[ˈætɪˌtjuːd], oder Die Invasion der Zombies

Ein milder Novembertag. Leichter Regen fisselt aus lichtgrauen Himmel.
Es ist 16 Uhr, wir laufen nach Friedrichshain.
Auf der Warschauer Brücke das übliche, geschäftige Treiben. Menschenmassen schieben sich über den Gehweg, der voller Scherben ist.
Von der S-Bahn weg. Zur S-Bahn hin.
Niemand ist hier über fünfzig, so wie auch in den angrenzenden Bezirken kaum noch jemand zu wohnen scheint, der auf die Rente zugeht.
Ein Typ, Anfang zwanzig, mit stoppligem Schädel und reichlich Piercings im Gesicht, sitzt im Schneidersitz vor den Verkaufsbuden, die den Weg zur S-Bahn säumen. Seine Augen sind auffallend blau, um die Lippen spielt ein freundlich-ironischer Zug.
I need money to fix my timemachine and go back to the 70´
steht auf dem aufgeweichten Stück Karton, das vor ihm liegt.
Unsere Blicke treffen sich, als ich ihm 2 Euro gebe, und er schenkt mir ein kleines, entwaffnendes Verführerlächeln. Ich muss lachen.
Hinter der Brücke steht einer der vielen Fotoautomaten für schwarz-weiß Bilder. Auch die Geräte stammen aus den 70ern und erfreuen sich großer Beliebtheit.
So, wie alles, was shabby, vintage retro oder oldschool ist.
Wer will schon in unserer Zeit leben.
Inzwischen erzielen sogar die Humana-Läden, in denen die Erträge aus der Altkleidersammlung verkauft werden, gute Umsätze. Wer auf der Individualitätswelle mitreiten möchte, stattet sich dort mit sämtlichem Zubehör für den Trümmerfrauenlook, oder die Hauptstadtattitude [ˈætɪˌtjuːd] aus. iPhones als Abzeichen der Uniform, gehören ebenso dazu wie Wollmützen (beanies).
Hinter der Warschauer Brücke biegen wir in die Revaler Straße ein, und bewegen uns im Schatten der Mauer des RAW-Geländes Richtung Osten.
Der Regen ist stärker geworden, so dass wir unseren Weg schweigend und mit gesenktem Blick fortsetzen. Jede in ihre eigenen Gedanken versunken.
Der Hund trottet ergeben neben mir her.
Ich frage mich, wann sie anfangen werden den östlichen Zipfel des RAW, dieser letzten großen (71.000 qm) Industriebrache, mit den zahllosen, teilweise unter Denkmalschutz stehenden, Backsteinschuppen des alten Reichsbahnausbesserungswerkes, zu bebauen.
Die Pläne der deutschen Investorengruppe liegen bereits vor.
Eigentumswohnungen natürlich.
Hochpreisig selbstverständlich.
Nichts mehr zu machen.
Logisch.

RAW, FRIEDICHSHAIN, Berlin

RAW, FRIEDICHSHAIN, Berlin (Photo credit: Corscri Daje Tutti! [Cristiano Corsini])

Um die neuen Bewohner vor dem Lärm des Berliner „Technostrichs“ zu schützen, wird gleich neben den Palästen auch noch eine Hütte ein Studentenwohnheim, als Puffer entstehen.
Lustiges Studentenleben.
Auch, wenn die Mietverträge vieler Clubs und Kulturreinrichtungen noch einige Jahre laufen, werden Anwohnerklagen dem Treiben ein verfrühtes Ende setzen.
So wie überall im Neuen Berlin, wird auch hier legitimierte Friedhofsruhe einkehren.
Zusammen mit den Clubs und Konzerthallen, werden der Kinderzirkus, die Töpferwerkstatt, die Skaterhalle, der Flohmarkt, das Badehaus, die Cafés und Restaurants, der Biergarten, sowie das Kulturhaus Astra verschwinden.
Über 60 verschiedene Veranstalter oder Vereine, die heute für Leben hinter der Mauer zur Revaler Straße sorgen, werden sich eine neue Bleibe suchen müssen und keine mehr finden.
Verdrängt von einer sterilen Monokultur besserverdienender Langweiler, die in uninspirierten, glatten Wohnwürfeln ihre Kinder mit anspruchsvollen Hobbies triezen, und frühzeitig zu konsumlobotomierten Zombies heranziehen.

RAW Tempel

RAW Tempel (Photo credit: streunna2)

-Wo kommen eigentlich die ganzen Leute mit Geld her, frage ich mich, als wir am Lovelite, das auch bald Geschichte sein wird, vorbei gehen.
Berliner sind das jedenfalls nicht, denn die sind arm.
Das weiß jeder, und das ist auch gut so.

