Alles in vierzig Minuten

SAMSUNG

Tagelang versuchte ich eine Mitarbeiterin jener Firma zu erreichen, welche die hinteren Scheiben meines Franzosen tönen soll, um Töle vor Hitze zu schützen. Gestern Morgen rief sie mich endlich zurück.
Da ich wusste, dass sie krank gewesen war, erkundigte ich mich nach ihrem Befinden. Gerne gab sie mir Auskunft:
es ginge ihr inzwischen wieder besser, aber von gut könne nicht die Rede sein, denn sie leide seit Kurzem an einer chronischen Durchfallerkrankung und da passiere es ihr immer wieder, dass sie es nicht mehr zur Toilette schaffe, und das Ganze in die Hose ginge.
Ich traute meinen Ohren nicht, sprach ihr mein Bedauern aus, und versuchte dann, ein wenig verschämt, zum eigentlichen Grund meines Anrufes überzuleiten. Sie aber hatte das Bedürfnis, mich noch genauer einzuführen in die Problematik ihres Dünn- und Dickdarmes, der nämlich nicht nur entzündet sei, sondern auch noch Bauch-, Leisten- und Rückenschmerzen verursachte, die es ihr verunmöglichten Sport zu machen, obwohl sie doch immer leidenschaftliche Marathonläuferin gewesen war, weil sie gar nicht genug rennen konnte, um ihrem Leben und insbesondere ihrer Kindheit zu entfliehen, der sie, und da habe sie keinen Zweifel, überhaupt erst ihre desolate gesundheitliche Situation verdanke, denn sowohl Mutter, als auch Vater hätten ihr übel mitgespielt, und jetzt müsse sie auch noch für die Kosten der Unterbringung ihrer Eltern in einem Altersheim aufkommen.
Ich bedauerte sie erneut und schlug vor, es mit Osteopathie gegen die Rückenschmerzen zu versuchen. Meine Anregung nahm sie dankbar an, und fühlte sich dadurch ermutigt mich nun auch noch über die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten, mit dem sie bereits seit 13 Jahren zusammen sei , und die kurz vor dem Aus stand, in Kenntnis zu setzen. Er habe eine Zeit lang soviel gesoffen, nur hartes Zeug, dass er mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, und erst dann zur Besinnung kam, als sie sich ein WG-Zimmer gemietet hatte und kurz vor dem Auszug stand. Da ernüchterte er schlagartig und ließ das Trinken sein, was sie wiederum total aus der Kurve getragen habe, weil sie doch bereits derartig Anlauf genommen und sich insgeheim darauf gefreut hatte ein ganz neues Leben anfangen zu können. Immerhin seien 13 Jahre ja mehr als ein Drittel ihres Lebens, was sie zu der Frage brachte, wie alt ich denn eigentlich sei. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, antwortete ich wahrheitsgemäß und versuchte so, ein klitzekleines Quentchen zu dieser unerwarteten Selbstenthüllungsorgie beizutragen, und eine Idee von Augenhöhe und gleichberechtigter Kommunikation aufkommen zu lassen, obwohl ich wusste, dass der Zug dafür längst abgefahren und nichts mehr zu retten war.
Dass wir fast gleich alt waren freute sie, und sie vertraute mir an, dass die Krankheit ihr letzten Endes auch etwas gebracht habe. Sie sei viel offener geworden dadurch, habe gelernt besser auf sich aufzupassen, und sie habe ganz furchtbar viel online geshoppt in der Zeit Zuhause, sich also Genuss verschafft. Klar habe sie jetzt Schulden, aber Geld sei schließlich nicht alles im Leben, das Wichtigste seien doch Glück und Zufriedenheit, und so groß sei der Schuldenberg nun auch wieder nicht, dass sie sich ernsthaft Sorgen machen müsse. Irgendwie ginge es immer weiter, ich wisse doch sicher, was sie meine.
„Ja,“ sagte ich, und ehe ich weiter in dem Inventar meiner Floskeln herum kramen musste, teilt sie mir ganz unvermittelt den Termin für die Scheibentönung mit. Nächste Woche Donnerstag könne ich das Auto abholen, vorher würden sie es nicht schaffen. Den Kostenvoranschlag schicke sie mir gleich noch per Mail zu. Plötzlich hatte sie es überaus eilig das Telefonat zu beenden, und ich mutmaßte, dass ihr ihre Offenbarungen  auf einmal peinlich geworden wären.
Erschöpft und mitgenommen von soviel Einsamkeit legte ich auf.
Das Gespräch hatte Vierzig Minuten gedauert.
Kurz darauf erreichte mich der Kostenvoranschlag mit einem kurzen Begleitschreiben, dass mit „Huhu“ begann, und mit lieben Grüßen und dem Vornamen der Frau endete.

16 Kommentare zu “Alles in vierzig Minuten

  1. es gibt menschen, die sind so. man kommt nicht weg, wenn sie einmal mit ihrer geschichte angefangen haben. ich weiß nicht, ob es einsamkeit ist, wie du hier vermutest, oder einfach distanzlosigkeit und redseligkeit. wie auch immer – irgendwie ist die geschichte traurig. aber vielleicht besteht dazu ja gar kein grund.

