Foulspiel

306059_525841527426755_1957786291_nAm liebsten würde ich die stinkenden Teppichfliesen, die auf dem Balkon vor sich hin gammeln, im hohen Bogen auf die Autos da unten schmeißen, oder besser noch: Ale einen dieser dreckigen Lappen links und rechts in ihre saudumme Visage klatschen.
Eine ganze Weile stehe ich da draußen, und denke nach.
Dann gehe ich zurück ins Zimmer, setze mich auf´s Bett und fange an mein Tagebuch zu lesen.
Von Anfang an, Eintrag für Eintrag.
Es beginnt, als wir hier eingezogen sind.
Die ersten Tage verbrachte ich bei Wohnungsauflösungen, um mir ein paar kostenlose Möbel und etwas Hausrat zu besorgen. Außer einer Matratze, einem Sofa und meiner Anlage hatte ich nichts. Weder Tisch noch Stuhl noch Schrank. Letzteres schenkte mir Jerry, alles andere organisierte ich mir hier und da.
Dann holte ich mir eine kleine Katze aus dem Tierheim und nahm eine große Emaillewanne als Katzenklo. Am vierten Tag nach meinem Auszug bekam ich hohes Fieber und Schüttelfrost, so dass ich abends mit dem Auto zu meinen Eltern fuhr. Dort lag ich drei Tage im Fieberdelir, bis mich ein Rettungswagen abholte.
Der zweite Krankenhausaufenthalt in meinem Leben. Der erste, bei dem ich krank war.
Ich hatte eine schwere Lungen- und Rippenfellentzündung, bekam alle 4 Stunden Claforan, ein Reserveantibiotikum, gespritzt, und schlief in der Zeit zwischen den Injektionen. Mein Zustand war schlecht.
Auf einmal hatte ich Bluthochdruck und mehrmals täglich starkes Nasenbluten. Bis die Ärzte schließlich die betroffenen Gefäße verödeten und mir die Nase mit einer langen Wattewurst tamponierten. Hamsternase.
Als ich nach 10 Tagen wegen Bettenmangels überraschend entlassen wurde, zündete ich mir vor der Klinik als erstes eine Zigarette an, und ging fast in die Knie.
Ich holte meine kleine Katze ab, um die Benny sich inzwischen gekümmert hatte, und fuhr dann in die Wohnung, wo Ale im Bad vor dem Spiegel stand und sich schminkte.
Das war ungewöhnlich, ebenso wie der Umstand, dass sie einen Rock und Parfum trug.
Hallo! Ich bin wieder da!“
Jetzt schon?“ Sie sagte es mit monotoner Stimme, und ohne sich zu mir umzudrehen.
Haste was vor?“
Ja.“
Ich war ein bisschen enttäuscht, weil ich insgeheim gehofft hatte, dass wir  ein Bier trinken würden nach meiner Entlassung. Außerdem hatte ich erwartet, dass sie sich freuen würde mich zu sehen.
Was machste?“
Bin verabredet.“
Aha! Mit wem denn?“
Ale sah aus, als wollte sie es wissen. Der Rock stand ihr gut, sie trug große Creolen und hatte die Haare hoch gesteckt. Nicht schlecht.
Mit Jerry.“
Das saß. Meine Ohren gingen zu, ich quatschte einfach weiter.
Was macht ihr?“
Ich versuchte so entspannt wie möglich zu klingen.
Wissen wir noch nicht.“
Wir“, Jerry und sie waren „wir“.
Seit ich ins Krankenhaus gekommen war, hatte ich ihn nicht gesehen. Ich wollte keinen Besuch, war schwach und fühlte mich mit der dicken Tampon-Nase hässlich. Das Antibiotikum hatte meine Haut in Mitleidenschaft gezogen, und ich stank aus jeder Pore danach. Außerdem brauchte ich Ruhe.
Früher wäre man an so etwas gestorben
Gestern hatten er und ich,
wir, abends telefoniert. Da wusste ich noch nichts von meiner Entlassung heute.  Er hatte mir erzählt, dass er am Nachmittag etwas vorhatte, und ich hatte nicht nachgefragt.
Grüß ihn von mir,“ sagte ich jetzt zu Ale, und ging in mein Zimmer, um mein Zeug auszupacken.
Ich schloss die Türe hinter mir, und wartete darauf, dass sie ging.
Mit einem knappen „Tschüss!“ verließ sie die Wohnung, und erst als ich das Schloss schnappen hörte, fing ich an zu heulen.
Ich warf mich auf´s Bett und schluchzte meine ganze Enttäuschung in das Kissen. Den Gram über die vergangenen Wochen, den Ärger mit meiner Mutter, den Rausschmiss wegen einer Lappalie. Den Druck kurz vor dem Abi. Und jetzt Jerry.

