Styroporn

Absturzwagl

(Photo credit: Wolf-Ulf Wulfrolf)

Beim Thai hole ich mir ein grünes Curry. Zuhause öffne ich die, mit Alufolie versiegelte Styroporschale. Soviel Verpackungsmüll. Ich esse und lese dabei meine Mails.
X. hat mir Blumenfotos geschickt, die er heute in den Straßen Westberlins für mich gemacht hat. Eine kleine Diaschau, an deren Ende FIN steht. Schön.
Ich räume die Styroporschale weg, die jetzt ganz leicht ist.

Ich mag Styropor und mochte es schon als Kind, weil es das einzige Material war, das bei viel Volumen wenig Gewicht hatte, und mir das Gefühl gab stark wie ein Riese zu sein.
Als Zehnjährige zerschnitt ich die orangen-großen Styroporkugeln, die meine Mutter zur Fertigung von Trockenblumengestecken kaufte, in der Mitte und schob sie mir unter das T-Shirt, an die Stelle, wo später einmal meine Brüste sein würden. In die Jeans stopfte ich Socken, und formte mir auf diese Weise einen runden Frauenhintern. So also würde ich als Erwachsene aussehen.
Später dann gab es diese, mit Styroporkügelchen befüllten, Sitzsäcke. Wenn man auf ihnen herumlag und sich bewegte, hörte man das Knarzen des Lackleders, und das Knirschen der Füllung, das dem Geräusch ähnelte, das entsteht, wenn Pulverschnee zu einem Schneeball zusammen gepresst wird.
Noch später lagen wir zu zweit darauf herum, tranken Bier, zogen uns aus und lachten, wenn der Sack mit und unter uns ächzte und unsere verschwitzten Körper an dem Leder kleben blieben und sich zu dem Knarzen und Ächzen noch ein Quietschen gesellte.
Daran muss ich denken, als ich die leere Schale in den Abfall werfe, und meine Gedanken ziehen weiter zu jener Baustelle, an der ich an einem Frühlingsabend mit Mitte Zwanzig vorbei ging, durchströmt von Jugend, Erwartungen und Hormonen, der kühle, leicht säuerliche Geruch von Zement in meine Nase stieg und ich wie von einem großen Magneten angezogen den halbdunklen Rohbau des Beton-Bungalows betrat, wo sich eben dieses Aroma verdichtete, meine Schritte durch die leeren Räume hallten, und ich den jähen Wunsch verspürte an diesem neu entstandenen Ort auf einen Fremden zu treffen, dem ich mich auf dem harten Boden schweigend hingeben würde, und wir im Anschluss blicklos auseinander gingen, beide mit aufgeschürften Knien.
Jahre später begegnete ich einem Mann, auf den frischer Beton und Zement eine ähnliche Wirkung hatten.

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12 Kommentare zu “Styroporn

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