Dahinter liegt der Winter

Tosender Verkehr. Feinstaub tanzt im Licht der tiefstehenden Sonne. Wir laufen die Leipziger Straße entlang, an den Ostplatten vorbei, Richtung Westen, dem Feuerball entgegen.
Eine hagere Dreißigjährige mit schwarzen langen Haaren, Strichen statt Augenbrauen und pinken Wangen kommt uns entgegen. Sie trägt weiße Stilettostiefel und bewegt sich wie eine Catcherin. Ihr Gesichtsausdruck ist feindselig.
Eine die nachtritt, wenn jemand gestürzt ist, denke ich.
Am Museum für Kommunikation dudelt es mir von links ins Ohr. Gleich neben der Rampe zum Eingang ist ein kleines Bronzegehirn in den Gehweg eingelassen. Niemand bemerkt es.
-Ich würde dich noch lieben, wenn du nur noch ein Gehirn in einer Plastiktüte wärst
, hat er gesagt.
Ein Stückchen weiter verkauft ein Drive-Thru Hawaiianischen Kaffee. Drunter geht es nicht.
Eine Zeit lang stand hier ein vollautomatisches, elektrifiziertes Musterhaus. Jetzt ist die Rasenfläche leer. Eine der Scheiben, die sie vom Gehweg trennen, ist durch einen Steinschlag oder Schuss zersprungen.
Dahinter liegt der Winter.
SAMSUNGDas zwei Blöcke umfassende Einkaufszentrum ist fast fertig. 250 Geschäfte. 76.000 qm.
Das zerbombte Wertheim soll, in neuem Gewand, wieder auferstehen. Das größte Kaufhaus Europas. Natürlich.
Shopping is coming home. Das Leipziger- Platz- Quartier.
„Schon bald kann man von der Mohrenstraße überdacht bis zum Potsdamer Platz laufen, eine Mall verbindet den Leipziger Platz mit der Piazza, gibt den Blick frei auf den Bundesrat.“
Großartig!
Quartier, Mall, Piazza und ein Schloss, im Herzen der Hauptstadt aller Totalitarismen.

SAMSUNGAm Potsdamer Platz werden Schlager gespielt und Regenbogenfahnen geschwenkt. Gegen die Homophobie in Russland.
Ich denke an Edathy.
Bei Balzac bestelle ich mir einen koffeinfreien Cappuccino zum Mitnehmen.
-Decaf to go?
-Ja, meinetwegen.
Der Obdachlose freut sich über Kaffee und Bagel. Schrippen gibt es hier nicht.
Ein Döner liegt auf der Rasenfläche vor den Potsdamer- Platz- Arkaden. Wie kommt der hierher?
Kein Döner ohne Kiez.
Töle findet ihn sofort. Ich hoffe es war Lammfleisch. Rind und Huhn verträgt sie nicht. Morgen werde ich es wissen.
Hinter der Tergit-Promenade geht eine Treppe Richtung Anhalter Bahnhof. Richtung Kreuzberg.
Daneben eine lang gezogene Rampe, auf der kürzlich ein junger Moslem, Anfang Zwanzig, seine Jacke ausbreitete und Richtung Westen betete.
Sein Freund stand neben ihm und erschoss jeden glotzenden Passanten mit zwei ausgestreckten Fingern und Beatboxbumm.

33 Kommentare zu “Dahinter liegt der Winter

  1. Eine unwirtliche Gegend. Und die neue „Shopping is coming home„-Mall wird eben genau kein Wertheim werden, sondern sehr wahrscheinlich eine Ansammlung all jener Kettenläden, die in allen anderen Shopping Malls, von denen diese Stadt eh schon im Überfluss hat, auch schon vertreten sind.

    Gefällt mir

    • Du hast Recht. Natürlich wird es kein Wertheim. Als könne man so einfach anknüpfen.
      250 verschiedene Geschäfte (Ketten) haben sich dort eingemietet, die Potsdamer Platz Arkaden werden fast entmietet sein, und dort werden sich Billigläden breitmachen. Ramsch.

      Eine seelenlose Gegend. Nur wegen des Tiergartens und der Nähe zur Potse lande ich regelmäßig da.

