel herunter und tropfte auf meine Schuhe. S. tat es mir gleich.
Eine Weile standen wir und betrachteten das kleine rote Rinnsal auf unserer Haut. Dann drückten wir unsere Gelenke aneinander, und warteten bis das geronnene Blut unsere Arme miteinander verklebte.

Hinter der Senke, in der die Kleingartenkolonie lag, stieg der Weg unvermittelt steil an und wurde so schmal, dass zwei Personen nur mit Mühe aneinander vorbei gehen konnten. Links und rechts war er von buschig überwachsenen Zäunen begrenzt, deren Grün sich über unseren Köpfen zu einem Tunnel schloss.

Hintereinander stiegen wir nach oben zur Straße.
Dort trennten sich unsere Wege.
Wir verabredeten uns für den nächsten Mittag. Den letzten Tag der großen Ferien.

 

6 Kommentare zu “Blutsgeschwister

  1. Pagophilia hat Recht. Die Atmosphäre ist spürbar. Das „Sein“ ist wichtig nicht das „warum“. Kinder spüren das viel besser. Das Photo gefällt mir auch. Durch diesen Gang wäre ich auch gerne gerannt.

    Ein schönes Wochenende wünsche Dir und Deinen Followers (auch jenen, die manchmal zynische Fragen stellen).

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