H

Ehe M. von meinem Onkel beerdigt wurde, nahm er Drogen.
Jahrelang.
Weiche, psychedelische. Harte.
Am Ende war er auf H.

Früher war er einfach athletisch und gutaussehend und schien ein netter, wenn auch etwas überdrehter Kerl zu sein, der sich in den gleichen Läden herumtrieb wie ich, der oft nach New York reiste, behauptete bisexuell zu sein, und der mir mit seiner, den Frauen zugewandten Seite hinterher stieg.
Ohne Verabredung, trafen wir uns fast jeden Samstag, gemeinsam mit vielen anderen, die man aus dem Nachtleben kannte, am Eisernen Steg in Frankfurt. Eine lose Gruppe.
Flohmarkt.
Ich habe ein deutliches Bild im Kopf:  wir beide in der prallen Sonne, vor der Maaschanz, einem düsteren Bierlokal mit Stammgästen, das heute zwar noch den gleichen Namen trägt, inzwischen aber, mit Küchenchef und entsprechenden Preisen auf die anspruchsvollere Klientel setzt.

Essen wie Gott in Frankreich

Wir stehen nebeneinander, unterhalten uns, flirten unverbindlich und beobachten den Menschenstrom, der sich den Schaumainkai entlang über den Flohmarkt schiebt.
M. hat, wie meist, die Arme verschränkt (um seinen Bizeps noch besser zur Geltung zu bringen), und hippelt auf den Beinen hin und her, als müsste er dringend pinkeln. Immer nervös.
Schöne Augen hat er. Rehbraun, mit schweren, großen Lidern. Der Italiener.
An einem dieser staubigen Flohmarkt-Nachmittage lädt er mich zu einer Party ein, die am Abend auf dem Lerchesberg, dem Millionärsviertel, stattfinden soll.
Woher er solche Leute kennt?
-Alles cool. Das sind okaye Leute. Lass mal hingehen. Aber komm nicht so spät, geht um acht los.
Ich verspreche nichts, ziehe mir aber am Abend ein schwarzes Kleid an und fahre zu der angegebenen Adresse.
Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um eine Hochhaussiedlung am Sachsenhäuser Berg. Von wegen nobel.
Es ist ein Samstagabend im Hochsommer, die Hitze des Tages steht noch zwischen den weißen Wohnsilos, der Himmel ist tiefblau.
Technicolor
Gleich aus mehreren Wohnungen dringt der Gesang von Cabaret an mein Ohr.
Im Erdgeschoss bläht sich eine Gardine aus dem Fenster. Kein Lüftchen bewegt sie. Dahinter flimmert der Fernseher.

Willkommen, bienvenue, welcome!
Fremder, etranger, stranger.

Ich klingele. M.s Stimme an der Gegensprechanlage. Der Türsummer geht, ich nehme den Lift in die elfte Etage. M. öffnet die Tür, lächelt mich merkwürdig verschmitzt an und macht eine kleine Verbeugung.

-Komm doch rein!

Ich betrete den Flur. Ein orangefarbenes Telefon ist gleich neben den Eingang an die Wand montiert, ein Einbauschrank mit weißlackierten Lamellentüren in die Wand eingelassen. Es ist still.

-Noch niemand da?, frage ich.
-Nein, aber die kommen gleich.

Komische Party.
M. führt mich durch den winzigen Flur in ein Zimmer; das Einzige in dieser Wohnung. Der ca. 40 qm große Raum ist fast leer.
Eine Matratze liegt vor der offenen Balkontüre, ein Klavier steht an der linken Wand. Davor ein Holzschemel. Auf dem Klavier liegen dicke bunte Straßenkreiden. Links daneben befindet sich eine Art Tresen zur offenen  Küche. Fast mitten im Raum eine massive, eckige Betonsäule, die dem Zimmer einen industriellen Anstrich verleiht.

-Willst du was trinken?
-Ja gerne, ein Bier.
-Gibt nur Champagner.
-Dann halt Champagner.

M. geht zur Küchenzeile und öffnet die Flasche, während ich auf den Balkon hinaustrete und über die Stadt blicke.
Solange ich nicht direkt nach unten schaue geht es.
Ein paar Minuten stehe ich alleine da draußen, atme und freue mich, dass ich am Leben bin.
Die Luft ist weich, mein Körper fühlt sich gut an.
Ich bin schön, alles liegt noch vor mir.

