Blut

Ich bin zur Blutspende geladen, die in einem fensterlosen, schiefergrau gefliesten Kabuff im Labyrinth des Berliner Hauptbahnhofes stattfindet.
Ein besondererer Termin: die Blutspendestation ist eigens für mich eingerichtet worden.
Es ist sehr früh am Morgen, ich bin müde, wie erschlagen und mir ist flau.
Die einzige anwesende Person ist eine Ärztin in deren Kittel unzählige, rote und blaue Kugelschreiber stecken.
Sie lässt mich auf einer Liege Platz nehmen und den Arm frei machen.
Dann nimmt sie eine sehr feine Schmetterlingsbraunüle zur Hand und sticht mir in die Armbeuge.
Als kein Blut fließen will, wechselt sie die Nadel und sticht erneut zu. Dieses Mal in die einzig sichtbare Ader auf dem linken Handrücken.
Was sich nun Weg aus meinem Körper bahnt ist eine deckweiss-zähe, mit rotbraunen Schlieren durchsetzte Paste.
Das ist der Weizenkleber, sagt die Ärztin halb mahnend, halb vorwurfsvoll, und beobachtet, wie sich mein Blut träge durch den dünnen Schlauch in Richtung Röhrchen bewegt.

From left to right: erythrocyte, thrombocyte, ...

Als ich vorschlage das Ganze abzubrechen, weil das Blut ohnehin nicht zu gebrauchen sei, winkt sie blicklos ab.
In diesem Moment fällt mir der Grund für meine knochenschwere Erschöpfung ein: ich habe gestern getrunken und bin noch voll mit Schnaps. Vielleicht rührt die farbliche Abweichung meines Blutes daher? (Weizenkleber?)
Ich frage mich, ob ich die Ärztin darüber informieren sollte, schäme mich aber so sehr, dass ich schweige.
Wieso habe ich mich eigentlich vor einem so wichtigen Termin derartig volllaufen lassen?
Seit wann trinke ich überhaupt Schnaps? Gab es einen Anlass? War ich allein? Ich weiß es nicht mehr.
Was, wenn jemandem mein Blut transfundiert wird, der an einer Lebererkrankung leidet. Würde sich das schon bei der geringen Menge negativ für ihn auswirken?
Und wenn der Empfänger gar trockener Alkoholiker ist? Könnte die Blutkonserve ihn dann wieder rückfällig machen?
Andererseits kann ich mir unmöglich vorstellen, dass sie meine krankhafte Paste überhaupt in irgendjemanden hinein drücken wird.
Ein Wunder, dass mein Körper damit klar kommt.
Ich schweige über meinen Zustand.
Als sie fertig ist, zieht sie die Nadel aus meinem Arm, schüttelt die 2 vollen Röhrchen wie ein Barkeeper, und wendet sich desinteressiert von mir ab.
Eine Weile noch stehe ich da, und verlasse dann ohne Abschied und Gruß den neonerleuchteten, kleinen Raum.
Als ich aus der Türe trete, wartet dort bereits ein klapperdürres, totenblasses Männchen auf Einlass.
(Ich dachte, ich wäre die Einzige, die heute Blut spendet.)
Er schaut an mir vorbei, als er durch die Türe geht.
Von Skrupeln geplagt verlasse ich den Bahnhof und gehe hinunter ans Ufer der Spree.

6 Kommentare zu “Blut

    • Ist wahrscheinlich weniger abstrakt, als es scheint: ich habe am Vortag des Traumes ein Essen mit Seitan, der aus Weizenkleber hergestellt wird, gekocht.
      Das männchen und die Situation sind mir ein Rätsel.

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  1. Träume sind oft so rätselhaft, aber immer spannend. Interessant, welche Filme uns unser Gehirn zeigt und immer suchen wir nach einem Grund, einer tieferen Bedeutung. Manchmal liegen Zusammenhänge auf der Hand, manchmal scheinen wir nur Blödsinn zu träumen….. Und manchmal sind sie so real, dass man meint, das Einstichloch zu sehen…. LG, Conny

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    • Das hast du schön geschrieben.
      Am eindrücklichsten war mir das dürre, blasse Männchen, das da draußen bereits wartete. Wenn jeder Mensch, der im Traum erscheint tatsächlich ein Anteil von uns ist, dann frage ich mich, welcher Teil das sein soll.

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