Fortsetzung

English: The chimney The chimney.

(Photo credit: Wikipedia)

Es dämmert und die Vögel zwitschern. Amseln hüpfen in den Vorgärten umher, verharren unter den Rhododendronbüschen und flöten ihre unbeholfenen Tonleitern in den wolkenlosen Morgenhimmel über der Stadt.
Schweigend gehen wir zu meinem Auto. Carlos hält mir seine Schachtel Rothmans hin, wir bleiben kurz stehen. Als er mir Feuer gibt halte ich sein Handgelenk fest.
Die hölzernen Lider der alten Villen sind noch geschlossen. Die ersten Frühlingsblumen öffnen ihre Blüten; Rosenduft steigt mir in die Nase.
Ich habe Hunger und bin müde.
Beim Auto angekommen, werfe ich meine Kippe in den Rinnstein, schließe auf und lasse mich hinein fallen. Ich kurbele das Fenster herunter und ziehe die Tür zu. Carlos steht neben mir und beugt sich mit mehrdeutigem Grinsen nach vorne.
Ich werde ihn nicht küssen.
– Ich muss jetzt fahren,
sage ich stattdessen und zünde den Motor.
– Wir sehen uns?
– Ja, bestimmt.

Rückwärts stoße ich aus der Parklücke.
Zum Abschied ein letzter Blick. Ich schalte die Automatik auf S, und schleiche  im Schritttempo die ausgestorbene Straße in Richtung Zentrum herunter.
Um zu Jerry zu fahren ist es zu spät und Ale will ich auch nicht wecken.
Also mache ich mich erstmal auf den Weg Richtung Hauptbahnhof, um beim Frühbäcker Mohnbrötchen zu besorgen und später mit ihr zu frühstücken.
Kaum habe ich das Villenviertel verlassen, sind die Straßen plötzlich erstaunlich belebt. Es ist Montag früh. Die Stadt erwacht, und Menschen gehen zur Arbeit. Einen kurzen Moment fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken, dass auch mein Vater schon bald wieder aufstehen und bis in den späten Abend ackern wird. Ich drücke die Cassette rein, und drehe die Musik auf.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ich erinnere mich noch gut an das Konzert vor 3 Jahren, zu dem ich meinen kleinen Bruder mitgenommen hatte, mit dem Auftrag ihn wohl behütet wieder nach Hause zu bringen.
Nach kurzer Zeit war er so blau und rannte von der Halle zum Bierstand und umgekehrt, dass ich ihn schließlich aus den Augen verlor.
Wie heute trug ich mein Haar zu einem Pferdeschwanz und steckte in einem schwarzen, schmal geschnittenen Anzug mit kurzer Jacke, den mir Jan letztes Jahr geschenkt hatte, weil er ihm zu eng war.
Damals, vor dem Eingriff, trank ich noch Bier, ohne mich zu sorgen, dass es fett macht.
Der Sound in der Halle ist miserabel abgemischt, die Stimme von Robert Smith geht unter im diffus verschwimmenden Gitarrengeschrammel und den typischen, viel zu lauten, Bassläufen. Auch ich trinke ein paar Bier, und muss irgendwann aufs Klo.
Die Toilettenanlagen sind im Keller, und sehen ziemlich feudal aus. Dem Anschein nach geht hier normalerweise anderes Publikum ein und aus.
Nach dem Pinkeln stehe ich im Neonlicht vor dem deckenhohen Spiegel und der wuchtigen Waschbeckenreihe aus einem Guss, und male meine Lippen mit blutrotem Lippenstift nach. Eine etwa dreißigjährige Frau kommt aus der einzigen besetzten Kabine und stellt sich an das Waschbecken neben mir. Durch den Spiegel beobachtet sie mich, und ich bilde mir ein Verachtung in ihrem Blick zu sehen.
Als ich den Lippenstift in die Hosentasche stecke, tritt sie plötzlich hinter mich und umklammert mich so fest, dass meine Arme gegen meinen Rumpf gepresst werden und ich mich nicht mehr rühren kann.
Ich bin völlig überrumpelt. Mit so etwas hätte ich nie gerechnet.
Sie ist kleiner als ich, und ziemlich kräftig. Ihr kurzes dunkles Haar trägt sie nach hinten gegelt, ihre Augen sind mit schwarzem Kajal umrandet. Auch ihre Kleidung ist schwarz und ihr T-Shirt ist an der Seite weit ausgeschnitten. Wir sind auf einem Cure-Konzert.
Ich japse vor Schreck, und presse mühsam ein läppisches „Hey!“ hervor.
