Propaganda, oder Hitler war blond

In den letzten Tagen fällt mir derartig viel ein, worüber ich schreiben möchte, dass jeder begonnene Text schon gleich vom nächsten überholt wird, dem dann alsbald ein weiterer dazwischen grätscht.

Am Abgrund

(Photo credit: binaryCoco)

Lauter Fragmente, von denen ich ahne, dass ich sie nie beenden werde.
Macht nix. Das Leben läuft vorwärts.
Wenn ich nicht schreibe, und sonst auch nichts zu tun habe, lese ich in befreundeten Blogs, entdecke diesen oder jenen Trüffel, kommentiere hier und da, und freue mich mal wieder, dass Qype von Yelp übernommen wurde, denn sonst würde ich vermutlich noch immer dort rumhängen, Texte schreiben, die da nicht hingehören, und hoffen, dass sie nicht gleich wieder von den Moderatoren gelöscht werden.
Hier bin ich meine eigene Moderatorin, und das ist schön.
Füße hochlegen, in die Tasten klimpern, an- und abschalten nach Gusto.
In der nächsten Zeit werde ich sogar noch mehr online sein, weil der Unterfranke für ein paar Wochen, irgendwo an der Nordsee auf 87 Meter Höhe, in den Seilen hängt.  Und weil außerdem der richtige Winter naht.
Weniger Auslauf für Töle, mehr Zeit für mich.
Sogar Schnee ist für die kommenden Tage angesagt.
Orkan Xaver, an dessen Entstehung und mutmaßlicher Wirkkraft sich jetzt schon alle, mit sich überschlagender Stimme aufgeilen, soll ihn bringen. Auch eine Sturmflut, die jene von 1962 übertrifft, steht möglicherweise in Aussicht.
Dieser Voraussage schenke ich allerdings wenig Glauben, denn der Sender, der solches behauptet, ist nicht einmal in der Lage das aktuelle Berlin-Wetter zu benennen.
Gestern Morgen, bei azurblauem Himmel und schönstem Sonnenschein, äußert die Sprecherin ihr Bedauern darüber, dass der Hochnebel sich leider den ganzen Tag nicht auflösen wird und auch für die nächsten Tage nicht mit einer Besserung zu rechnen ist.
Wo sitzen die denn? Senden die inzwischen aus Brandenburg, weil die Mieten der Stadt selbst für einen Rundfunksender nicht mehr bezahlbar sind?
Und schicken die dann Drohnen los, die über irgendeinem Industrieschlot hängen bleiben, und von dort Aufnahmen an die Redaktion senden, aus denen diese dann das hiesige Wetter ableitet?
So muss es sein, denn anders lassen sich die wiederkehrenden Unwahrheiten über unser Wetter gar nicht erklären.
Das Erstaunliche: die Leute glauben das.
Mit Scheuklappen hocken sie im Büro, lassen sich das Hirn wegdudeln, und jammern am Ende des Tages nicht über ihre Arbeitsbedingungen, darüber dass die Deutsche Bank die Referenzzinssätze manipuliert hat, nicht über das Freihandelsabkommen, NSA, SPD oder andere Katastrophen, sondern über das liebe Wetter. Es muss einen Schuldigen geben. Einen, dem man machtlos gegenüber steht, dem man sich unterordnen kann, und über den man trotzdem straffrei fluchen darf.
Das Wetter, Flüchtlinge und Arme sind als Hassobjekt immer bestens geeignet.

Dem gleichen Typus Mensch, gelingt es, sich mit Selfies und Duckface, die Illusion einer glücklichen Gegenwart zu konstruieren, auf die er bereits wenige Stunden später melancholisch zurückblicken wird, weil sonst nichts passiert in seinem Leben. Ein geschlossenes System aus unwichtigen Momenten.

Lakeside selfies (and duckface)

Lakeside selfies (and duckface) (Photo credit: Chris Gansen)

Sollen sie doch.
Der Spaß hört dann auf, wenn derlei Selbstporträts (klick!) an der Berliner Holocaust-Gedenkstätte entstehen, und mit fancy #Hashtags versehen in den sozialen Netzwerken landen.
Hatten diese Leute eigentlich Eltern, die sie bei ihrer Menschwerdung unterstützt und mit ein paar grundsätzlichen Werten auf den Weg geschickt haben?
Gibt es überhaupt irgendetwas, woran sie glauben, wovor sie Respekt haben, und was sie anstreben, außer Klamotten, Apple-Produkten und ein paar schalen Lachern auf Kosten Schwächerer?
Sollten bei diesen Hirnfunzeln irgendwann einmal Zweifel daran aufkommen, dass alles, außer dem verfluchten Wetter, und den Scheißflüchtlingen, die in unser Sozialsystem einfallen, ganz in Ordnung ist, dann drehen sie die Musik einfach ein bisschen lauter und suchen nach der nächsten Zerstreuung, die sie als Paravent vor den eisigen Abgrund des gleichgültigen Universums, und vor ihre eigene unterentwickelte Seele stellen.

Shoppen zum Beispiel. Gedankenlos, gierig, bulimisch.

