All night long

2014-03-19 15.37.19#1
Manche Lampen sind mir besser in Erinnerung, als der Gesichtsausdruck des Menschen, über dessen Schulter hinweg ich sie an der Decke hängen sah.

Eine Nacht in Hamburg. Für das Konzert in dem kleinen Club waren wir an die Elbe gefahren, um noch einmal zusammen Chris Bailey zu hören.
Mit einer Pistole an seiner Schläfe hatte er diese Reise erzwungen und alles versprochen, was er in den letzten Jahren nicht hatte halten können.
Auf der Hauswand unseres Hotels ein gemalter Scherenschnitt: eine Reihe schwarzer Hühner, die platt getreten und zerrupft auf dem Boden liegen. Weiter vorn der unersättliche Hahn mit aufgestellten Schwanzfedern, der dem Rest der flüchtenden Hennen hinterher jagt.
Drin sind die Tische und die drehbaren Metallhocker fest am Boden verschraubt, wie bei John Irvings Hotel New Hampshire. Frauen vom horizontalen Gewerbe kommen in Begleitung und gehen, kurz nachdem ihre Freier das Hotel wieder verlassen haben.

Unser Zimmer ist schlicht möbliert, das Bett mit gestärkter Wäsche bezogen. An der Wand eine grüne Plastikgarderobe aus den 70ern, wie auch die groß gemusterten Vorhänge und die weiß- rote Küchenlampe mit floralem Dessin aus dieser Zeit stammen.

Das Konzert ist eine Qual, jedes Lied ein Stich. Innere Blutungen.
Er nimmt mich in den Arm, und für einen Moment werde ich weich und küsse ihn mit der ganzen Liebe und Verbundenheit von sieben Jahren.

Es ist kalt draußen, der Rückweg zum Hotel verläuft schweigend. Das Unglück knirscht unter unseren Sohlen.

Zuhause wartet ein Eifersüchtiger darauf, dass ich ihm von meinem Besuch bei der Tante in Hannover Meldung mache.
Ich werde heute nicht mehr anrufen, weder bevor, noch nachdem die Dinge zwischen uns geschehen sind, von denen wir beide wissen, dass es zum letzten Mal sein wird.

Im Hotel dann macht er sofort das Licht aus. Er läuft von Fenster zu Fenster und zieht die Vorhänge zu, bis ich nichts mehr sehen kann. Nach einer Weile, gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit, und ich erkenne die vertraute Kontur seines Körpers und das Aufglimmen einer Zigarette.
Dann zieht er sich langsam aus. Seine Hand tastet sich an meinem Bein entlang nach oben.
Als er sich auf mich legt, quietschen die ausgeleierten Federn, wir umarmen uns und ich weine.

In den nächsten Stunden, finden wir nur wenig Schlaf.
Mit der Kraft des Verzweifelten fängt er wieder und wieder von vorne an.
Kennt alle Orte. Jeden Winkel, jedes Tal, jede Wölbung, jedes Tor.
Er ist ein Kenner, ein Künstler, ein Forscher und ein Gott.
Wie gut er riecht, wie sehr ich ihn vermisst habe.

Ich werde vom Blitz seiner Kamera geweckt.
Sternchen tanzen auf meiner Netzhaut.
Ich bin müde, er ist wach.
Ein weiteres letztes Mal.

Er fotografiert mich, wie ich unter ihm liege, mit zerlaufener Wimperntusche und offenem Haar.
Die angeblitzte Lampe wirft einen langen Schatten an die Wand.
Er fotografiert uns, wie wir uns küssen.
Ich sehe unser gemeinsames Profil.
Er fotografiert Amok, während er mich einhändig liebt.

Überall schlägt der Blitz ein, und der Raum beginnt zu zersplittern. Schatten wechseln ihren Ort, bewegen sich unvorhersehbar auf und ab, die Küchenlampe springt schnell zwischen Decke und Wand hin und her. Der Schrank stürzt auf uns zu.
Schlaglichter. In rasender Folge.
Mir wird schwindlig.
Ich bitte ihn aufzuhören. Da schluchzt er.

Am Morgen sickert das fahle Winterlicht durch die Vorhänge in den Raum und legt sich milchig auf unsere Körper. Ich muss telefonieren, doch er bittet mich noch zu bleiben.
Für das letzte Mal.

Eng umschlungen liegen wir, und ich schaue an seiner Schulter vorbei auf die weiß-rote Lampe, während seine Tränen sich in meinem Schlüsselbeingrübchen sammeln.

 

 

6 Kommentare zu “All night long

  1. Der erste Satz ist so gut, dass ich einen kleinen Vorschlag zu ihm machen will: „Gesichtsausdruck“ scheint mir zu lang, stört das Stakkato und so die aphoristische Qualität. Entweder nur „Gesicht“ oder vielleicht „Miene“; das klingt zwar weich, hat aber durch die Alliteration mit Mensch einen eigenen Fluss.

    Ein sehr gelungener, geradezu brillanter Text, Sie erreichen wieder Ihre Bestform der perspektivischen Verdichtung. Liegt wohl auch am Thema. Schönen Sonntag!

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  2. Besten Dank für den Vorschlag, über den ich noch nachdenke. Tatsächlich war mir der Satz auch etwas zu holperig, aber ich fand die Stelle nicht, an der er bremst.
    Ansonsten freue ich mich über das Kompliment und wünsche ebenso einen schönen Sonntag!

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