Loitering with intent

Auf der Partybrücke Berlins, der Admiralbrücke, steht eine
langhaarige rotblonde Frau, mit locker gebundenem Pferdeschwanz und Hotpants.

Die Admiralbrücke

Die Admiralbrücke (Photo credit: Gertrud K.)

Mit vollem Körpereinsatz wäscht sie eine feuerrote Corvette.
Die Umstehenden bilden Grüppchen. Manche blicken aufs Wasser, andere nehmen kleine Schlucke von ihrem Bier, oder wischen, mit Musik im
Ohr, auf ihrem Smartphone herum.
Niemand beachtet sie.
Sie tut das aber auch nicht für Publikum, sondern weil es ihre Aufgabe ist.
Das merke ich schon von Weitem.
Als ich näher komme, erkenne ich, dass die etwa Fünfunddreißigjährige in Wahrheit Lawrence von
Arabien, bzw. Peter O´Toole ist. Einer von beiden, oder beide zugleich. Das spielt keine Rolle.
Ich bin aufgeregt ihn zu sehen, steuere direkt auf sie zu, und spreche sie an.
Sie soll wissen, dass wenigstens ich weiß, wer sie ist.
Auf meine Begrüßung reagiert sie freundlich, aber kurz angebunden.

-Sie sind Lawrence von Arabien!
sage ich ihr im Vertrauen..
-Ja, antwortet sie, und schäumt dabei routiniert die Fahrerseite des Sportwagens mit einem Naturschwamm ein.
-Das weiß hier niemand, verrate ich ihr.
-Macht nichts, ist nicht wichtig.

Ich schaue sie an, und wundere mich, wie gut sie in unserer Zeit zurecht kommt.
Dann erst bemerke ich, dass sie sehr schön ist.
Anmutig und feingliedrig.
Wie die meisten Rothaarigen, hat sie helle Haut.
Ihre Arme und Beine sind schlank, der Körperbau feminin, aber nicht üppig.
Die Füße stecken in weißen Stoffsneakers. Sie hat schlanke Fesseln.
Ihr Gesicht wirkt wie aus einer anderen Zeit, und erinnert mich an die Venus von Botticelli, oder die Schauspielerin Brigitte Hobmeier.

-Sie haben ein schönes Gesicht, sage ich, ganz gefangen von ihrer Erscheinung, und erwarte insgeheim,
dass sie das selbe Kompliment an mich zurück geben wird.
-Ja, ich weiß, aber das ist ohne Belang, entgegnet sie gleichmütig, immer noch völlig in Anspruch genommen von der Reinigung der Corvette.
Noch einmal wiederhole ich das Kompliment. Wortwörtlich, so als habe sie es nicht gehört und bereits beantwortet.
-Sie haben ein sehr schönes Gesicht! Dieses Mal mit etwas mehr Nachdruck.
Sie zuckt nur mit den Schultern.
Ganz offensichtlich ist sie an diesem Gespräch nicht interessiert. Ich störe. Sie hat zu tun.
Es fällt mir schwer zu verstehen, dass sie, beziehungsweise Lawrence von Arabien sich tatsächlich nicht weiter mit mir befassen möchte, wo ich doch die Einzige bin, die ihn erkannt hat.
Stattdessen wäscht er diesen profanen Sportwagen auf einer Kreuzberger Partybrücke, inmitten von unterbelichteten Ignoranten.
Ich schaue ihm noch einen Moment zu und spüre dabei eine große Zuneigung.
Hinzu mischt sich ein leises, flackerndes Begehren, ein inneres Vibrieren. Große Sehnsucht nach Nähe und Komplizenschaft. Verlangen.
Wie ein Stalker, glaube ich in diesem Moment zu wissen, dass wir beide zusammen gehören.
Dass er nur mit mir glücklich werden kann, weil nur ich ihn verstehe.
Sein Innerstes erkenne.
Gleichzeitig muss ich schmerzhaft begreifen, dass jeder weitere Gesprächsversuch unangemessen, aufdringlich, und in Hinblick auf meine Wünsche auch unzuträglich ist.
Enttäuscht und ein wenig gekränkt empfehle ich mich und verlasse die Brücke.
Zum Abschied schenkt Lawrence mir ein schmales, höfliches Lächeln und widmet sich weiter seiner Aufgabe.

Er hat mich nicht erkannt.

6 Kommentare zu “Loitering with intent

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