Der Himmel über Berlin (9)

 

SAMSUNGDas Schloss wächst

27 Kommentare zu “Der Himmel über Berlin (9)

  1. Die Rekonstruktion des Stadtschlosses ist prinzipiell eine gute Idee, wenn denn schon der Palazzo Prozzo abgerissen werden mußte. (Was aus mehreren Gründen bedauerlich ist. Zum einen architektonisch, zum anderen wegen der Geschichtsklittung.)

    Da es sich jedoch beim Berliner Stadtschloß um einen der bedeutendsten protestantischen Barockbauten in Berlin handelt, ist es konsequent, hier zu rekonstruieren. Gute Architektur muß eben nicht auf Teufel komm raus das vermeintlich Neue der immergleichen Glasfensterarchitektur reproduzieren. Der Wiederaufbau der Warschauer Altstadt z.B. (allerdings gleich nach dem Krieg) zeigt, wie und auf welche Weise Architektur neu und doch zugleich alt bauen kann. Ob Stellas Entwurf jedoch der beste ist, bleibt zu bezweifeln. Die Idee der Öffnung, hin zum roten Rathaus und zum Alex scheint mir die innovativere Idee zu sein.

    Schön aber ist diese Photographie, die Kräne, und als Kafka-Leser lieben wir die Schlösser.

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    • Wozu soll die Rekonstruktion eines Schlosses gut sein? Was wird hier demonstriert? Wem dient es?
      Nenne mir nur einen vernünftigen Grund für den Schlossbau.

      Mich jedenfalls widert der Versuch Geschichte einfach zu überschreiben, sich der Vergangenheit zuzuwenden (sie architektonisch wieder auferstehen zu lassen), und Ulbricht, der die Ruine des Stadtschlosses zu DDR-Zeiten sprengen ließ, mit der Rekonstruktion des Schlosses, posthum zu zeigen, wer der Herr im Hause ist, an. Unser System hat gewonnen, schaut her.
      Das Schloss wird nichts anderes werden, als ein Plagiat.
      Ein Teures dazu, aber das zahlt ja der Bund zum größten Teil, so, wie man es in Berlin gewohnt ist.

      Ich wünschte, die Vergeblichkeit, die sich durch Kafkas Werk zieht, würde auch beim Bau dieses Schlosses wirken und die Fertigstellung des historisierenden Bauwerkes immer wieder auf´s neue verhindern, indem Bürger der Stadt, wie bereits beim Berliner Unwille 1448, beispielsweise die Baugrube unter Wasser setzten.

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      • Der Abriß des Palasts der Republik war ein Fehler, das schrieb ich. Aber was nun, was tun? Das Gebäude ist fort. Der Platz ist nicht irgendeiner in Kreuzberg oder Steglitz. Vielleicht einen Gedächtnisort bauen? Einen Park anlegen? Die ethnologischen Sammlungen dort zentral auszustellen, scheint mir keine schlechte Idee.

        Die Warschauer Altstadt ist ebenfalls nichts anderes als ein Plagiat. Was spricht gegen Plagiate? Besser als manches vermeintliche Original der immergleichen Pseudo-Moderne. Es ist nicht jeder Architekt ein Daniel Libeskind. Die meisten Bauten der Spät-Moderne sind gähnendstinklangweilig, kalt, abweisend und unwirtlich. Bauhaus geht bei Einzelhäusern, bei Wohntürmen wirkt es verheerend. Postbauhaus ist nur lächerlich, das sieht jeder Laie, der durch unsere modernen Stadtruinen spaziert. Die moderne Architektur ist ob ihres Funktionalismus in einer argen Krise; das, was in ihrem Namen gebaut wird, kann im Grunde jeder Dödel nachbauen. Dazu muß ich keine Architektur studieren, es reichen Kenntnisse der Statik. Nur wenige Gebäude, die gelungen sind, wie z.B. das Jüdische Museum oder das Museum in Leipzig.

        Beim Berliner Schloß handelte es sich um eines der bedeutendsten Berliner Bauwerke, die in einem Anfall von Idiotie und Ideologie abgerissen wurden: kunstunkundige Bilderstürmer eben. Das Schloß zu rekonstruieren, scheint mir aus der Sicht der Architektur insofern durchaus geboten – ebenso wie beim Potsdamer Stadtschloß. Die Frage ist allerdings, wie man es macht, was man aus diesem Projekt macht, was man im Inneren unterbringt.

        Was das Geld betrifft: Repräsentationsbauten sind immer teuer. Ansonsten sähen Paris, London, Moskau nicht aus wie sie aussehen. Über die Systeme, in denen diese Gebäude errichtet wurden, läßt sich streiten, die breiten Pariser Boulevards von Georges-Eugène Baron Haussmann haben nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen politischen Zweck: besser auf die Masse schießen zu können und sie unter Kontrolle zu halten. Auf der funktionalen Ebene handelt es sich bei solchen Gebäuden um Formen von symbolischer Repräsentation. Dies gilt auch fürs Stadtschloß. Natürlich sind Alternativen denkbar. Aber es ist dieser Platz nun einmal historisch besetzt. Dort irgend etwas hinzubauen, das diesen Bezug nicht aufgreift, scheint mir genauso verfehlt.