Wir sind sexy, wir sind scharf, wir sind das heiße Prekariat

Unseretwegen liebt alle Welt diese Stadt, flutet sie mit ihrer Kohle, und spült damit genau das weg, was Berlin so einzigartig macht, und was die Menschen hierher lockt.
Dieses Lebensgefühl lässt sich nicht kaufen. Geld verfälscht und zerstört es schließlich.
Mal wieder ertappe ich mich bei meiner hilflosen Häme.
„Das geschieht denen schön recht, wenn es hier langweilig wird ohne uns“, gehört in eine Kategorie mit dem trotzigen Aufstampfen des machtlosen Kindes:
-Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn ich erstmal tot bin und ihr an meinem Grab weint!
Wir werden nicht mehr hier sein, um uns an ihrer Ödnis zu ergötzen, und sie werden uns nicht vermissen, weil sie schon das nächste Paradies plattmachen, oder in ihrer gated community ein Barbecue mit fein-marmoriertem Fleisch von handmassierten japanischen Rindern veranstalten.
-Ach was, denke ich, solche Leute wohnen woanders. Die kaufen sich gleich ein Penthouse direkt an der Spree. Zum Beispiel in den gerade entstehenden Wohntürmen Max und Moritz (Quadratmeterpreis bis 8000 €).
Das Areal neben der O2-Arena, hat der Bezirk (mit dem grünen Bürgermeister Schulz), erst in diesem Frühjahr an die Wohnkompanie veräußert. (Dass das Wort Kompanie ursprünglich einmal Brot-Genossenschaft bedeutete, darüber sei an dieser Stelle besser geschwiegen.)
Natürlich hätte man auch kleiner, und damit sozialer denken können, indem man weniger große, bezahlbare Grundstücke an Genossenschaften verkauft hätte.
Hat man aber nicht. Wollte man nicht.
Die höchsten Türme im Zentrum der Metropole bleiben dem Geld vorbehalten. Frankfurter Verhältnisse schaffen.

So geht das

Inzwischen ist es dunkel geworden, und wir biegen in die Gärtnerstraße ab.
Die Freundin möchte Wolle bei
Wollen kaufen, doch der Laden hat wegen eines Fotoshootings geschlossen.
Das nächste Mal besser anrufen, ehe wir den weiten Weg vergeblich machen. Klaro.
Ein bisschen verloren tippeln wir jetzt weiter durch den verregneten Südkiez, in dem das Belanglosigkeits-Gewerbe, Spiegel der Verfasstheit unserer Gesellschaft, boomt und blinkt.
Heimelig erleuchtete putzige Lädchen mit Kinderbekleidung (Siebenschön, Dollyrocker), neben lustigen Stofflädchen mit Eulen-, Fuchs-, Pilz- und Eichhörnchenmotiven oder fancy Küchengeschäften. Ultraniedliche Shops mit Nettigkeiten und herzige Mutticafés mit erfrischend witzigen Namen, springen uns von allen Seiten an.

Kinder, Küche, kochen, Café. Die kleine Welt der modernen Großstadtmutter mit Geldhintergrund.

Klassische Eckkneipen, gibt es nicht mehr.
Stattdessen Bars wie Süß war gestern.
Kein Zweifel: Friedrichshain ist der neue Prenzlauer Berg.
Mir wird schlecht von soviel altbackener Bürgerlichkeit im Gewand adulter Kindlichkeit, in der Eltern die besten Kumpel ihrer Kinder sind, und auch gerne mal selbst das BMX-Rad oder die kunterbunten Ringelstrümpfe rausholen.
Mich ekelt vor der schönen Scheinwelt einer Gesellschaft, in der sozialer Zusammenhalt systematisch zerstört wird, und an dessen Stelle der lifestyle-gegelte Hedonismus tritt, in dem allenfalls Liebe für die eigenen Gene Platz hat.
Den Vorschlag der Freundin noch irgendwo im Kiez etwas zu trinken, muss ich leider ablehnen.
Es wird Zeit zurück zu gehen, ins gentrifizierte Kreuzberg.
Auch schlimm, aber wenigstens mein Zuhause.
Auf dem Heimweg werde ich dem Zeitreisenden ein Bier ausgeben.

Musik zum Text:

Cake, Rock`n´Roll Lifestyle

13 Kommentare zu “[ˈætɪˌtjuːd], oder Die Invasion der Zombies

  1. Ich kann sehr, sehr gut verstehen, über was hier geschrieben wird, denn von 1985 bis 2000 habe ich in der Proskauer Straße gewohnt, eine Straße mitten in Friedrichshain und noch so anders als hier beschrieben. Allerdings haben sich die Veränderungen, die durch die Leute mit Geld und für die Leute mit Geld damals schon angedeutet oder sie waren schon fertig, die ersten Lofts mit unbezahlbaren Preisen.
    Da schätze ich dann doch mein langweiliges Lichterfelde, wo nichts weiter passiert, was mich aufregt – außer den kontinuierlichen Mieterhöhungen.
    Ich muss mal wieder hinfahren zum Friedrichshain.

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    • Ja, jetzt kommt die zweite Welle der Annektion.
      Kein Ende in Sicht.
      Lichterfelde wird vielleicht noch eine Weile verschont bleiben.
      Ich wünsche es dir, wobei die Mieterhöhungen, von denen du schriebst, sicher auch eine der Auswirkung der Verdrängung an den Stadtrand sind.

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    • Ne, Wedding, Moabit, selbst Weissensee und Pankow- alles wird vereinnahmt. Aufgefressen.
      Manchmal fahre ich an den Plötzensee und habe das Gefühl, dass ich das alte Berlin dort noch greifen kann.
      Ich hab gerade ein trauriges Blog eines New Yorkers über sein Vanishing New York entdeckt. Dem geht es genau so. Alles wird zerstört.
      Ich vermisse mein altes Berlin,- geht mir wie dir.

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  2. reisst euch gefälligst am riemen! alles verändert sich dauernd! auch berlin! schluss mit dem gejammer & geheule! jetzt kommt geld in die stadt! jawoll!

    so, & jetzt brav zurück in den borgkubus!

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