Auftakt und Abgesang

Green butterfly - canon t2i

Green butterfly – canon t2i (Photo credit: @Doug88888)

Ales Auszug aus der Wohnung verlief unspektakulär. Ihr Vater half ihr beim Verladen der wenigen Kisten, und brachte den Einkaufswagen, den sie als Kleiderschrank benutzt hatte, zurück zu Kaiser´s. Er war sehr freundlich, und ich hatte den Eindruck, dass er keinen Schimmer hatte, was zwischen uns vorgefallen war. Wahrscheinlich war er einfach froh, dass sie wieder zurück zu ihm zog, und die Gründe dafür interessierten ihn nicht.
Der Abschied zwischen ihr und mir hingegen war kühl, und als sie weg war, ging ich in ihr Zimmer, öffnete die Fenster und rauchte eine Zigarette. Obwohl ich es später würde weg fegen müssen, schnickte ich die Asche auf den Boden, und trat die Kippe anschließend auf dem löchrigen PVC aus. Ein gutes Gefühl.
Dann schnappte ich mir die Bierkisten, die seit der letzten großen Party in der Küche herum standen, und trug sie in den leeren Raum, wo ich jeweils zwei übereinander stapelte, um sie als Sitze zu nutzen. Anstelle eines Kissens legte ich ein paar Klamotten auf. So würde es gehen. Was fehlte, war ein Tisch. Für den Anfang mussten die Fensterbank und meine Knie als Unterlage reichen. Später würde ich mir noch einen alten Campingtisch besorgen.
Bald nach Ales Auszug traf ich sie auf einer Grillparty bei Nora wieder, auf die ich mit Jerry gegangen war. Wir grüßten uns knapp, gingen uns ansonsten in dem weitläufigen Haus und Garten aus dem Weg, und irgendwann war sie verschwunden.
Gut so. Niemand fragte mich, was zwischen uns geschehen war. Ich nehme an, sie waren alle bereits mit Ales Wahrheit versorgt.
Jerry fing früh an zu trinken, zischte ein Bier nach dem anderen, und war schon nach zwei Stunden blau.
Er legte sich unter einen der alten Apfelbäume, und beobachtete mit halb-geschlossenen Augen und zufriedenem Grinsen das Treiben um ihn herum. Ich setzte mich neben ihn und nippte am schlechten Krombacher.
Als es dunkel wurde, tauchte Carlos auf. Von Weitem winkte er mir zu, und ich senkte den Blick.
Nachdem er jeden begrüßt hatte, rollte er den mitgebrachten Schlafsack auf, schlüpfte hinein und hüpfte damit durch den ganzen Garten, über den unebenen, leicht abschüssigen Boden, zu Jerry und mir herüber. Alle lachten.
Als er japsend und betont ungeschickt hoppelnd, bei uns ankam, ließ er sich umfallen und landete in der schmalen Lücke zwischen Jerry und mir. Sein Kopf auf meinen Oberschenkeln.
Natürlich entschuldigte er sich übertrieben, tat aber so, als könne er sich in seinem Schlafsack kaum bewegen. Ich schaute zu Jerry, der immer noch das breite Grinsen im Gesicht trug, und ließ Carlos liegen, wo er war.
Wir quatschten, und lachten, wie schon bei den ersten beiden Begegnungen, aber gleichzeitig fühlte ich mich, als würde ich meinen Freund vor dessen Augen betrügen.

Transparent Butterfly

Transparent Butterfly (Photo credit: thefost)

