Freunde machen

Deutsch: Meeresfrüchte (Belgische Pralinen) se...

Meeresfrüchte. Belgische Pralinen. (Photo credit: Wikipedia)

Als ich nach Berlin zog, um hier mein Studium fort zu setzen, lernte ich Anton kennen. Er war ein Semester unter mir, hatte blond gefärbte Haare und ein lustiges Gesicht.
Wir kannten uns flüchtig aus einem der semesterübergreifenden Seminare, und so kam es, dass ich ihn eines Tages auf dem Gang ansprach, ob er mir die Unterlagen der vergangenen Woche leihen könne.
Er gab sie mir und schrieb seinen Namen darauf, damit ich wusste, wem ich sie, nach den Semesterferien, zurück geben musste. Anton Glück stand da. Schöner Name.
Ich hatte damals eine Liaison mit I., der in New York lebte. Wir telefonierten täglich, mailten, ich hatte seit 1994 Internet, und sahen uns so oft wir konnten.
Eines Nachts träumte ich von Anton. Es war ein sehr lebendiger Traum, der im Görlitzer Park spielte, später in einem Club, und dessen zentrales Thema eine tiefe Freundschaft zwischen ihm und mir war.
Am nächsten Tag erwachte ich mit einem regelrechten Glücksgefühl, schnappte mir das Telefonbuch und suchte nach seiner Nummer. Nachdem ich noch einmal drüber geschlafen hatte, rief ich bei ihm an. Anrufbeantworter. Ich war enttäuscht.
In den folgenden 3 Wochen versuchte ich es täglich mehrmals, und zu immer verwegeneren Uhrzeiten. Irgendwann musste er doch da sein.
Ich gewöhnte mich an den tiefen Klang seiner freundlichen Stimme auf dem Beantworter, und manchmal rief ich gleich mehrmals hintereinander an, nur um Anton noch einmal sprechen zu hören. Es gab mir ein Gefühl der Geborgenheit.
So ging das Tag für Tag und Nacht für Nacht, und als ich schon aufgegeben hatte ihn jemals zu erreichen, hob er plötzlich ab.
Hallo?“
Vor Schreck legte ich ganz schnell auf. Meine Hände zitterten, so aufgeregt war ich.
Seit meinem Traum war schon einige Zeit vergangen, und der Spruch, den ich mir für unser Telefonat zurecht gelegt hatte, war mir irgendwo auf der Strecke abhanden gekommen. Ich überlegte, was ich hatte sagen wollen, und wie ich meinen Anruf am besten erklären konnte, um nicht den Eindruck zu erwecken andere Absichten zu haben.
Am nächsten Tag versuchte ich es erneut und hatte ihn gleich nach dem ersten Klingeln an der Strippe.
Umständlich erklärte ich ihm, dass ich diejenige sei, die seine Unterlagen entliehen hatte, und dass ich sie ihm gerne zurück geben würde.
Das habe gar keine Eile, beruhigte er mich, ich könne damit getrost bis zum Semesteranfang warten.
Da rückte ich mit der Wahrheit heraus.
Es ist so“, sagte ich „ich habe von dir geträumt. Keine Sorge, kein Mann-Frau-Traum. Wir waren unterwegs, und du warst mein bester Freund, und ich würde gerne wissen, ob das stimmt.“
Am anderen Ende der Leitung hörte ich ein kurzes Glucksen. Er fand das lustig. Immerhin.
„Und was machen wir da jetzt?“ fragte er.
„Ich würde vorschlagen, wir treffen uns, und trinken eine Flasche Wein zusammen.“
Die Idee fand er gut. Allerdings verreise er erst einmal für 10 Tage nach Tschechien, und dann habe er Zeit und würde sich freuen mich zu treffen.
„Bringst du mir was mit?“ ich wurde übermutig.
Er lachte. „Was willst du denn?“
Irgend etwas Kleines, Landestypisches. Eine Streichholzschachtel oder so.“
Mal sehen, was ich finde.“
Ich gab ihm meine Nummer, und als wir aufgelegt hatten, war ich froh. Regelrecht euphorisch.
Nach 10 Tagen meldete er sich, und wir verabredeten uns, für den darauf folgenden Samstag bei mir.
Ich wohnte damals knapp außerhalb des S-Bahn-Rings in Neukölln, er in der Nähe der Flughafenstraße, also nicht weit weg.
Anton betrat meine Wohnung mit einem Lächeln, einer Sektflasche und einem Geschenk in der Hand.
Er hatte mir tschechische Pralinen mitgebracht, die sich in einer grotesk kitschigen Verpackung präsentierten, und die aussahen, wie eine schlechte Kopie belgischer Pralinen. Ich freute mich darüber.
Anton öffnete den Sekt, und wir tranken ein Glas zusammen. Schon nach wenigen Schlucken hatte ich einen sitzen, und meine Befangenheit wich einer ausgelassenen Sektlaune. Wir redeten und lachten, und fanden immer neue Themen. Als eine Pause entstand wurde er auf einmal ernst.
„Ich bin seit 12 Jahren liiert“, sagte er.
„Aha? Und, biste froh dabei?“ fragte ich ihn.
„Ja. Soweit.“
„Prima, ich bin seit 3 Jahren liiert und halbfroh dabei.“
Ich wusste, dass er mir das hatte sagen müssen, um nicht das Gefühl zu haben seine Freundin zu hintergehen, oder falsche Erwartungen in mir zu schüren. Dass eine Frau einen Mann anruft, ihm sagt, dass sie von ihm geträumt hat, klingt vermutlich hundertprozentig nach „Würdest du mich bitte flachlegen.“
Ich erzählte ihm von der Schwierigkeit meiner long-distance-Beziehung, er mir von dem Auslandsaufenthalt seiner Freundin, die Ärztin war, und in Deutschland keine gute Stelle gefunden hatte.
Als Anton morgens um drei, nach sieben Stunden vergnügten Redens und Lachens, meine Wohnung verließ, verabredeten wir uns für den kommenden Dienstag. In den nächsten zwei Wochen sahen wir uns noch ein paar Mal.
Als ich dann meine Koffer packte, um für drei Wochen, erst nach Nevada und dann nach Kalifornien zu reisen, gab ich ihm meine Wohnungsschlüssel und bat ihn auf meine Katze aufzupassen.