Und alles, was sie tun halten sie fest. Jeden Einkauf, jeden Drink, jeden Kuss.
Auf Bildern, die sie ins Netz stellen, die sie teilen, die von anderen geliked werden, deren exhibitionistische Nabelschau man zurück liked.
Sie haben nichts zu verbergen. Ganz im Gegenteil. Ihre Zeigefreudigkeit kennt keine Grenzen. Selbst in der S-Bahn lassen sie beim Schluss-machen via Telefon, jeden an ihrer Freiheit teilhaben. Wenn der Busfahrer auf die Fresse kriegt, filmen sie mit. Die Demütigung eines Mitschülers wird aufgenommen und verbreitet, wenn einer stirbt, halten sie drauf.
Wieso sollte ihnen die NSA-Affäre wehtun? Vielleicht läuft ihnen, ganz im Gegenteil, sogar ein kleiner Schauer den Rücken herunter, bei der Vorstellung, dass gänzlich unbekannte Menschen alles mitlesen und -hören, was sie an Banalitäten in die Luft blasen.

Das ist genau die Sorte Mensch, die auch glauben würde, dass Hitler blond, Goebbels groß und Göring schlank war, wenn man es ihnen nur oft genug vorbetete.
Kritiklos, dumm und gefährlich.

Guten Abend.

19 Kommentare zu “Propaganda, oder Hitler war blond

  1. Es gibt durchaus andere junge Menschen. Menschen die sich z.B. mit 18 für ein Jahr verpflichten in einem indischen Waisenhaus zu arbeiten oder welche die beim Studieren alle Hintergründe erforschen.
    Klar früher standen die Jungen in der S-Bahn auf, wenn ältere Leute einen Sitzplatz suchten. Politisch werden sie auch noch aufwachen 2013 zeigte das in vielen Ländern.

    Gefällt mir

    • Es gibt andere, zum Glück.
      Mir ging es hier um die kritiklosen Herdentiere, die unpolitisch sind, und nur nach dem Lustprinzip leben.Und von denen gibt es leider sehr viele.
      Soviele, dass ich immer überrascht bin, wenn ich jemandem begegne, der reflektiert, verantwortungsbewusst und gesellschaftskritisch durchs Leben gehen.
      Dazu müssen sie nicht mal ein freiwilliges soziales Jahr leisten. Ich freue mich über jeden Punk auf der Straße, und über jeden U20, den ich auf einer Demo treffe.

      Gefällt mir

  2. Das erinnert mich an einen Text, den ich nie geschrieben habe. Im Dokumentarfilm KZ sagt einer, der die Gedenkstätte Mauthausen besucht: „I really enjoyed to be here and I want to go to Auschwitz next“. Das sollte der Titel meines Aufsatzes sein… vielleicht schreibe ich den auch mal irgendwann. Diese Selfies, meine Güte, wie fürchterlich. Es ist dieser Mangel an Empathie, das Fehlen von Phantasie… die hauen einen immer wieder um. Ich teile deine Fragen… was treibt Menschen um, denen das Menschsein dermaßen abhanden gekommen ist? Sie tun mir eher leid, als dass ich Wut verspüre.

    Gefällt mir

    • Schreib diesen Text, unbedingt!
      Ja, es ist der Mangel an Empathie und der Herdentrieb, der diese Menschen so gefährlich macht.
      Mir tun sie dabei nur ein klitzekleiens bisschen Leid, weil sie so verloren sind.
      Sie machen mir vor allem Angst.

      Gefällt mir

  3. „Hatten diese Leute eigentlich Eltern, die sie bei ihrer Menschwerdung unterstützt […] haben“ – herrlicher Satz in einem guten und berechtigten Artikel. Aber es gibt auch, wie Kormoran richtig bemerkt, die anderen, die vielleicht nicht so auffallen, weil sie eben genau so nicht sind.

    Gefällt mir

    • Danke!
      Auf jeden Fall gibt es die anderen auch. ich kenne auch welche, und das gibt Grund zur Hoffnung.
      Aber bei jeder S-bahn fahrt, oder an einem x-beliebigen Tag an der Holocaust-Gedenkstätte, begegne ich diesen Duckbrains, die mich sprachlos machen.

      Gefällt mir

  4. „Hatten diese Leute eigentlich Eltern, die sie bei ihrer Menschwerdung unterstützt und mit ein paar grundsätzlichen Werten auf den Weg geschickt haben?“ – gut gebrüllt, Löwe! Auch ich weiß, dass es zum Glück doch auch andere gibt. Durch meine „Arbeit“ im Großelterndienst versuche ich, bei der Wertevermittlung ein wenig mitzuhelfen.
    Aber heute ist das Wetter in Lichterfelde wirklich nicht so, dass ich es lobend erwähnen könnte. Muss ich auch nicht, schließlich ist November.

    Gefällt mir

    • Heute war das Wetter tatsächlich nicht schön. Der eisige Wind!

      Wenn ein Kind eine Familie mit Großeltern und Eltern haben, die es gemeinsam aus dem Hafen ins Leben lotsen, dann sollten gefestigte und soziale Menschen dabei herauskommen, und keine empathielosen Egozentriker, die ihren Mitmenschen keinerlei Liebe oder Zuneigung entgegen bringen können.
      Ich weiß, dass es sie gibt, und ich kenne auch welche. Zum Glück.

      Gefällt mir

  5. Zum Thema:

    „Und alles, was sie tun halten sie fest. Jeden Einkauf, jeden Drink, jeden Kuss.
    Auf Bildern, die sie ins Netz stellen, die sie teilen, die von anderen geliked werden,
    deren exhibitionistische Nabelschau man zurück liked.“

    hier das vorbildliche Beispiel eines gewissen Klaus aus Neukölln:

    bit.ly/IUJzB8

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s