Nach einer ganzen Weile stand Jerry auf, nuschelte irgend etwas, und ging mit dem langsamen Schritt des Betrunkenen, der vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt, ins Haus. Carlos und ich unterhielten uns weiter, aber ich war nicht mehr richtig bei der Sache, weil ich mir Sorgen machte, dass Jerry gekränkt sein könnte. Ich fuhr ihm kurz mit den Fingern durch die Haare, und sagte dann, ich müsse jetzt reingehen und nach Jerry schauen. Er setzte sich auf, und lächelte meinen Mund an während ich sprach.
Drin fand ich Jerry im Wohnzimmer. Er lag auf dem großen Ledersofa und schlief. Gleich zwei leere Bierflaschen standen neben ihm auf dem Boden. Die mussten ihm den Rest gegeben haben.
Ich quetschte mich zu ihm auf die Couch und legte seinen schweren Arm auf meiner Hüfte. Die große Hand hing schlaff herunter, und er schnarchte leise weiter. Aus dem Garten hörte ich ab und zu fröhliches Gelächter, sonst war es erstaunlich ruhig in dem großen Haus.
Als ich erwache, ist es schon hell, und irgend etwas stimmt nicht. Gar nicht. Was ist das? Mein Rücken ist nass, meine Hose… Ich greife nach hinten- nein! Mit einer schnellen Drehung winde ich mich aus Jerrys Arm, und sehe die Katastrophe.
„Jerry, wach auf!“
Er grunzt.
„Jerry, scheiße, du hast alles voll gepinkelt!“
Anstatt aufzustehen macht er sich im Halbschlaf an seinem Reißverschluss zu schaffen.
„Hör auf!“, flüstere ich, und packe ihn an der Schulter. Bloß nicht zu laut sprechen, wer weiß, wer sich außer uns noch in der unteren Etage aufhält. Jerry öffnet ein Auge und grinst mich zufrieden an. Es ist nicht das erste Mal, dass mich dieser Gesichtsausdruck, den er immer dann zeigt, wenn er gesoffen hat oder müde ist, stört. Dieses Mal macht er mich aggressiv.
„Steh auf, du bist total nass, und ich auch! Und das Sofa auch!“
Das Sofa! Ich muss irgend etwas unternehmen. Sofort mache ich mich auf die Suche nach ein paar Lappen zum Aufwischen.
In der Küche finde ich 2 Rollen Küchenpapier, und im Bad schnappe ich mir einen Stapel Gästehandtücher. Damit, und mit einem Sprühdeo, Credo, kehre ich zurück ins Wohnzimmer, wo Jerry immer noch auf dem Sofa liegt.
Unfassbar! Wieso wird der Kerl nicht mal wach, wenn er in seiner eigenen Seiche liegt? So viel hat er doch gestern gar nicht getrunken.
Mir wird langsam kühl am Rücken, und ich darf gar nicht daran denken, was da nass und kalt an meiner Haut klebt und juckt. Ganz nah gehe ich jetzt mit dem Mund an Jerrys Ohr und mache ein lautes Schmatzgeräusch, als wolle ich ihn küssen.
Er schreckt auf. Jetzt ist er wach.
„Was´n los? Lass das! Hab´ so schön geschlafen.“
„Schön geschlafen! Jerry, du hast dich voll gepinkelt, und mich und das Sofa auch. Hilf mir sauber machen, und dann will ich hier weg.“
Jerry setzt sich auf und schaut mich ratlos an. Ich sehe, dass unter ihm alles nass ist. Das Ledersofa scheint aber imprägniert zu sein, denn der Urin sammelt sich auf der Oberfläche.
„Steh endlich auf!“
Behäbig wie ein Tanzbär erhebt er sich und guckt mich an. Er ist immer noch betrunken.
Ich schmeiße die Handtücher auf die Sitzfläche und wische alles weg, so gut es geht. Das Ergebnis ist besser als erwartet. Nur auf der Unterseite der Auflagen sind Flecken zu sehen, die ich schnell abtupfe und dann mit reichlich Deo besprühe. Hoffentlich riecht das später, in Verbindung mit der Pisse, nicht erst recht verdächtig.
Als ich fertig bin trage ich die nassen Handtücher ins Bad und werfe sie direkt in die Waschmaschine. Das benutzte Küchenpapier schmeiße ich in die Toilette und spüle. Aber anstatt zu verschwinden, kommt das Papier mit dem Spülwasser nach oben, und verstopft beim Ablaufen das Abflussrohr, so dass das Wasser zusammen mit dem aufgeweichten Papier in der Schüssel steht. Verflucht!
Ich mache den Deckel zu, wasche mir die Hände, und gehe zurück ins Wohnzimmer.
Dort packe ich den immer noch tranigen Jerry am Arm und ziehe ihn zur Haustür.
Am Auto angekommen fällt mir ein, dass seine und meine Hose so nass sind, dass wir die Sitze einsauen werden. Kurz überlege ich, mir Hose und Slip auszuziehen, verwerfe die Idee aber sofort. Wir beide unten ohne, und dann ziehen uns am besten noch die Bullen raus.
Also setzen wir uns mit den vollgepissten Klamotten ins Auto. Jerry sitzt neben mir und er sieht zufrieden aus.
Dick ist er geworden, denke ich. Aufgedunsen vom Alk.
Es sind keine liebevollen Gedanken, die mir während dieser Fahrt in Richtung Alte Oper durch den Kopf gehen, und ich bin froh als ich ihn vor seiner Haustüre absetzen kann. Wortlos steigt er aus und geht den kleinen Weg zum Haus entlang.
Seine helle Jeans hat einen großen nassen Fleck am Hintern.