    Gefällt mir

    • Ich glaube, dass sich zu einer gewissen Distanzlosigkeit, oder Redseligkeit, die Du vermutest, noch Verzweiflung und Einsamkeit gesellen müssen, damit ein Mensch, einer Fremden solche Dinge von sich erzählt.
      Meiner Meinung nach stand die Frau unter Schock über ihre Erkrankung, und sie scheint in mir jemanden gewittert/ erhofft haben, der sie versteht. Dabei war ich nur eine Kundin am Telefon.
      Insofern ist die Geschichte durchaus traurig, da stimme ich dir zu.

      Gefällt mir

    • Auf jeden Fall.
      Die Scheiben haben einen hohen UV-Filter und sind ziemlich dunkel. Sieht zwar ein bisschen mackermäßig aus, aber das ist mir egal. Hauptsache der Hund kriegt keinen Hitzschlag wenn ich sie mal 3 Minuten im Auto lassen muss.

      Gefällt mir

        • Hatte ich schon. Fallen ständig ab, und wenn man dann das Fenster zur Belüftung herunterlässt, und nicht dran denkt, dass da etwas anhaftet, dann fliegt der Schattenspender auf die Autobahn, dem Hintermann auf die Frontscheibe während der Sauger vom Fenster mit herunter gezogen wird, und irgendwo in der Tür stecken bleibt,- für immer.
          Genau so mehrfach geschehen. Außerdem decken diese Dinger nicht die ganze Scheibe ab.
          Die Idee ist also gut, haut aber bei mir nicht hin.
          Das professionelle Tönen mit UV-Schutz für 3 Scheiben kostet 150 Euro.

          Gefällt mir

  2. Jetzt gerade fege ich durch die Blogs und lese so von den „Nöten“ der Menschen. Ich lese alles-in-40-minuten und frage mich gar nicht, warum ich mir das „antue“. Und das, obwohl mir genau die Geschichte erzählt wird, die sich am Telefon echt ereignete.

    Warum ich das lese? tikerscherk erzählt recht schön.
    Trotzdem… die „unterschwellige“ Kritik an der „schwatzhaften“ Frau finde ich komisch. Wir sollten viel mehr zuhören, oder?

    Denn so ist Leben und das ist gut so.

    Gefällt mir

    • Hallo Joachim, ich wollte die Frau nicht kritisieren oder abwerten. Schade, dass es so rüberkommt.
      Ich empfand sie als einsam, bedürftig und verzweifelt. Jemand, dem gerade seine Gesundheit weg gebrochen ist, und der ungefiltert seine ganze Verzweiflung über dem nächstbesten Menschen ergießt.
      Schwatzhaft sind die, die über andere und Königshäuser plappern.
      Ja, wir sollten viel mehr zuhören und uns anderen Menschen zuwenden, wenn sie es brauchen.
      Zugeben muss ich allerdings dass ich einiigermaßen hilflos war in der beschriebenen Situation, und danach ziemlich erschöpft. So etwas habe ich noch nicht einmal in meiner Zeit erlebt, als ich als Sozialarbeiterin Schwerstverletzte betreut habe, und ich würde es als eine psychische Auffälligkeit einstufen.
      Vielleicht hat es ihr gut getan das alles einmal ausgesprochen zu haben. Ich hoffe es.

      Gefällt mir

      • Wie es „rüber kommt“ lag an dem Satz mit der Augenhöhe und am ersten Kommentar. Ich wollte jedoch keinesfalls irgendwen kritisieren!

        Bei der „psychische Auffälligkeit“ gebe ich Dir Recht – soweit ich das beurteilen kann. Es ist schlimm, diese Dinge nehmen immer mehr zu. Doch ehrlich, das ist NICHT Deine Verantwortung! Denn dafür kannst Du nichts! Es gibt Hinweise in Deinem Text, dass dies bei ihr sowieso „nur“ eine Phase ist, bzw. dass bei ihr ein Umbruch statt findet.

        Ich würde die Unterschrift mit dem Vornamen einfach als netten Versuch oder ein kleines Danke werten. Ich würde ihr zulächeln, wenn ich ihr im Geschäft begegnen würde. Da ist jemand wenigstens für einen Augenblick, ganz ohne Fragen auf Deiner Seite. Das würde ich einfach annehmen (im doppeltem Sinn). Denn der andere Gedanke gefällt mir einfach nicht. Warum sollte ich ihn überhaupt zulassen?

        Ja, ich würde das wirklich so einfach sehen. Irgendwer muss die Dinge schließlich zum Guten wenden.

        Gefällt mir

  3. Vielleicht sollte sie einen Blog anfangen? :-)
    Also, hier bei dir hat sich ja einiges getan und dieser Text ist ja auch der Richtige, zu sagen, dass ich für ein paar Wochen verschütt gegangen bin und jetzt einiges nachholen muss bei dir! Wie machst du das nur?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s