32 Kommentare zu “Freunde machen

  1. Ich bewundere Deinen Mut. Posthum sozusagen. Anton Glück… toller Name! Klingt, als hättest Du das Glück quasi beim Schopfe gepackt. Ich hoffe insgeheim, es war so, und er hat Dir wirklich Glück gebracht.

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    • Ja, es war so. Wir waren sieben Jahre lang die engsten Freunde, und fast jeden Tag zusammen. Wenn wir uns nicht sahen, telefonierten wir wenigstens. Seine Freundin wurde zu meiner Freundin.
      Das war eine sehr wertvolle Freundschaft.
      Mutig von mir. Finde ich auch.
      Manchmal mache ich sowas, und ein anderes Mal bin ich so schüchtern, dass ich kein Wort sagen kann.

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    • Ne, ganz reguläres Internet. Mein Provider hieß CompuServe, und ich tummelte mich dort in irgendwelchen US-amerikanischen Foren. Einwahl über ein knatterndes Modem.
      Eingerichtet hatte mir das Ganze mein Bruder, als er für ein Jahr nach Kolumbien ging und mit mir in regelmäßigem Kontakt bleiben wollte.
      Damals benutzte ich Alta Vista als Suchmaschine, und der Aufbau einer Seite konnte Minuten (!) dauern.

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      • …der Aufbau einer Seite konnte Minuten (!) dauern…

        Ach ja, waren das noch Zeiten! Texte die man flüssig, während ihrer stückweisen Darstellung, auf den nicht ganz so bunten Monitoren, mitlesen konnte. Geradezu unmenschlich die heutige Geschwindigkeit! :-)

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      • @Stony- Ja, damals konnte man nochmal eben zwischendrin ein Telefonat führen, sich einen Kaffee machen und eine rauchen, bis die Seite fertig geladen hatte.
        Bunt war das aber schon. Allerdings ohne Werbung.