– Wieso trägst du Hosen wie ein Mann, sagt sie, und es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Sie atmet mir schwer ins Ohr, ihr Körper fühlt sich dampfig-warm an. Ich versuche mich aus ihrem Griff zu winden, aber sie hält mich noch fester, fängt an Stoßbewegungen mit ihrem Becken zu machen und sich mit kreisförmigen Bewegungen an mir zu reiben.
– Lassen Sie mich los! sage ich wütend und ärgere mich im gleichen Moment, dass ich sie gesiezt habe, diese Scheißkuh!
– Komm, zieh diese Hosen aus, Süße.
Die hat sie doch nicht mehr alle!
Wieder versuche ich mich zu wehren, indem ich eine Drehbewegung mache, aber sie hat mich derartig fest im Griff, dass ich keine Chance habe.
Im Gegenteil! Jetzt leckt sie meinen Hals ab, beisst mir wie eine Katzenmutter fest in den Nacken und drückt mich mit ihrem Gewicht nach vorne. Ich komme mit dem Oberkörper auf dem sehr breiten und tiefen Waschbecken zum Liegen, mein Gesicht neben dem Wasserhahn in dessen blank poliertem, langem Hals wir uns grotesk spiegeln.
Es muss doch jeden Moment jemand reinkommen! Die Halle ist voll, alle saufen da oben!
Da das Konzert in vollem Gange ist, erscheint es mir immer noch sinnlos zu schreien. Bis hier unten höre ich den Bass, und die Stimme von Robert Smith.
Wir sind die einzigen im Waschraum.
Plötzlich löst sie den Schraubgriff einseitig, sie legt ihren schweren Oberkörper auf meinem ab, greift mir mit der frei gewordenen Hand zwischen die Beine und stöhnt auf. Ich ekele mich so, dass ich heulen könnte, gleichzeitig kann ich es nicht fassen. Da versucht tatsächlich eine Frau mich zu vergewaltigen.
Kurz nachdem sie damit angefangen hat mich unter orgiastischem Stöhnen zu befummeln, höre ich zwei sich nähernde Frauenstimmen. Die Tür öffnet sich, und die beiden plappernden Schicksen verstummen augenblicklich und reissen ihre Augen unnatürlich weit auf.
Ich schäme mich in Grund und Boden.
Statt beiseite zu springen, und sich aus dem Staub zu machen, zieht die Frau betont langsam ihre Hand aus meinem Schritt, und lässt mich erst dann los. Ich richte mich schnell auf, und sehe durch den Spiegel, wie die beiden Frauen uns angaffen.
Die glauben doch nicht?
Doch, genau das glauben sie!
Noch einmal umarmt mich die Frau von hinten, und saugt sich so fest an meinem Hals fest, dass es weh tut. -Au!, ich ziehe die Schultern hoch und schaue die beiden anderen hilflos durch den Spiegel an. Die müssen doch merken, dass hier was nicht stimmt.
Aber wie können sie? Noch immer bin ich unfähig mich zu wehren, oder etwas zu sagen. Scham ist das vorherrschende Gefühl.
So plötzlich, wie sie über mich hergefallen ist, lässt sie mich jetzt los, dreht sich auf dem Absatz um, und verlässt den Raum mit schnellen Schritten.
Unter den Augen der beiden schweigenden Tussen wasche ich mir die zitternden Hände und den Hals ab -ich habe einen dunklen Knutschfleck- und warte, bis auch sie fertig sind, um gleich hinter ihnen sicher nach oben gehen zu können. In der Halle schaue ich nach meinen Bruder, und finde ihn, nach kurzem Suchen, mit Schlagseite am Bierstand.
Nur in groben Zügen erzähle ich ihm, was passiert ist, aber das reicht schon aus, um ihn vor Lachen beinahe umkippen zu lassen. Ich lache mit, und zusammen gehen wir zurück in die dunkle Halle und tanzen.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ausgerechnet dieses Lied.
Der Qualm der zahllosen Kippen und Joints hängt träge im blauvioletten Scheinwerferlicht, Smith steht verschwitzt vorne und gibt alles, während ich mir Gedanken mache, wie ich diesen Knutschfleck am besten verstecken kann damit  Jan ihn nicht sieht.

Inzwischen bin ich fast am Bahnhof angekommen, und suche nach einem kostenfreien Parkplatz, den ich in der Ludwigstraße, fast genau vor dem Haus von Jans Bruder finde. Früher war ich oft hier, und mit etwas Glück war auch Ronny mit seinem uralten, coolen Opel Admiral da, und fuhr mit mir eine Runde durch die Stadt.