      Gefällt mir

  2. Ramschläden in den Potsdamer Platz Arkaden, au ja, das wünsche ich mir. Kik, Nanunana, 99Cent, Haushaltsauflösungen…das würde passen. Auf dass es in den Arkaden bald so aussieht wie in den Hallen des Arena-Flohmarkts. Obwohl, dann hätten sie ja fast schon wieder Charme… ;-)

    Gefällt mir

  3. Wie nett, dass du dich für jeden netten Kommentar bedankst.

    Ich habe gestern irgendwo gelesen, dass Frauen kein Interesse an den vielen blogs haben, wo sich die user nur politisch angiften und deshalb nicht kommentieren. Rechthaben und so. Aber vielleicht läuft das Rechthaben da eher zickenmäßig. Hier nicht, glaube ich.

    Gefällt mir

    • Danke für den Kommentar ;-)

      Ich hab gerne Kontakt zu den Lesern. Und wenn jemand sich die Zeit nimmt zu kommentieren, dann nehme ich mir gerne auch (fast immer) die Zeit zu antworten.
      Aber das machst du doch auch (fast immer) bei dir nebenan.
      Hier geht es gar, ganz wenige Kommentare ausgenommen, gar nicht zickig zu. Bei dir neulich nachts dafür umso mehr. (Wobei *zickig* sagt man ja immer nur bei Frauen)
      Beinahe wäre ich in die Küche gegangen und hätte euch ein paar Schnittchen gemacht. Zur Beruhigung.
      Aber stimmt schon, wenn zuviel gestritten, und mit scharfen Witzen geschossen wird, fühle ich mich unwohl.
      Das ist bei dir nicht der Fall.

      Gefällt mir

  4. Sind die Bilder eigentlich alle mit dem Smardfön aufgenommen? Falls ja erstaunt mich die Qualität – wobei das nix heißen muß, meine Erfahrungen liegen 25 Jahre zurück und führten mehrheitlich zur Erheiterung meiner Umgebung. :-)

    Gefällt mir

      • Yup :)

        Hmmm … schon krass eigentlich.

        Ich bin momentan relativ ‚angefixt‘, mal wieder, nicht direkt allein von dir, eher davon, mögliche Koinzidenz nicht ausgeschlossen, und grüble grad, ob ich das wirklich will … nicht das ein Gerät dann wieder nutzlos inner Ecke vergammelt (Phone brauch ich nicht und für das Geld kriegt man halt schon ’ne recht ordentlich Spiegelreflex).

        Knips du mal weiter (ist feyn was du da machst), wenn ich in ’nen paar Wochen noch Bock hab fühl ich mich ‚verführt’… :D

        Gefällt mir

        • Wenn du das Phone nicht brauchst, dann ist die Anschaffung vielleicht nicht richtig. Ich benutze meines übrigens nur zum Knipsen und falls ich mich mal verirre, oder schnell ins Netz will (kommt fast ni vor). Hab immer noch mein kleines, altes Handy dabei, mit dem ich telefoniere und texte. Ich mag die Haptik lieber. Einen richtigen Druckwiderstand, statt Rumgewische.
          Aber Fotos machen ohne irgendetwas einzustellen, einfach so, zackzack, finde ich schon ganz gut.
          Aber das kann eine kleine Knipse auch, glaube ich.

          Gefällt mir

      • Ich komm eher selten in die Verlegenheit nicht zu wissen wo ich mich grad aufhalte, wohne aber auch nicht in Bärlin. Von daher reicht im Ernstfall halt die oldschool Methode: Fragen und mit Menschen plaudern. Hat auch hin und wieder was schönes.

        Was das draufhalten und einfangen angeht hast du natürlich Recht, dafür braucht es nichts Besonderes an Gerät – allein was ich so als ‚kleine Knipse‘ hab ist derart mies, das macht dann keinen Spaß (15yo Digital). Ich hatte eher an sowas wie die Canon EOS 100D gedacht, aber das überleg ich mir noch wie gesagt noch. ;-)

