Ein Spiel

Früher spielte ich ein Spiel, dessen einzige Anforderung an mich darin bestand, für eine festgelegte Zeitspanne immer geradeaus zu gehen und niemals anzuhalten.
Auf dem Lande mag das eine leichte Übung sein, in der Stadt hingegen ist es schwieriger, manchmal auch gefährlich. Und genau darum ging es.
Man stelle sich zum Beispiel die Frankfurter Allee vor. Ein kerzengerader Prachtboulevard mit hohem Verkehrsaufkommen und verhältnismäßig wenigen Seitenstraßen. Ideal, um sich mit dem Spiel vertraut zu machen. Nebenbei ist die Allee, mit ihren überaus breiten Gehwegen, den kleinen Parkanlagen und den hohen Kandelabern, die sie säumen, auch optisch ein Vergnügen.
Wir fangen am Ringcenter bei Lichtenberg an. Dort, wo früher keiner hin wollte, weil: gefährlicher Osten, fiese Nazis, hässliche Plattenbauten. Heute ist das anders. Da reisst der Strom an Künstlern und deren Kulturfolgern nicht mehr ab, und Straßenzug um Straßenzug wird aufgefressen.

Ich rege mich nicht auf

Das Spiel also beginnt dort und führt mich Richtung Alexanderplatz. Der Anfang ist noch ganz einfach, und auch im Vorbeigehen lässt sich einem schnorrenden Punk rasch eine Münze zuwerfen.
Schwieriger wird es erst an der Kreuzung zur Petersburger Straße, wo die Ampel rot zeigt und die Straßenbahn sich vom höher gelegenen Bersarin-Platz quietschend der Kreuzung nähert.
Nicht anhalten. Nicht zögern. Weiter gehen.
Rrring!!
Aufgebrachtes Klingeln, die Bahn rumpelt auf mich zu. Wird der Schaffner bremsen? Nicht umdrehen, sonst schaffe ich es nicht mehr! Mit einem Satz bin ich über die Schienen hinweg, und fühle den Luftzug und das Vibrieren des Bodens, als der schwere Zug knapp hinter mir vorbei rollt. Im Rücken die Blicke der Passagiere. Jetzt erst schaue ich nach rechts und sehe die sich nähernden Autokolonnen, 3 Spuren, geradewegs auf mich zu rasen. Das schaffe ich noch. Schnell!
Auch diese Hürde überwinde ich, belohnt von einem Hupgewitter. Unversehrt erreiche ich die andere Seite, taub vom Adrenalin. Mein Mund ist trocken, der Puls rast.
Nach dem Frankfurter Tor wird es wieder sehr entspannt, und ich flaniere an ein paar Boule-Spielern vorbei, die im Schatten eines kleinen Lindenhains ein Radeberger trinken und wortlos ihre Kugeln über den Boden rollen lassen. Eine Gruppe Spatzen sitzt unter einer Bank und nimmt mit gespreizten Flügeln ein Bad im Sand. Mein Puls hat sich längst  wieder normalisiert, und ich genieße den Spaziergang, bin aber gleichzeitig immer auf der Hut, denn schwierig bei dem Spiel sind vor allem Begegnungen mit kreuzenden wie auch entgegen kommenden Radfahrern. Man muss aufmerksam bleiben, sie sehen, ihre Geschwindigkeit einschätzen, und das Tempo so anpassen, dass keine Kollision droht, und sie nicht zu gefährlichen Ausweichmanövern gezwungen werden.
Machbar.
Vor dem ehemaligen Kino Kosmos kommt mir ein Bekannter auf dem Fahrrad entgegen. Als er mich sieht verlangsamt er,  lächelt und bleibt erwartungsvoll und in offensichtlicher Plauderlaune vor mir stehen.
Kopfschüttelnd hebe ich die Arme, -das Schicksal, diese Stadt, Termine- und erkläre im Vorbeigehen:
„Gehen Sie in das Gefängnis. Gehen Sie direkt dorthin. Gehen Sie nicht über Los! Ich muss weiter- wir sehen uns!“
Ich drehe mich nicht um, und weiss nicht, ob er mich verstanden hat.
Es ist später Nachmittag. Das gleichförmige Rauschen der Autos steigt an den Wänden der Stalinbauten in den blauen Himmel auf. Ich weiß jetzt schon, dass ich das Spiel gewonnen habe, denn der Verkehr am Straußberger Platz ist durch Ampeln geregelt, und die Lage im Kreisel übersichtlich, weil nur wenige hier abbiegen.
Ich blicke auf den Brunnen, der in der Mitte des Platzes steht, und dessen Gischt durch eine leichte Brise über die Straße zu mir herüber geweht wird und meine Oberarme angenehm kühlt. Die Kreuzung selbst ist spielend leicht zu bewältigen: das grüne Männchen geht, und ich tue es ihm gleich. Ich werde missmutig. Das war zu einfach
Als letzte Hoffnung bleibt der Alexanderplatz, dem ich mich, den Fernsehturm im Blick, jetzt nähere.
Auf Höhe des Hauses des Lehrers muss ich die sehr breite Otto-Braun-Straße überqueren. Acht Spuren insgesamt, unterbrochen von einer Fußgängerinsel in der Mitte. Das wird der Gipfel.
Doch dann sehe ich, dass die Ampelanlage ausgefallen ist und Polizei den Verkehr an der großen Kreuzung der beiden Achsen regelt.
Ich werde langsamer und langsamer, aber der zuständige Polizist macht keinerlei Anstalten den Strom zu unterbrechen und mich passieren zu lassen. Anhalten darf ich nicht.
Was geschieht, wenn ich jetzt direkt an ihm vorbei, über die Straße stürze und den Verkehr zum Stillstand bringe? Wird er mir, sofern ich die gegenüber liegende Seite unversehrt erreiche, hinterher rennen, mich an den Haaren ziehen und zu Boden reissen, um mich später in eine Wanne zu zerren und mich zu Bonnies Ranch* zu bringen?
Ich habe die Kreuzung erreicht. Noch ein Meter trennt mich von der Radspur, die ich jetzt betrete.
Als ahnte er, was ich vorhabe, dreht der Polizist, der mitten auf der Kreuzung steht, plötzlich seinen Kopf, schaut mich an, und seine Lippen formen zwei Mal zwei Worte, die ich trotz des tosenden Lärmes deutlich zu hören glaube:

„Gib´s auf! Gib´s auf!“

Musik zum Text: Michael Jackson, Don´t stop till you get enough

* Ludwig-Bonhöfer-Nervenklinik

21 Kommentare zu “Ein Spiel

  1. Diese Geschichte gefällt mir, das ist klar. Ich habe früher ein ähnliches Spiel gespielt. Aber viel, viel kürzer. Es ging um Bruchteile von Sekunden. Ich wollte die automatischen Glastüren schlagen die sich vor einem wie „Sesam öffne dich“ automatisch öffnen. Ich trat also so schnell ich konnte, ohne aber zu rennen, auf die Tür. Hätte ich die Tür geschlagen, hätte ich mir wahrscheinlich eine blutige Nase geholt. Mein Triumph wäre mein Schmerz gewesen. Ich habe es nie geschafft. Jetzt bin ich zu alt für solche Kapriolen. Meine Beinen können mich nicht mehr so schnell tragen wie es mein Geist es sich wünscht.

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  2. So und nicht anders geht das Flanieren durch die Großstadt. Es ist dieses Spiel das Flanieren des Exzentrikers. Dandy und Flaneur sind Exzentriker, die sich in Denken und in der Phantasie zum äußersten aufsteigern, die bereit sind und die wagen. Bis hin zum Exzeß und zum Extrem hin. Der Dandy im Paris des 19. Jhds zum Beispiel betreibt genau das umgekehrte Spiel: er spaziert mit einer Schildkröte, um zu zeigen, daß ihm die Zeit, welche bekanntlich in der Verwertungslogik bares Geld ist, nichts bedeutet. Denn dieser exzentrische Dandy hat alles, was andere nicht besitzen: Zeit, Raum und Stil. Er kleidet sich verwegen und er lebt das Phantasma: Spleen et idéal.

    Was Du beschreibst, ist ein hartes Spiel, das aufs ganze geht. Aber nur diese Spiele sind es, die etwas zählen. Niemals aufzugeben. Ich für meinen Teil bin ebenfalls ein Jäger.

    „Satan der Dreimalgroße ist es, der auf dem Pfühl des Bösen lange unseren Geist wiegt, den verzauberten, und das reiche Metall unseres Willens löst dieser hocherfahrene Alchimist in Rauch auf.“ (Ch. Baudelaire, Les Fleurs du Mal)

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    • Wahrscheinlich bin ich eine Exzentrikerin. Zumindest in einem gewissen Maße.
      Interessant, was du über das Flanieren mit der Schildkröte sagst, aber anders als der Dandy in Paris, der zeigen möchte, dass Zeit ihm nichts bedeutet, spiele ich das Speil ganz alleine und möchte niemandem außer mir selbst etwas zeigen. Es ist allenfalls ein Kräftemessen, ein Herausfordern des Schicksals, und hat mit der Jagd nichts zu tun.
      Im Zweifelsfalle wäre ich auch nicht die Jagende (der Jäger), so wie du das von dir sagst, sondern eher die Gejagte, die diese Jagd inszeniert, und den Jäger (hierfür) instrumentalisiert hat.
      Da du wiederholt das Thema des Phantasma aufgreifst, vermute ich, dass es dein Thema ist, das dir in allem anzuklingen scheint, auch dort, wo es vielleicht gar nicht vorhanden ist.

      Das Zitat Baudelaires verstehe ich nicht.

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      • Auch die Jagd mit sich selber ist eine Jagd.

        Das Phantasma ist immer gegenwärtig. Wir sehen es nur nicht immer. Es gibt jene Dinge, die verborgen daliegen und die dennoch einer Sache die Struktur geben. Differenz der Ebenen und der Beobachterordnung.

        Es gibt die Geschichte von Diana und Aktaion: auch wieder ein Aspekt von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Verbergen und Entbergen. Freilich mit letalem Ausgang. Aber doch interessant. Wenig lebensnah, weil Mythos.

        Mir hat Dein Text gut gefallen. Er hat mich inspiriert, mich in die Zonen zu assoziieren, die mir selber nahe sind. Es ging mir nicht darum, Deinen Text zu interpretieren oder ihm eine Lesart unterzuschieben. Im Gegenteil. Auch bei meinem Kommentar zu Deinem Coin-Text war das nicht meine Absicht.

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  3. Wenn Sie mir mit solchem Spiel während einem meiner Berliner Abbiegevorgänge plötzlich und unkalkulierbar vor die Motorhaube laufen würden, ich würde Sie sowas von anhupen, beschimpfen und wegbrüllen mit Fenster-runter, dass Ihnen Hören und Sehen vergehen würde! /PS: Danach könnten Sie mir ja beim Kaffee Ihre Ziele erläutern. :-)

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    • Die Aussicht mir auf diese Art eine Verabredung zum Kaffee, mit Ihnen zu erschleichen, erhöht mein Interesse daran dieses Spiel wieder aufleben zu lassen ganz ungemein.
      Mein Spezialgebiet sind übrigens nicht Abbieger, sondern Geradeausfahrer. Die sind schneller.

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