Gute Nacht, John-Boy

Beyond the Valley of the Simpsons

Beyond the Valley of the Simpsons (Photo credit: Darwin Bell)

Es ist Sonntag. Das Wochenende war sehr schön und ist es noch. Ich habe viel zu wenig geschlafen und fühle mich jetzt angenehm erschöpft, wie von rechtschaffener Arbeit. Dabei habe ich nichts zustande gebracht, nicht mal für das Blog geschrieben und heute sogar Töle um ihren langen Ausflug gebracht, stattdessen aber einen Mittagsschlaf gemacht, der sich bis in den Abend zog.
Ich werde heute Nacht die Decke anstarren, dort nach Schlaf suchen, ihn nicht finden und die neue Woche hundemüde beginnen. Es gibt Schlimmeres.
Früher, als Kind, liefen Sonntags Die Waltons im Fernsehen und der redliche John-Boy Walton, der nach jedem, von Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit getragenem Satz schluckte, dass sein juveniler Adamsapfel nach oben sprang und sein treuer Blick die Herzen der Frauen jenseits der Wechseljahre zum Schmelzen brachte, war der Patient Zero, die Zielscheibe meiner ersten misanthropischen Empfindungen, die mich wiederum in eine prä-depressive Stimmung versetzten.
Wenn das das Leben war und so die Menschen, dann lohnte es sich nicht erwachsen zu werden, ja nicht einmal Kind zu sein.
Neben John-Boy war mir der hemdsärmelige Großvater in Latzhosen und seine rüstige, hochmoralische Frau Esther, die Dutt trug und pergamentene, faltige Haut hatte, besonders zuwider. Herzensgute Menschen festen Glaubens und grundanständig, die ihre Großfamilie als unfehlbarer moralischer Kompass durch das öde Leben mitten in den Bergen Virginias lotsten. Streng und gerecht.
Der us-amerikanische Präsident George Bush soll einmal über die kinderreiche Baptistenfamilie, die sich zur Zeit der Weltwirtschaftskrise mit dem Betreiben eines kleinen Sägewerkes über Wasser hielt, gesagt haben, man brauche eine Nation, die mehr wie die Waltons und weniger wie die Simpsons sei.
Das Ende der Waltons-Folgen war stets gleich: man sah die Außenansicht des Holzhauses, warmes Licht strömt durch die Giebelfenster in den den nächtlichen Himmel und man hört John-Boy, der sich mit einem oder mehreren seiner sechs jüngeren Geschwister unterhält. Mit den unbeschwerten Stimmen der glücklichen Landjugend in wohlbehütetem Elternhaus, resümieren sie den Tag, der trotz aller Unbillen von außen den Familienzusammenhalt nur noch mehr gestärkt hat.
Am Ende wünschen sie sich eine Gute Nacht.

„Gute Nacht Mary-Ellen!“
„Gute Nacht, Jim-Bob!“
„Gute Nacht John-Boy!“

Unmittelbar danach musste ich ins Bett.

Musik zum Text:
Take me home country roads, The Voice Of Japan

(youtbe-Direktlink)

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8 Kommentare zu “Gute Nacht, John-Boy

  1. Wenn ich nicht schlafen kann, träume ich mich ans Ruder eines Segelbootes, das auf dem Meer treibt. Die Sonne ist untergegangen und es wird kühl. Kein Mensch, kein Tier, keine Post. Nur Du selber und die Bewegung der Wellen, die schon da waren, bevor sich das erste Wesen an Land sich erhob, um auf seinen Beinen zu stehen. Der Himmel wird langsam schwarz. Nicht dunkel wie in unseren Städten, sondern schwarz. So sehr, daß das Licht der Sterne als Licht wahrnehmbar ist und nicht als Punkte, die jemand in ein Stück Papier mit einer Nadel gestochen hat.
    Weißt Du, was das ist, diese rabenschwarze Nacht? Vom Licht des Mondes geblendet? Wenn die Augen sich daran gewöhnt haben, an diese Abwesenheit vom Licht und die Welt nur noch aus schwarz-weiß besteht. Geh kurz runter und hole Dir etwas warmes, einen Tee mit einem klein wenig Rum und einen dicken Pullover. Lehn dich zurück, schließe die Augen und seh Dein kleines Boot in diesem Ozean, in dem Du nicht einmal ein Molekül bist.
    Wenn Du Dich ein wenig einsam fühlst, singe ein Lied, summe es leise vor Dich hin. Von betrunkenen Sailors oder den Palmen auf Haiti. Lass das Ruder für eine Weile los, es gibt sinnreiche Mechanismen auf Deinem Boot, die den Kurs auch ohne Dein Zutun für eine Weile halten. Leg Dich zurück, hör den Wellen zu und träume. Du bist geborgen.
    Gute Nacht.

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    • Genau das werde ich jetzt tun.
      Mich in der schwarzen Nacht auf meinem Boot schaukeln lassen, die Augen schließen und mich der Geborgenheit der Wellen und der Ewigkeit hingeben.
      Vielen Dank für dieses wunderschöne, inspirierende Geleit zur Nacht.
      Gute Nacht, Pantoufle!

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  2. Das covern von Country Roads scheint in asiatischen Ländern besonders beliebt zu sein… wir hatten im Internat eine CD auf der eine japanische Punkversion war. Man konnte den Text nicht verstehen, aber wir liebten die Version trotzdem.
    Ich hab als Kind auch die Waltons geguckt, ich war allerdings nicht so ein kritischer Geist wie du. Ich fühlte mich immer etwas sündig und unperfekt, der Fehler lag natürlich bei mir.
    Dein Text ist toll, toll, toll!

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    • Eine japanische Punkversion- großartig!
      ich war als Kind übrigens auch kein kritischer Geist. Ich war nur etwas empfindlich, was Stimmungen anbelangte, und wo es bieder und frömmelnd zuging, elendigte ich mich schnell.
      Ich freue mich, wenn der Text dir gefallen hat.
      Ich bin zur Zeit so eingebunden, dass ich fast gar nicht bei anderen lese.
      Das hole ich nach- versprochen.

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  3. mit einem kleinen tyrannen als vater gabs meistens sportschau aufm ersten. und nur wenn „gottvater“ gnädig war – für uns kids dann raumschiff enterprise (heiß+innig geliebt) oder die waltons…….

    mein bedarf an fußball ist für mehrere leben abgedeckt! :-)

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