Vernetzt euch: Nighttalk mit dem Sittenwächter

Der folgende Text ist Teil einer zirkulären Vernetzungsaktion von 9 Blogs:
heute um 10 h hat jeder von uns einen Beitrag ins Netz gestellt, in dem es einen Link gibt, der zum nächsten teilnehmenden Blog führt, so dass sich am Ende der Kreis schließt, und die geneigte Leserschaft wieder bei dem Blog ankommt, bei dem sie angefangen hat zu lesen.
Ich bitte alle Leserinnen und Leser bei unserer Aktion mitzumachen und dem Link im Text zu folgen, im nächsten Text dann ebenso, bis ihr am Ende ankommt.
Viel Spaß!
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Es gibt Phasen in meinem Leben, da muss ich es mir so richtig geben.
Aus mir unbekannten Gründen tue ich dann vorsätzlich Dinge, die mir zuwider sind.
Das war schon immer so.
Beispielsweise verabscheute ich als Jugendliche Oliven.
An besonders selbstquälerischen Tagen, bestellte ich mir beim Italiener einen Salat mit extra viel Oliven, in dem ich dann blind herumstocherte.
Hatte ich eine auf der Gabel, musste ich sie, meiner selbst aufgestellten Regel folgend, gründlich zerkauen und runterschlucken, was mich große Überwindung kostete. Unterdessen freute ich mich schon auf den nächsten Bissen, von dem ich mir mehr Glück erhoffte.
So ähnlich geht es mir, wenn ich mich in schlaflosen Nächten durch das Fernsehprogramm zappe, und die Fernbedienung erst beiseite legen kann, wenn die schlimmste aller aktuell laufenden Sendungen über den Bildschirm flimmert.
Meine Favoriten sind dabei schlecht synchronisierte Dauerwerbesendungen,
ntv-Reportagen über Riesentrucks, Flugzeugträger oder Staudämme,
RTL-Formate, bei denen Nachbarn sich gegenseitig verklagen oder Zöllner Koffer durchsuchen, und schließlich noch US-amerikanische oder deutsche Komödien.
Bei den beiden letztgenannten halte ich selten länger als zwanzig Minuten durch.
Aus masochistischen Impulsen heraus, habe ich mir schon das eine oder andere Musikantenstadl angeschaut und mich dabei vor Unbehagen gewunden.
Der Gipfel der Selbstgeißelung allerdings ist die Sendung Nighttalk mit Domian, die wochentags um 1 Uhr nachts auf WDR läuft.
Der dauergrinsende Radiomoderator Jürgen Domian sitzt, meist im kumpelhaft karierten Hemd und mit Kopfhörern auf den Ohren, vor einer pink beleuchteten Wand mit weißem Porzellanelch im Hintergrund, und fordert seine Zuschauer auf ihm via Telefon Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen.
Manchmal sind die Themen vorgegebenen, so wie: Glück im Unglück, Diese Nacht werde ich nie vergessen, oder Ich schäme mich für meinen Partner, anderntags ist freie Themenwahl.
Das, was dort Nacht für Nacht passiert ist haarsträubend glech in mehrerer Hinsicht.
Denn, nicht genug damit, dass die redseligen Anrufer überhaupt ihr Privatleben vor Domian und seinem Publikum ausbreiten, holen sie sich dafür auch noch Belehrungen, Rügen, Ermunterungen und moralische Vorhaltungen vom guten Onkel ab.
Und bei der Moral, da kennt Domian sich aus.
Ganz klare Vorstellungen hat er da.
Ohne Wenn und Aber.
Seitensprünge gehen zum Beispiel gar nicht.
Einen Mann, der regelmäßig Pornos konsumiert, obwohl er in einer festen Beziehung steckt, schickt er zur Therapie, sieht den Sexualgestörten aber auf einem guten Weg, weil er Reue zeigt.
Jemand der sich in zwei Menschen verliebt hat, muss augenblicklich mit offenen Karten spielen, und sich entscheiden. Eine Frau mit mehreren Sexaffären möge bitte Ordnung in ihr Kuddelmuddel bringen.
Genau richtig hingegen hat eine Tochter gehandelt, die, entgegen ärztlichem Rat, der Mutter nach einem Schlaganfall die Magensonde entfernen ließ, um sie
12 Tage lang verhungern zu lassen.
Das war ja schließlich kein Leben mehr.
Domian kennt sich aus, in allen Bereichen, hat jede Menge Meinung und hält damit nicht hinterm Berg.
Mit tugendhafter Gesinnung und der lächelnden Selbstverliebtheit des Gerechten, wertet, urteilt und richtet er auf Zuruf, und die Ratsuchenden lauschen seinen, mit erhobenem Zeigefinger vorgebrachten, Verkündungen und bedanken sich unterwürfig für die moralische Maßregelung des über alles erhabenen Sittenwächters.

Moral Compass

Moral Compass (Photo credit: psd)

Es hat schon etwas Voyeuristisches,
nachts im Bett zu liegen und sich den Seelenstriptease fremder
Menschen, sowie Domians neunmalkluges Geschwafel anzuhören.
Meine Gefühle schwanken zwischen Ekel und Faszination, wenn der vor Offenheit strotzende Moderator den nach Wahrheit, Trost oder Tadel dürstenden nächtlichen Desperados,
leicht lispelnd, seine Weltsicht überhilft und am Ende alle geläutert sind.
Wie ein Spanner, schaue ich durch das
Schlüsselloch und sehe Dinge, die mich nichts angehen.
Die niemanden etwas angehen als die Betroffenen und ihre Nächsten selbst.
Manchmal schlafe ich bei dem Geplapper ein, oft jedoch bleibe ich bis zum Schluss dabei und bin froh, wenn die Peinlichkeit endlich ein Ende hat.
Dann fühle ich mich so befreit, als dürfte ich endlich ein paar viel zu enge Schuhe ausziehen, die ich mir freiwillig angezogen habe.

6 Kommentare zu “Vernetzt euch: Nighttalk mit dem Sittenwächter

  1. Dein Text hat mich irgendwie immer an Fight Club denken lassen, wo der Erzähler, weil er nicht schlafen konnte, zu allen möglichen Selbsthilfegruppen ging, um danach selig einzuschlafen.
    Danke, dass du bei dieser Aktion mitgemacht hast, für deine Geduld, für deine Offenheit der Idee gegenüber.

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  2. Mannmann, ich finde vernetzen doof!!!! Habe bestimmt anderthalb Stunden durch die Gegend gelesen und ein paar Blogs noch offen zum weiterstöbern. Unter anderem des kiezneurotikers eeeewig lange Blogliste *seufz* Im Hintergrund läuft Baßklarinettenmusik. Und eigentlich hätte ich ganz viel zu tun ….
    *grmpfl*

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