The future is unwritten

Der Korken knallt.
Gluck, gluck, gluck.
M. kommt mit zwei Gläsern auf den Balkon. Zusammen nippen wir am Schampus.
Er kann die Stille nicht ertragen, quasselt ohne Punkt und Komma, ist überdreht und hippelig.
Ich zünde mir eine Zigarette an.

Rose and champagne

Komm, ich zeig dir was, sagt er dann und wir gehen zurück ins Zimmer, wo er sich suchend umschaut, sich dann unvermittelt ans Klavier setzt und in die Tasten haut.
Von oben nach unten und zurück. Mit voller Wucht. Ohne Sinn und Verstand. Wie entfesselt.
Sein Spiel begeistert ihn selbst so sehr, dass es ihn vom Schemel hochreisst, und er im Stehen weiter auf das Instrument eindrischt.
Was ist denn mit dem los, wundere ich mich, als er plötzlich zur Zimmertür rennt, sie blitzschnell zuzieht und abschließt. Den Schlüssel steckt er in seine Hosentasche.
-Was soll das denn? frage ich ihn genervt, aber er antwortet nicht, schaut mich nicht einmal an. Stattdessen hämmert er weiter,  inzwischen mit geballten Fäusten, auf den Tasten herum. Seine Beine bewegen sich unkoordiniert zu dem Klanginferno. Ich schaue hilflos zu.
So plötzlich wie er angefangen hat, hört er auch wieder auf.

Klavier

-Ich möchte dich zeichnen, sagt er, zieh dich aus.
Ey M., das geht echt zu weit. Ich  gehe jetzt.

Davon kann aber gar nicht die Rede sein.
M. zuckt mit den Schultern, greift nach einer der Kreiden auf dem Klavier, und beginnt mit weit ausholenden Bewegungen großflächig die Wand vollzukritzeln. Seine Beine tanzen weiter dazu, wie die eines Boxers im Sparring.
Von Zeit zu Zeit schaut er zu mir herüber, ganz so als würde er mich tatsächlich porträtieren.

Glücklich zu sehen, je suis enchante,
Happy to see you, bleibe, reste, stay.

Das geht eine ganze Weile so. Ich schaue ihm zu. Ratlos stehe ich im Raum herum, bis ich mich irgendwann auf die Matratze setze.
M. performt weiter.
Ich überlegte, wie ich am schnellsten wieder hier rauskommen könnte.
Ob ich nicht besser auf den Balkon gehen und in die ausgestorbene Betonschlucht hinunter rufen sollte? Nur was? Er hat mir ja bis jetzt gar nichts getan.
Bestimmt fragen mich die Bullen dann, wieso ich überhaupt alleine hierher gekommen bin. Im Kleid. Schnapsidee. Party, aha?
Angst habe ich zu dem Zeitpunkt überhaupt keine, und dem Genervtsein mischt sich ein unbestimmtes Gefühl der Sensationslust bei, das mich selbst überrascht.
Außerdem mag ich ihn ja, den M. Wir kennen uns doch. Er wird mir nichts tun.
Ich muss einfach cool bleiben. Vielleicht kommt ja doch noch jemand.
Um wieder ein bisschen Normalität herzustellen, und meinen Gleichmut zu demonstrieren, versuche ich ein belangloses Gespräch.
In wessen Wohnung wir sind, und ob er keinen Ärger befürchtet, wenn er die Wände so vollsaut, frage ich ihn.

-Das gibt keinen Ärger, antwortet er atemlos, und malt unter Einsatz beider Arme unermüdlich weiter. Ihm ist alles egal.
Nach ein paar Minuten, die mir sehr lange vorkommen, hat er fertig getanzt.
Die Wand ist kindergartenbunt, eine dünne Schicht Kreidestaub hat sich auf den schwarzen Lack des Klavieres gelegt.
Jetzt setzt M. sich zu mir, strahlt mich begeistert an und trinkt in großen Schlucken ohne den Blick von mir zu lassen.