        Gefällt mir

        • Ich hab mir das Teil wegen meienr Herzrhythmustörungen zugelegt. Ich dachte, wenn ich mitten im Grunewald oder im Tiergarten bin, muss ich dem Rettungsdienst die genauen Koordinaten geben können. Da ist dann niemand zum Fragen, oder die Leute wissen selbst nicht, welches die nächste Straße ist.
          Habe es bis jetzt nie dafür gebraucht. Nur in Augsburg habe ich mich verirrt, mitten in der Nacht, da war das schon ganz gut.
          Zur Kamera: ich habe noch eine sogen. Brückenkamera von Sony. Im Nahbereich macht sie Bilder wie eine Speigelreflex. Auch Portäts gelingen sehr gut damit. In der Ferne ist sie nicht besser als mein Handy, finde ich.
          Aber ich mag halt auch Makros. Skelettierte Fliegen, Blüten, Tropfen. Ebenso Portäts.
          Die Kamera ist mir zu sperrig zum Immer-Mitnehmen.
          Canon EOS 100D erscheint mir eine gute Wahl- aber ich bin auch keine Expertin.
          Meine uralten Speiegelreflex (gebraucht gekauft) sind beide Canons. Sie verstauben in einer Kiste.
          Ich glaube ich hole sie nachher mal wieder raus.:-)

          Gefällt mir

      • Shame on me, hatte schon verdrängt, daß es bei dir ja mehr als gute Gründe gibt mit ein wenig Technik die Sicherheit zu erhöhen. Besser haben als nicht, falls es mal nötig wird. *Klonk!*

        Hach ja, Makros sind was feines, ich bin z.B. total begeistert von Staub, oder den ‚Feinheiten‘ bei Portraits (Poren, kleine Härchen, die Netzstruktur der Haut etc.) … naja, mal schaun. Rauch wäre nochmal was, da muß ich mich erst noch schlau machen, wie man sowas hübsch einfängt, so mit Gegenlicht und Hintergrund. Ich komme schon wieder ins Schwärmen.

        Und: ja bitte, hol deine Staubfänger mal wieder hervor, vllt. gibt es dazu dann ja ’ne nette Geschichte! *ganz-uneigennützig-grins* :-)

        Gefällt mir

  5. Nikon. Einmal Nikon, immer Nikon. Alle Objektive seit 1960 passen. Und das alte manuelle Zeug von Nikon ist allergrößtes Hallentennis. Kostet gebraucht ein Taschengeld in einer Qualität, hinter der Canon noch heute hinterherrennt. Nikon meist auch.
    Ich benutze eine D90 und die analoge F3, logischerweise mit dem selben Satz Linsen, was die Sache enorm vereinfacht.
    Von Bridge-Cameras halte ich nicht so viel; bis auf Weiteres experimentieren die noch mit den Chips. Rauscharmut haben die alle nicht im Programm. Das beginnt ab D3, was aber ganz klar viel zu teuer ist.

    Eine ordentliche Spiegelreflex ist bisher ungeschlagen; einen Photographen oder Photoreporter mit einer Bridge habe ich noch nie gesehen. Und bei dem Preisverfall bei größeren Kameras sollte man das nutzen. Die D90 kann ich in dem Zusammenhang allerdings nicht empfehlen: Die ist zwar mittlerweile etwa 4 Jahre alt, wird aber auf Teufel komm raus nicht billiger. Komisch. Dafür funktioniert sie wie eine perfekte Maschine. Wenn ich nicht zu 95% chemisch knippsen würde, wäre langsam mal eine neue dran. Das wäre dann die DF. So aber bleibt es bei der RB67, der perfektesten Kamera der Welt :-)

    Gefällt mir

    • Das Motiv war einfach gut. Man musste es nur sehen, aber in dieser Gegend rennen alle mit Scheuklappen die tosende Straße entlang.
      Der Titel ist mir irgendwie zugefallen, und ich mochte ihn sofort.
      Danke!

      Gefällt mir

  6. Das habe ich total verdrängt, dass da so ein Ding hinkommt! Ich war erst gestern (unter Protest) im Alexa, wo mir einfach nur schwindelig und übel wird. Also noch eine Mall für Berlin! Warum das toll sein soll, von der Mohrenstraße bis zum Potsdamer Platz überdacht zu laufen ist mir ein Rätsel! Der Potsdamer Platz macht mich sowieso sehr traurig.

    Nur eine Frage, warum betete der Mann gen Westen?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s