        Für diesen Platz gibt es nur drei Möglichkeiten: Wiederaufbau des Stadtschlosses, Wiederaufbau des Palasts der Republik oder eine Kombination aus beiden Gebäuden. Sozusagen ein republikanisches Schloß.

        Die Tonspur dazu: Tocoronic: Stürmt das Schloß

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  2. Ich bin mit dem Konzept zu freiden und freue mich, dass mein Spenden schon verbaut wurden. Wenn dann 2019 alles fertig ist (einschließlich der Bauakademie) muß ich unbedingt noch einmal nach Berlin fliegen. Vielleicht, und nur vielleicht, ist dann auch der „Neue“ Flugplatz fertig.

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    • Wie du hier lesen kannst, bin ich keine Befürworterin des Stadtschlosses.
      Mich würde interessieren, warum du dafür bist.
      Ob der Flughafen schon 2019 fertig sein wird? Wenn nicht landest du eben, wie gewohnt, in Tegel, und genießt eine schöne Führung durch deine Stadt.

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      • Ich bin dafür, damit die alte Stadtansicht wieder hergestellt wird.

        Du fragst weiter oben, „Wem dient es?“ Es dient der Stadt und ihrem Ansehen. Dass das Schloss als Kulturforum dienen soll ist doch gut.

        Gestern traf ich einen jungen Australier, der denkt Berlin ist „an amazing city“. Er erwähnte ins besondere die Museen in Berlin.

        Auch die U-Bahn wollen viele Berliner nicht haben. Aber ich sage Dir, es wird die meist benutzte U-Bahn Linie in Berlin werden.

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  3. Wie lustig: Genau das gleiche dachte ich mir gestern Abend gegen 18.15 Uhr, als ich Unter den Linden am Schloss vorbeifuhr (was ich schon einige Wochen nicht mehr gemacht hatte): Wie schnell das jetzt geht. Ich fand es komisch, das Schloss zum ersten Mal zu „sehen“, also die Betonwände zumindest. Das rotblaue Licht war das gleiche wie auf dem Foto oben.

    Aber das ist ja bei jedem Bau so: Der Rohbau geht flott, danach wird es träge.

    Heintjes Lied („Ich bau dir ein Schloss“) passt gut. Es ist diese banale 50er Jahre-Stimmung, die rekonstruiert werden soll. Die wiederum basierte auf dem Kaiserreich. Gute alte Zeit.

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  4. @tikerscherk
    Die Frage der Rekonstruktion bzw. des Wiederaufbaus berührt übrigens zugleich die der Identität: ist ein Kunstwerk X, ein archäologischer, immer mehr verfallender Gegenstand Y oder ein Bauwerk Z nach dem 100. Eingriff, nach der 100. Restaurierung noch das Bauwerk X? Wenn alle Steine ausgetauscht oder bearbeitet wurden: Ist der Kölner Dom noch der Kölner Dom? Oder wurde er nicht genauso wiederaufgebaut wie auch das Potsdamer Schloß? Nur hat das im Laufe der Zeit und durchs peu a peu keiner reicht bemerkt. Was ist mit Michelangelos Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle? Sie wurden in Farben restauriert, die ursprünglich vorhanden gewesen sein sollen. Nun sehen diese Szenen der Genesis bonbonfarben aus. Ist das noch derselbe Michelangelo? Sicherlich stammen die für die Restaurierung verwendeten Farben nicht aus dem 16. Jhd. Was bedeutet der Nachbau seines Davids? Man kann in diesem Zusammenhang mit W. Benjamins These von der Aura des Kunstwerkes und deren Verfall im Zeichen der Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes nachlegen: die Reproduktion oder die Rekonstruktion sind strikt anti-auratisch. Das Stadtschloß spiegelt zudem – anders als der Frankfurter Römer – nicht vor, ein Original zu sein, sondern greift den Aspekt von Aufbau und Zerstörung in der Architektur auf.

    Was das Verhältnis von moderner und vormoderner Architektur betrifft: Weshalb fühlen sich die meisten Menschen in Rom und Paris sehr wohl, und weshalb stellt sich dieses Gefühl sehr viel weniger in der Innenstadt von Essen oder Duisburg ein? (Ich selber schätze beide Varianten, bin ein Fan von Duisburg und Essen, wohnen möchte ich dennoch lieber in Rom als in Essen. Und so wird es den meisten Menschen gehen.) Weshalb mögen die meisten Menschen nicht gerne in Hellersdorf oder Gropiusstadt leben, sondern lieber im Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg? Sicher nicht nur wegen der netten Menschen in Kreuzberg oder dem Prenzlauer Berg. Auch aus diesem Grunde scheint es mir geboten, an die Tradition anzuknüpfen, anstatt sinnlos irgend etwas Neues an diesen Platz in Berlin zu pflanzen.

    Über den finanziellen Aspekt eines solchen Projekts kann man sicherlich streiten. Auch wäre zu überlegen, wie der Palast der Republik einzubeziehen wäre.