Can´t take my eyes off you

Als ich am nächsten Morgen erwache habe ich einen Filmriss.
Meine Erinnerung endet dort, wo er sich zu mir setzt. Der Rest ist weg. M. liegt neben mir und schläft. Er ist vollkommen nackt. Sein Körper ist glatt und schön.
Immerhin bin ich bekleidet. Sogar die Schuhe habe ich noch an.
Das beruhigt mich.
Als ich aufstehen will erwacht er, hält mich am Arm fest, und fragt mich wo ich hin möchte.

Nein, nach Hause könne ich jetzt noch nicht. Erst müsse ich noch baden.
Jeder Versuch ihm diese Idee auszutreiben scheitert. Ich habe das Gefühl, dass ein falscher Satz die Situation zum Kippen bringen könnte.
Wenigstens kann ich ihn überreden alleine baden zu dürfen.

Er geleitet mich ins fensterlose, dunkelgrün geflieste Bad, kippt ein bisschen Litamin in die Wanne und dreht den Hahn voll auf. Dann lässt er mich allein im dampfigen Grün .

Sanft umgibt dich weicher Schaum, und mehr Pflege spürst du auch

Ich schließe ab und hänge ein Handtuch vor das Schlüsselloch. Eine ganze Weile lang starre ich in den Spiegel, bis er vollkommen beschlagen ist. Natürlich werde ich nicht baden.
Um ihn nicht zu verärgern, und meine Freilassung nicht weiter zu verzögern, plätschere ich ein bisschen mit den Füßen im Wasser herum, und tauche die Hände solange hinein, bis sie schrumpelig sind.
Am Schluss benetze ich Gesicht und Haaransatz und öffne meinen Zopf.
Als ich rauskomme steht er, immer noch nackt, in dem kleinen Flur und scheint sich zu freuen mich so zu sehen. Entspannt lacht er mich an.
Ohne Vorankündigung schnellt sein Arm plötzlich nach links, landet auf der Türklinke,  und zu meiner Überraschung öffnet er die Wohnungstür. Einfach so.
Mit der gleichen Verbeugung, mit der er mich am Vorabend empfangen hat, weist er mir nun den Weg nach draußen.
Ohne meine Zigaretten, die Schuhe in der Hand, verlasse ich die Wohnung.

Es war sehr schön mit dir, sagt er, als ich gehe und schließt, kaum, dass ich über die Schwelle getreten bin, die Türe hinter mir.

Ich nehme den Aufzug und zwinge mich, nicht nach oben zu schauen, als ich aus dem Haus trete.

Ein paar Jahre später wird er genau hier, beim Versuch vom Nachbarbalkon aus die Wohnung zu erreichen, den Tod finden.

Das letzte Mal, das ich ihn gesehen hatte, versuchte er erfolglos seine Jacke auf einen Kleiderhaken bei Wiener Wald zu hängen.

10 grams of no.3 heroin

Als Begleitmusik: http://www.youtube.com/watch?v=d7R7q1lSZfs

13 Kommentare zu “H

  1. Deine Geschichte geht mir durch Mark und Bein. Das tun Geschichten, die sich um Drogen ranken immer, aber selten sind sie so getragen von einer Melodie. Für mich hast Du einen Ton getroffen, der womöglich gar nicht so leicht zu finden war.

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    • Ich habe versucht zu beschreiben, das Geschehene aus meiner Perspektive abzufilmen, ohne explizit zu werten.
      Dass du eine Melodie in dem Text erkennst ist ein schönes Kompliment.

      Es gab einen Moment, wo ich zur Polizei gehen wollte, aber dann tat er mir leid.
      Er konnte ja selbst nichts dafür.
      Drogen sind nicht grundsätzlich schlecht, solange man damit umgehen kann.
      Gift und Dosis, wie bei allem.

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  2. :-) Na ja… aber bis auf weiteres »Gegner« – da muß ich jetzt erst mal gegenanstinken. Gar nicht so einfach: Ich lese gerade »Der Gang vor die Hunde« von Erich Kästner (das ist die „extendet“ Version von Fabian). Das ist so wunderbar, daß ich ganz betroffen bin ob meiner eigenen Unzuläglichkeit und grundglücklich, daß es so etwas wunderbar Geschriebenes gibt.

    Das war jetzt ein Literaturtip – etwas, was man in der schreibenden Zunft niemals machen sollte.

    Feudi di San Giorgio Taurasi. Il Falcone. Geheimrat J,

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