Musik zum Text: Zweiraumwohnung, Wir trafen uns in einem Garten

Enhanced by Zemanta

4 Kommentare zu “Auftakt und Abgesang

  1. Hehe, schöne Story. Wir hatten mal eine, die hat sich auf einem Volksfest den Rock hoch- und den Slip runtergezogen und mitten auf die Wiese gepullert. Vor allen Leuten. Damals gab es noch keine Fotohandys. Ihr Glück. Dicht wie sie war. :)=

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  2. puhhhhh…..die alten saufgeschichten……da kommen erinnerung hoch.

    irgendwann – so mit 28 habe ich angefangen – versucht zumindest – anders zu leben.
    dir krönung war dann mit 35 die geburt meines sohnes.
    als der kindsvater nach einem halben jahr meinte, ach nö du, mit dir es nicht so wie ich mir das vorgestellt habe, und die beziehung beendet hat, stand ich da – ohne mann und mit kind! so wollte ich das nun überhaupt nicht. und: im nachhinein das beste was mir jeh passiert ist.
    denn ich musste verantwortung übernehmen, konnte eben nicht mehr jeden tag das tun was mir spaß macht, wie am wochenende die sau rauslassen und fügte mich in ein komplett anderes leben. auch eine art von therapie.

    und für einen anderen menschen zu sorgen und komplett immer für ihn dazusein war eine völlig neue herausforderung. mit allen seiten!!!

    lustig war das beileibe nicht. ich habe mich mit themen auseinandergesetzt, die ich ohne kind niemals angegangen wäre.

    auf alle fälle eine erweiterung meines horizonts mit einer gewissen selbstaufgabe meines narzisstischen verhaltens.

    das heißt jedoch nicht, dass ich ab und an, wenn sohnemann beim vater weilt mir einen hinter die binde kippe! hehehe…..manchmal bleibt man doch ein teil seines alten ichs.
    doch bei weitem „nicht mehr bis zum stillstand der pupillen“ oder dem verlust der muttersprache. man wird ja doch älter …….höhöhö….
    und das ist verdammt gut so!

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  3. @ kalypso- eigentlich ist das Saufen nur ein kleiner Teilaspekt der Geschichte. Es hat, neben anderen Dingen, dazu geführt, dass die Beziehung zu Ende ging. Und darüber wollte ich hier schreiben. Etwas geht zu Ende, etwas Neues entsteht.

    @Mike- Heute wäre ihre Karriere, oder was immer sie mit ihrem Leben vorhat, ernsthaft gefährdet. Man muss sich schon sehr genau überlegen, was man in der Öffentlichkiet tut.
    Übrigens wollte ich kürzlich den Eintrag einer alten Domain, die mit meinem Realnamen verknüpft war löschen lassen. Den Eintrag führt eine US-amerikanische Firma, die dafür von nun an 20 € jährlich haben wollte. 20 € für die Unterlassung der Erwähnung. Klingt nach Erpressung, oder?
    Ich habe es dann dabei belassen. Danach überlegt man sich aber doppelt, wo man sich registrieren lässt, bzw. wo man hinpinkelt.

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  4. moin tikerscherk,

    hmh…….das saufen nur ein kleiner teilaspekt………meist ist es DER ASPEKT SCHLECHTHIN. denn warum säuft man soviel?!

    übrigens sind schmetterlinge meine lieblingstiere. und diese hier gezeigten sind besonders schön. tolle fotos!
    der transformationsvorgang ist auch auf den menschen übertragbar……

    ich habe mit meinem sohn auch sehr oft „die kleine raupe nimmersatt“ gelesen.

    einen schönen sonntag!

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