Die Geschichte ging so unerfreulich weiter, wie sie angefangen hatte: am nächsten Tag in der Schule lauerte Jan mir vor der Treppe zu meinem Klassenraum auf.
Von ihm hatte ich mich, nach einem gemeinsamen Jahr, und einem durch und durch dramatischen gynäkologischen Eingriff vor ein paar Wochen getrennt. Ich war fertig mit ihm. Die Zuneigung war gekippt in Abscheu, wenn nicht Hass. Weniger für das, was er mir da eingebrockt hatte -das auch- vielmehr für sein Lachen, seine fühllosen und hässlichen Sprüche, als er mich im Krankenhaus besuchte, und auf den Schlot des Krematoriums zeigte.
Das Singen von It´s all over now Baby Blue, war noch das Harmloseste, was von diesem Kretin zu hören war. Zur Verstärkung hatte er seinen Freund Orhan, mitgebracht, und zusammen standen sie am Fenster und winkten dem hellen Rauch zu, der aus dem Schornstein aufstieg.
Jämmerliche Würstchen, die sich nicht einen dummen Witz entgehen lassen.
Ich war fertig mit ihm, und mit allen anderen auch.
Im Krankenhaus hatte man mich gefressen.
Die Schwestern machten einen Bogen um mich, und der Stationsarzt beantwortete meine Fragen nur mit Ja oder Nein. Jeder ließ mich spüren, was er von mir hielt. Katholiken halt.
Nach dem Erwachen aus der Narkose war ich in ein Durchgangssyndrom gefallen, und hatte die gesamte Belegschaft auf´s Übelste beschimpft.
Diese war von Anfang an nicht glücklich darüber gewesen, mich aufnehmen zu müssen, aber die Beziehungen zwischen meiner Mutter und dem Oberarzt, ihrem früheren Vorgesetzten, waren stärker als der Wille des Pflegepersonals, und so stand dieser ganze Alptraum unter einem noch schlechteren Stern.
Die Idee mich zu einer Frau mit ihrem Neugeborenen zu legen, war geradezu bösartig, und ging natürlich gründlich daneben.
Nachdem ich nämlich meine narkosebedingte Psychose halbwegs überwunden hatte und nicht mehr am Schreien und Fantasieren war, fragte mich die glückliche Mutter nach dem Grund meines Aufenthaltes im Hospital zum Heiligen Geist. Meine Antwort bewog sie, sich in ein anderes Zimmer verlegen zu lassen.
An ihrer Stelle bekam ich eine alte Dame mit Zyste als Bettnachbarin.
Sie war sehr nett, und tröstete mich, wenn ich weinte, und das tat ich ziemlich oft, weil mir alles, wirklich alles weh tat und ich mich fühlte, als hätte man mir die Haut vom Leib gezogen, und die Gedärme mit heißem Öl gefüllt.
Zu allem Überfluss, räumte meine Mutter in meiner Abwesenheit mein Zimmer auf, was nichts anderes als eine gründliche Durchsuchung bedeutete. Dabei entdeckte sie ein paar Klamotten, die ich mir hier und da zusammen geklaut hatte, und an denen noch die Preisschilder hingen.
Teuerstes Zeug aus der Goethestraße. Zuhause erwartete mich also auch jede Menge Ärger, wie mir mein Bruder bei seinem Besuch in der Klinik erzählte.

An all das erinnere ich mich, als ich The Cure höre.  Und jetzt, 2 Jahre später, stehe ich vor dem Haus von Jans Bruder. Rolf. Auch er ein Arschloch übrigens, der die Geburt des behinderten Kindes einer Freundin mit den Worten „Kann man das nicht tot machen?“ kommentierte.
Apfel. Stamm. Drecksäcke.
An dem Tag, als Jan mich am Eingang der Schule abfing, und mit dem missgünstigen Blick eines Blockwartes den Schal um meinen Hals registrierte, kam er zu mir rüber, zog mit einem unerwarteten Griff das Tuch beiseite, und rotzte mir den gesamten Inhalt seines Nasennebenhöhlenraumes ins Gesicht.
Als ich daran denke, steigt der alte Hass wieder in mir auf, und ich wünsche ihm einen qualvollen und langsamen Tod.

Musik zum Text: Them/ Van Morrison, It´s All Over Now, Baby Blue

8 Kommentare zu “Fortsetzung

    • Danke, Kormoran!
      Die Geschichte spielt in Frankfurt, und das Fazit ist nicht, dass Männer und Frauen Arschlöcher sind.
      Hatte das Pech an besonders bescheuerete Exemplare zu geraten, und noch nicht zu wissen, was ich mit meinem Leben machen will.

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  1. Ein Text wie ein Rausch. Fängt harmlos an und steigert sich zum Exzess. Zuletzt der Kater. Unvermeidlich, wie so oft bei dir. Mitgelitten. Mitgefiebert. Und ich schaue noch minutenlang ins Leere und lasse die Worte nachwirken. Könnte jetzt einen Whisky vertragen.

    Danke.

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