Ich lege das Tagebuch beiseite.
Eigentlich hat sich von Anfang an abgezeichnet, dass ihr nicht zu trauen ist, denke ich.
Erst macht sie sich an meinen Freund ran, und jetzt schnüffelt sie in meinen Sachen herum und liest mein Tagebuch.
Überhaupt ist sie in vielem so übergriffig. Angefangen beim Benutzen meines Parfums. Ihre Querflötenübungen vor meiner Zimmertür, wenn ich Besuch habe. Vom Wegfressen meiner Notvorräte für den nächtlichen Hunger ganz zu schweigen.
Die nächste Stunde tigere ich durch die Wohnung und überlege, was zu tun ist. Dann rufe ich Jerry an.
Zu meiner Überraschung hebt er beim ersten Klingeln ab, und fragt nach einer knappen Begrüßung, wo ich gewesen bin. Sein Tonfall ist kühl.
Er hatte erwartet, dass ich nachts zu ihm kommen würde. Lena habe ihn aber angerufen und erzählt, dass ich heute Früh, mit Carlos das Fest bei Nora verlassen hätte.
Ich erzähle ihm von meiner kleinen Tour durch die Stadt, und von dem Ärger mit Ale.
Wir verabreden uns für den Abend. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen und muss jetzt erstmal schlafen.

Ein paar Tage später, sitze ich Zuhause und höre Musik.
Ale ist bei ihrem Vater in Kalbach, und wird bald zurück kommen.
Die Stimmung zwischen uns ist schlecht. Wir sprechen nur das Nötigste und gehen uns aus dem Weg, wo wir können. Entweder schläft sie oder ich auswärts, und wenn wir Zuhause sind, bleiben die Zimmertüren geschlossen. Die beiden Katzen, die offene Türen gewohnt sind, kratzen die Tapeten runter, maunzen den ganzen Tag, und die Kleine hat schon zweimal in mein Bett gepisst.
Ich habe mich in Ales Zimmer umgeschaut, und nach kurzem Suchen ihr Tagebuch gefunden.
Sie hatte es in dem Einkaufswagen mit ihren Klamotten versteckt.
In aller Ruhe lese ich es von vorne nach hinten durch, und staune, dass ich auf jeder Seite Thema bin.
Kein Eintrag, der sich nicht um mich dreht. Meine Essstörung, meine schulischen Leistungen, meine Beziehung zu Jerry. Meine Klamotten, meine Musik, mein Aussehen, mein Gang.
Aus jeder Zeile triefen Missgunst und Bitterkeit.  Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, und es trifft mich sehr das zu lesen.
Was ist passiert? Wir kennen uns seit zwei Jahren, sind gemeinsam in die Bretagne gereist und haben zusammen Abi gemacht. Ich dachte, dass wir Freundinnen sind. Gute sogar.
Von dem, was sich in ihr abspielt, und wie sehr ich sie beschäftige, hatte ich keine Ahnung.
Wie enttäuscht muss sie gewesen sein, als sie feststellte, dass es in meinem gesamten Tagebuch nur einen Eintrag zu ihr gibt.
Eine Weile sitze ich so da, und lese einzelne Passagen immer wieder.
Es ist inzwischen Abend geworden.
Ich stehe auf, lege drüben bei mir Mink DeVille auf, hole einen Stift und fange an zu schreiben.
Wenige Sätze, jedes Wort ist wohlüberlegt.
Dann warte ich wieder.
Als ich den Schlüssel im Schloss höre, schlage ich die Beine übereinander, und lehne mich betont entspannt, ihre Aufzeichnungen in den Händen, zurück. Ale betritt ihr Zimmer, sieht mich, und schaut mich mit einer Mischung aus Ärger und Verunsicherung an.
Obwohl mir heiß wird, und die Glocken in meinem Kopf zu läuten beginnen, gelingt mir ein spöttisches Lächeln. Ich hoffe es kommt so echt rüber, wie es sich anfühlt.
In aller Seelenruhe lege ihr Tagebuch auf den Tisch, stehe auf und gehe wortlos an ihr vorbei.
Sie schlägt die Türe hinter mir zu.
Wenige Minuten später kommt sie zu mir rüber, und fängt an mich zu beschimpfen.
Was bist du für eine blöde Drecksau einfach in mein Tagebuch zu schreiben! Bist du noch ganz sauber im Kopf?“
Ich schaue ihr direkt in die Augen, stelle die Musik lauter und zucke mit den Schultern.
Jetzt hat sie einen Grund mich zu hassen.
Wenige Tage später zieht sie aus.

Musik zum Text: Nick Cave, Mercy Seat

(Der erste Teil des Textes findet sich hier)

6 Kommentare zu “Foulspiel

  1. Ich habe die Story jetzt zwar in der falschen Reihenfolge gelesen, schaffe es aber, sie zu sortieren ;-). Sehr sehr fesselnd und bilderreich geschrieben. Die Musik dazu – perfekt! Ach ja, das Foto im ersten Teil gefällt auch.

    Sie war schon in dem Moment gestraft, als du sie erwischt hast.

    LG, Conny

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s