    Gegen Geschichtsklittung sträube auch ich mich. Aber das Stadtschloß gehört nun einmal zur Geschichte dazu.

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    • Meinst du das wirklich ernst, was du da schreibst?
      Es gibt so Vieles, was zur Geschichte dazu gehört und trotzdem nicht wieder auferstehen muss.
      Wieso sollte es nicht möglich sein, dass unsere Zeit etwas Eigenes hervorbringt, das zukünftige Generationen mögen werden?
      Damals wollten die Einwohner Berlins dieses Schloss nicht, und auch heute wollen viele es nicht- warum es ihnen aufdrängen? Geschichte geht doch weiter.
      Und weshalb nicht die Wiese auf dem Platz solange als Vorplatz zum Dom belassen, bis eine geeignete Verwendung gefunden ist. Am liebsten sozialer Wohnungsbau. Mitten in der Stadt.

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      • Ja. das meine ich ernst.

        Richtig ist allerdings, daß an dieser Stelle ebensogut etwas anderes stehen könnte. Von Klohäusern bis zum Starbuck’s. In gewissem Sinne ist Stadtplanung immer ein dezisionistischer Akt. Schreibt der studierte Stadtsoziologe.

        Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen in diesem Land und speziell in einem von der SPD/CDU (wer ist da eigentlich wer) regierten Senat scheint mir der soziale Wohnungsbau ziemlich aussichtslos. Insofern wird es nichts mit Wohnraum. Dichterisch aber bleibt: kalt modern und grau: Sozialer Wohnungsbau. So sieht es unter kapitalistischen Bedingungen aus.

        Wäre ich unter einer räterevolutionären Regierung Stadtkommandant von Berlin errichtete ich dort ein gewaltiges monumentales Hegel-Mausoleum. Etwa in der Weise von Étienne-Louis Boullée. Und alle Bewohnerinnen und Bewohnter von Berlin müßten dort eine Woche lang mit den Texten von Hegel, Marx und Adorno verbringen. Ich denke, dies hätte auf diese Stadt eine heilsam-pädagogische Wirkung. Weltgeist mit Peitsche, Zaumzeug und Pferd hieße das Projekt. Halb Kunst, halb Philosophie.

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      • So sehe ich es auch. Der Baukörper am Straßenknick, unter den Linden ist städtebaulich ein schöner und historischer Ansatz. Aber heute kann man wirklich schöne Gebäude mit neuem Inhalt erzeugen, die für viele Generationen wirkt.
        Das Stadtschloss kann nur eine ganz schlechte Kopie und interpretierter Historismus werden (Innen ist alles aus Beton, die inneren Räume haben mit früher Raumfiguration nichts mehr zu tun).

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  5. Das Dumme an diesem Schlossnachbau ist, dass er meiner Meinung eben weder eine historisch korrkte Rekonstruktion ist noch ein in sich stimmiges Neubaudings.
    Ich war bislang zweimal in dieser Humboldbox und habe mir angeschaut, was dort entstehen soll und habe mich beide Male gegen den Versuch von älteren Herren in Tweetjacken wehren müssen, alles erklärt zu bekommenn und mich dann an die Spendenbox führen.
    Nein, ich finde es auch höchst bedauerlich und bedenklich, dass die jüngeren Spuren der Berliner Geschichte getilgt wurden, um an etwas „anzudocken“, was es so (Schloss u Museen drin) nicht gegeben hat.
    Im übrigen halte ich auch nichts von einer Museumskonzentration rund um die Mueuseumsinsel zu Ungunsten anderer (dezentraler) Standorte, die Ausstellungsflächen verkleinern sich, neue Jobs, um den vorhandenen Bestand in den Depots aufzuarbeiten, gibts ja nicht. Ein randlicher Aspekt, zugegeben..

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  6. Was Du zur Rekonstruktion schreibst, ist richtig. Der Bau von Stella stellt eine Mischung dar. Wenn man sich für eine Rekonstruktion entscheidet – der Bau von Gebäuden bleibt immer ein dezisionistischer Akt und unterliegt zudem Machtfragen –, dann eine solche, die das Schloß so baut wie es war. Oder man macht etwas ganz anderes und greift allenfalls Schloß- und Palastmotive auf. Ich befürchte nur, es wird dann wieder eines dieser banalen postmodernen Architektur-Spielchen.

    Beim Bau von Gebäuden besteht allerdings ein Unterschied zwischen Innen und Außen: das Innere eines Schlosses als Repräsentationsort des inneren Kreises der Macht, ist nicht mehr möglich, da wir keine Kaiser und Könige mehr haben. Ein Museum oder einen Ort, wo bestimmte Dinge repräsentiert werden, halte ich nicht für schlecht, zumal in den Depots der Museen ungeheuer viele Exponate lagern, die wir niemals zu Gesicht bekommen. Insofern könnte man die ethnologische Sammlung durchaus in Dahlem belassen. Und weshalb diese Gemälde, Skulpuren oder andere Objekte nicht in einem nachgebauten Schloß zeigen. Original sind sowieso die wenigsten Gebäude, auch das Brandenburger Tor ist es im Grunde nicht mehr.

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