Into the wild, oder Aktenzeichen xy im Grunewald

Hasbergen Wald im Herbst, Germany

Bei Einbruch der Dunkelheit im Grunewald auf dem Rücken liegend. Den Sand in den Haaren spürend. Den harten Boden unter den Schulterblättern.
Die Räder sind weggerutscht. Weh getan habe ich mir nicht.
Als einziges Geräusch ist ein leises Knacken und Rascheln der fallenden Eicheln zu hören, wie sie bei ihrem vorbestimmten Sturz an querstehenden Ästen und Zweigen abprallen, über Blätter rollen, weiter in die Tiefe taumeln, schließlich mit einem dumpfen Ploppen in das feuchte Laubbett eintauchen und dort versinken.
Töle versucht die Quelle des Knackens auszumachen, spitzt die Ohren und springt suchend umher. Ihr ganzer Körper ist in Habacht-Stellung, jeder Muskel erwartungsstarr.
Ich bleibe auf dem steil abfallenden, verwurzelten Weg liegen und suche im dunklen Grau nach dem allerletzten Tagesrest. Wo ist bloß Westen? Zum Teufelssee muss es noch ein Stück sein, aber wie genau ich dort hin komme, weiß ich nicht.
Das Handy zeigt mir als Standort noch immer Würzburg an. Meine aktuelle Position kennt es, trotz vollen Empfangs, nicht. Dabei habe ich mir das Gerät genau für solche Situationen gekauft, als das mit den Herzrhythmusstörungen anfing.

Ganz offensichtlich haben wir uns verirrt. Bei Dunkelheit sehe ich nicht gut, und im Moment habe ich überhaupt keine Orientierung mehr. Ob es von hier weit ist bis zur Heerstraße?
Angst beschleicht mich. So, wie früher, als ich zwanzig war und nachts mit dem Auto in den Frankfurter Stadtwald fuhr, um dort auf einem Forstweg stehen zu bleiben, das Licht auszuschalten und auf das Nahen des Mörders zu warten. Meine ganz persönliche Aktenzeichen-xy-Geschichte erleben.
Rauchend saß ich hinter dem Lenkrad, das Fenster der Fahrerseite geöffnet, die Türen unverschlossen. Über Rück-und Seitenspiegel behielt ich den Weg hinter mir im Auge, eine Hand immer am Zündschlüssel.

Auf einmal sticht den Hund der Hafer. Er fängt an, wie ein Derwisch um mich herum zu rennen, und dabei zu knurren. Der aufgewirbelte Sand spritzt mir ins Gesicht und in die Augen.
-Hey! ermahne ich sie, bekomme prompt Schmutz in den Mund und rappele mich auf.
Wir müssen weiter.
Als ich gerade Sand und Kiefernnadeln aus meinem Haar schüttele, höre ich etwas:
nahende Schritte hinter der Kuppe, von der ich wenige Meter entfernt bin. Kurz darauf tauchen zwei Läufer auf, die sehr schnell auf uns zu  kommen. Kein Laut von Töle. Ich halte den Atem an.
Der Moment, in dem wir uns in die Augen schauen, wird der Entscheidende sein. So ist es doch immer. Danach weiß man Bescheid.
Unsere Blicke treffen sich, ich versuche möglichst selbstbewusst zu wirken. Dabei habe ich Angst. Niemand weiß wo wir sind, es ist dunkel, ich bin mitten im Grunewald.
Sie könnten jetzt ganz ungestört über mich herfallen, Töle mit einem Tritt außer Gefecht setzen,und uns schließlich beide hier verscharren.
In einigen Monaten würde Rudi Cerne meinen Fall bei Aktenzeichen vorstellen und die Zuschauer um Mithilfe bitten.

Am Morgen des 13. November 2013, machten Spaziergänger im Berliner Grunewald einen grausigen Fund…

Dann kommt eine Rückblende, die mich zeigt, wie ich mich am Telefon fröhlich von einem nahestehenden Menschen verabschiede, und für den darauf folgenden Tag eine Verabredung treffe. Das Ganze gespielt von monoton sprechenden und unbeholfen agierenden Laiendarstellern.

Jaha, ich freue mich auch sehr, wenn wir uns morgen sehen! Küsschen!“, flöte ich ins Telefon.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Am nächsten Tag lief Tikerscherk ihren Mördern direkt in die Arme. Eine Zeugin erinnert sich noch, sie bei Einbruch der Dunkelheit in Richtung Teufelssee abbiegen gesehen, und sich gewundert zu haben, dass sie zu so fortgeschrittener Stunde den steilen und einsamen Pfad ins Waldesinnere nahm.
(Die kopfschüttelnde, mir schulterzuckend nachblickende Zeugin füllt jetzt den Bildschirm).

Die beiden Männer sind völlig verschwitzt. Beide tragen kurze Sporthosen und Trägerhemden. Sie schauen mich an, scheinen für einen Moment unschlüssig zu sein, springen dann über die große Querwurzel, die mir zum Verhängnis wurde, und versuchen auf dem schmalen, steilen Pfad an mir vorbei zu rennen, ohne auf den zahlreichen Eicheln auszurutschen, die dort auf dem Boden liegen.
Als sie ein paar Meter von mir entfernt sind, fordere ich mein Schicksal noch einmal heraus.
-Entschuldigung
, rufe ich ihnen hinterher, ist es noch weit bis zur nächsten Straße?
Sie bleiben stehen und drehen sich um.
Nein. 200 Meter hinter der Kuppe, kommt ein breiter Weg. Den musst du nach rechts gehen, dann kommt  die Straße.
Nachdem ich mich bedankt habe,  laufen sie, mit einem kurzen Blick auf die Uhr, weiter.
Ich habe ihre Zeit versaut.

Tatsächlich sind wir wenige Minuten später endlich wieder auf einem breiten, ebenen Weg, der uns bald darauf zum S-Bahnhof Grunewald führt.
In der Bahn dann, schaue ich hinaus in die Dunkelheit und fühle mich heimelig behütet.
Wie in einem, in flackerndes Licht getauchten, Kaminzimmer.
Ich sehe den Flammen zu, wie sie gierig die trockenen Holzscheite entlang, nach oben züngeln, um sie knisternd und zischend zu skelettieren und schließlich in lichtgraue Asche zu verwandeln.

12 Kommentare zu “Into the wild, oder Aktenzeichen xy im Grunewald

  1. Ein wirklich gelungener Spannungsbogen! Guter Thrill kommt zum Glück auch ohne echten Mord aus, weil er sich im Kopf abspielt. In diesem Sinne finde ich auch den Schluss ganz toll: wie die Flammen die trockenen Holzscheite skelettieren und sie in lichtgraue Asche verwandeln, das ist ein Bild, das knistert und zischt noch eine Weile weiter in meinem Kopf.

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