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      • Hihi, da hab ich wohl die Jahreszahlen ein wenig durcheinander gebracht, ’94 war natürlich schon quietschbunt. Mhhh, 30 Jahre Büchsen und knapp 25 Jahre Netz, da kann man ja mal, oder so… *g*

        Aber: Internet UND Telefon gleichzeitig? Määäh!
        Sowas gab’s bei mir ewiglich nie nich.
        Konnte teilweise froh sein überhaupt ’ne Leitung zum glühen zu bringen, daheim verständnislose Eltern und in der ersten Studibude statt ISDN ein analoger Klingeldraht den 4 Netzaffine teilen mußten. :-(

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        • Quatsch! Du hast Recht! Natürlich kam das mit dem Internet und Telefonieren zur gleichen Zeit, erst später. Bei mir 1999, im Jahr der Sonnenfinsternis.
          Dem Internet war ich das erste Mal 1992 begegnet- in monochrom. Da schrieben sich grüne Buchstaben auf einen schwarzen Monitor, mitten in der Nacht, in der Wohngarage meines damaligen Freundes, der Informatik studiert hatte. Das war fast schon unheimlich, und ich hätte nie gedacht, dass ich heute an meinem laptop sitzen würde und mit einem Fremden über genau das in Echtzeit kommunizieren würde. Schon toll!

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      • Naja, was sich heute halt „netzaffin“ nennt. Genauer trifft es wohl ein Begriff wie „Suchtis“. Ein neues Spielzeug tauchte auf, das auch nichts anderes konnte als Dinge die man vorher langsamer und umständlicher zu erledigen hatte. Die Hemmschwelle der inneren Überwindung war niedriger und man stürtzte sich drauf wie ein kleines Kind, das am Weihnachtsabend die Geschenke auspackt und mit leuchtenden Augen inmitten der Herrlichkeit sitzt.

        Über Rauchzeichen, Flaschenpost (hat mal wer eine von mir gefunden, warum bekam ich nie Antwort? Shame on you, mad world!) und Brieftauben sind wir mittlerweile bei einer Technik gelandet die, wie gesagt, nichts wirklich Neues bietet, dafür aber umso schneller und leichter. Früher hatte man viel Zeit zu investieren, um Kommunikation zu schaffen, interessanten Lese-/Redestoff zu besorgen, heute hat man kaum genug Zeit um alles Lesen zu können, also verplempert man einen Großteil davon beim Versuch die Fülle zu sichten, eine Auswahl zu treffen.

        Bereichernd ist es trotzdem, selbstverfreilich, wie hätte ich sonst Gelegenheit deinen Geschichten zu ‚lauschen‘? Was fehlt ist, ich nenne es mal „Lagerfeuerromantik“, die gewisse ‚Stofflichkeit‘ in der Kommunikation, was imo eine generelle Schwäche des Internets anklingen läßt, aber irgednwas ist ja immer. ;-)

        Schönen Abend noch!

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        • Das Netz ist bereichernd, aber auch so unglaublich Zeit saugend. Wie du schon schreibst: da sind so viele Texte, die man gerne lesen würde, und die Stunden, die man dafür hat, reichen nicht aus. Und immer wieder entdeckt man Neues, und immer weiter möchte man eindringen in die Welt der Anderen. Ja, das Internet macht süchtig.
          Wenn ich verreise halte ich mich komplett fern vom Computer, und vermisse zum Glück nichts.
          Die Lagerfeuerromantik fehlt tatsächlich, aber die kann ja noch kommen. :-)
          Schön jedenfalls, dass du hier bist.

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      • Es beruhigt mich, dass Sie das sagen. Etwa so wie eine Katastrophe, die man lange erwartet hat, wenn sie endlich eintritt. Dann hat das Warten ein Ende.
        Denn das so harmlos platzierte „vermutlich“ hat mir doch zu denken gegeben. Was sollte der Anfang anderes bedeuten als eben gerade das, was Sie nicht meinten? In der Vermutlichkeit lag kein Segen, nehme ich mal an.

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    • @ Sachverständiger- Das beruhigt Sie? Weil Sie es erwartet haben?
      Wäre es nicht viel beruhigender, wenn genau das nicht passiert wäre?
      Den Satz: „In der Vermutlichkeit lag ein Segen, verstehe ich leider nicht.“
      Meinen Sie, dass es gut war, solange noch alles in der Schwebe war?
      Auch wenn es traurig endete, waren es jdenfalls sieben gute Jahre. Und das allein ist den Kummer, der hinterher kam wert.
      Wenn wir uns heute sehen, er arbeitet in dem Haus nebenan, nicken wir kurz. Das war´s.

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      • Kein Segen! Habe mich nicht verschrieben, wie ich eben geprüft habe. Dann ist verständlich, was ich meine oder?
        Und nein, das wäre nicht beruhigender. Das wäre schöner, das wäre alles Mögliche, aber eben nicht beruhigender. „Dich will ich loben, hässliches, Du hast so was verlässliches.“ Diesen Gernhardt-Satz haben Sie hier, glaube ich, auch schon mal zitiert; er ist schlicht wahr. Beruhigend verlässlich ist das Hässliche.
        Aber dass es den Kummer wert war, das glaube ich. Diese Lebenseinstellung teile ich auch. Nichts ist überflüssiger, als schöne Tage zu bereuen, nur weil sie irgendwann vorbei sind.

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  2. Ich hab´s schlicht falsch gelesen. natürlich vertshe ich jetzt, was Sie meinen.
    Ja, beruhigend verlässlich, das Hässliche.
    Vielleicht ist es aber auch so, dass ein Paradies geradezu nach einem Sündenfall schreit. Nach einer Störung. Und dass die Protagonisten diese, unbewusst aber übermütig, ansteuern, indem sie Grenzen verschieben, und ein laufendes System immer wieder verändern wollen, bzw. stören.

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  3. Wahrscheinlich liegt darin auch ein Grund, warum eine Ethik, die das Paradies zumindest als Denkmöglichkeit berücksichtigt, so viel Wert auf Demut und Askese legt. Eben nicht als Selbstverzicht, sondern als Voraussetzung, ein reiches Selbst erst zu gewinnen. Wer alles will, wird alles verlieren.
    Einen bescheidenen Tag in diesem guten Sinn wünsche ich Ihnen.

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    • Ich bin nicht sicher, ob das reiche Selbst sich nicht auch oder gerade über die Begegnung zum Anderen, auch Mann/Frau-Begegnungen formt.
      Ich glaube einfach, dass alles seine Zeit hat und alles vorüber geht, und das die schwerste Lektion ist, die uns am meisten abverlangt, und uns gleichzeitig immer wieder erneuert.

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      • Sehen sie da einen Widerspruch? Alles hat seine Zeit, das ist so unwiderlegbar wie grundlegend. Noch fundamentaler formuliert: Sein ist Zeit. Zeit ist aber nur erfahrbar durch Veränderung. Das muss nicht unbedingt schwer sein, beginnt schon mit Ein- und Ausatmen. Darauf bauen sich dann ganze Zustände auf usw.

        Mein obiges Posting bezog sich ja nur auf den ganz speziellen Fall einer Veränderung, nämlich der mutwilligen Gefährdung eines Paradieses. Das ist kontrafaktisch schon deshalb, weil es ein solches hinieden nicht gibt.
        Es gibt aber Ethiken, die zu einem eher bewahrendem Tun raten, mithin dazu, die unausweichliche Veränderung möglichst gering zu halten. Es gibt andere, wie die derzeit vorherrschende kapitalistisch-hedonistische, die zu einer permanenten Steigerung der Erlebniswahrnehmung tendieren, also dazu, den Prozess der Veränderung stetig zu beschleunigen.
        Die Erneuerung ist also unausweichlich permanent und vice versa. Selbst der äußerliche Stillstand erfordert die fortwährend neue Entscheidung, sich nicht zu bewegen. Allein unsere Lebenshaltung dazu können wir in gewissem Maße beeinflussen. Es war nicht beabsichtigt, mehr zu sagen.

        Dass das Selbst sich nur im Austausch und in Abgrenzung mit anderen bilden kann, ist ebenso unbestritten.
        Ganz generell und auf den ganzen Komplex bezogen: Ohne Zeit und ohne Welt wäre nichts und somit kein Ich.

        Falls es bis hierher unbemerkt geblieben ist: Ich neige manchmal zur philosophierenden Grundsätzlichkeit. Üben Sie sich doch hierzu bitte in Nachsicht.

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        • Wahrscheinlich haben Sie Recht. Mit Allem.
          Dass selbst der äusserliche Stillstand immer wieder neue Entscheidungen verlangt, habe ich mir noch nie bewusst gemacht.
          Ich mag den stetigen Fluss, ab und zu durchbrochen von Stromschnellen und auch mal einem Wasserfall. Und immer wieder ruhige Buchten zum Verweilen.

          Dass Sie zur philosophierenden Grundsätzlichkeit neigen, ist mir nicht entgangen, und ich schätze diesen Zug.

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