Te Recuerdo Amanda

Auf Deutschlandradio läuft Víctor Jara.
Gleich mit 3 Liedern erinnert man an den chilenischen Sänger, der vor 40 Jahren, als Anhänger Allendes und der Unidad Popular, von Pinochets Schergen gefoltert und ermordet wurde.
Erst seit 2012, werden die dafür verantwortlichen Offiziere per Haftbefehl gesucht.

La vida es eterna en cinco minutos

Meine Gedanken kreisen um das was war. Bilder aus der Vergangenheit tauchen wie gestochen scharfe Fotografien vor meinem inneren Auge auf.
So, wie die Herbstsonne jedes Detail näher heranholt und schlaglichtartig ausleuchtet, so sind die alten Tage in den letzten Wochen wieder greifbar.
Mit einer Deutlichkeit, in der ich sie vielleicht nicht einmal damals erlebt habe. Steckte ich doch mitten drin in der dicken, undurchsichtigen Suppe meiner Jugend.

Eiserner Steg in Frankfurt am Main

Frankfurt war der Schauplatz.
Frankfurt war die Stadt in der die Kaufhäuser brannten und in der Adorno gelehrt hatte.
In Frankfurt stand ich jeden Samstag am Eisernen Steg, umwabert vom Gestank des, im Brückenkopf befindlichen, öffentlichen Pissoirs.
Von dort beobachtete ich das Treiben auf dem Flohmarkt.
In den Pissegestank mischte sich der Geruch von Bier, Räucherstäbchen, dem Naphtalin von Mottenkugeln, Patchouli- und Vanilleöl. Muff.
Kahlgeschorene, in Rot gewandete Hare Krishnas defilierten singend und trommelnd das Mainufer auf und ab.
Wir kifften, tranken Bier und klauten Lederjacken.
Ohne Helm rasten wir mit dem Motorrad durch die Stadt, immer auf der Jagd nach unserem Schatten.

Hare hare, rama rama

Unsere Abende verbrachten wir im Elfer oder in der Batschkapp. Öfters im Theater am Turm, im Cookies oder dem Morrison.
Manchmal auch im fabelhaften Sinkkasten, oder im Höhenkoller, die es inzwischen beide nicht mehr gibt.
Wir besuchten Konzerte und für die ganz großen fälschten wir Eintrittskarten. Trotz unseres Dilettantismus wurden wir niemals erwischt. Man hätte glauben können, dass jemand in dieser Zeit seine schützende Hand über mich hielt.

Lou Reed, The Cure, Dinosaur Jr.

Mit T. betrank ich mich im Dr. Feelgood, einer Eckkneipe auf der Berger Straße, wo er anschreiben lassen konnte. Zu Monatsbeginn, wenn die Stütze kam, zahlte er zuerst die Miete und beglich dann seine Trinkschulden. Von dem was übrig blieb kaufte er sich ein paar Platten.
T. liebte Jimmy Hendrix.
In seiner Wohnung hingen schwarz-weiß Poster mit nackten, gefesselten Frauen von deren Haut Sperma tropfte. Ich bin  nicht sicher, ob er, oder sein ewig stinkender Mitbewohner sie angepint hatte.
T. jedenfalls schienen sie überhaupt nicht zu interessieren.
Von Bondage war nie die Rede, und auch sonst war er, abgesehen von seinem Alkoholismus, ein bodenständiger Typ, dessen Berufswunsch das Betreiben einer Ziegenkäsefarm in Frankreich war.
Ziegen mochten wir beide.
Kennen gelernt hatten wir uns beim Trampen.
Ich hatte den vollkommen Betrunkenen vor der Batschkapp aufgelesen und nach Hause gebracht. Im Auto, vor seiner Haustüre versuchte er mich zu küssen, was ich  abwehren konnte.
Am nächsten Tag rief ich ihn unter der Nummer, die er mir beim Aussteigen in die Staubschicht auf meinem Auto gemalt hatte an. Die nächsten Monate verbrachten wir zusammen.
Im Haus schräg gegenüber von T. wohnten Terroristen. Sie flogen auf, als sich beim Reinigen einer Pistole ein Schuss löste.
Gerne hätten wir sie kennen gelernt. Wir träumten davon jemanden zu entführen und viel Lösegeld zu erpressen. Ehrensache, dass wir niemandem ein Haar gekrümmt hätten.

Baader-Meinhoff fanden wir grundsätzlich gut, das Töten allerdings erschien mir unnötig.
Erschrecken, erpressen und bedrohen musste doch reichen.
Eine Zeit lang überlegte ich, ob ich nicht meinen Großvater für eine Entführung zur Verfügung stellen sollte. Immerhin war er Bankdirektor und verpfeifen würde er uns später ganz sicher nicht.
Die Idee war uns durch die gründlich missglückte Entführung Pontos gekommen.
Extreme Antriebsarmut und unsere allumfassende pazifistische Grundhaltung liess uns den halbgaren Plan jedoch bald verwerfen.

Let´s drink to the hard-working people

Mein Großvater zog nach Pontos Tod in die Schweiz, wo er sich sicherer fühlte.
In seinen letzten Jahren besuchte er heimlich das Casino und verpulverte dort seine Kohle, bis ihm meine Großmutter auf die Schliche kam.
Wahrscheinlich hätte er an einer richtigen Räuber-und-Gendarm-Posse seine helle Freude gehabt. Solange das Essen gut war.
Ich mochte ihn sehr, den alten Genießer.

An manchen Wochenenden fuhren wir in den Taunus, flackten uns auf eine Wiese und erlebten die stadtnahe Natur im psychedelischen Vollrausch.
Einer hatte seine trächtige Hündin dabei. Zum ersten und bis heute letzten Mal erlebte ich die Geburt von Tierkindern.

English: Puppies in a bin.

Es war großartig. Unglaublich und zugleich so selbstverständlich.
Alle Anwesenden fühlten sich durch dieses gemeinsame Erlebnis zutiefst verbunden.

Liebe, Liebe, Liebe, hing über dem Wald von Oberursel.

Erst am nächsten Tag, nachdem wir wieder halbwegs bei Sinnen waren, fuhren wir, zusammen mit 8 Hundewelpen zurück in die Stadt.
Das Auto meiner Eltern war nach dem Ausflug ziemlich ramponiert. Die Benzinwanne war bei nächtlicher Geländefahrt eingedrückt worden, eine Zierleiste abgerissen und die Beifahrerseite verkratzt. Ich staune bis heute, wie entspannt mein Vater meinen Lebensstil ertrug und mir stets zugewandt und mit stoischem Gleichmut begegnete. Manchmal allerdings rief er mir gute Ratschläge oder Gefahrenwarnungen hinterher, wenn ich das Haus verließ.
Irgendwann musste ich ein paar Termine bei einer Psychologin von der Drogenberatung wahrnehmen. Eine nette Frau, mit altmodisch hochgesteckten Haaren, die am Stock ging, einen Klumpfuss hatte und hautfarbene, orthopädische Lederschuhe trug. Wir quatschten über dies und das, bis ich keine Lust mehr hatte mein schillerndes Leben in düsteren Farben zu malen.
Auf dem Nachhauseweg kaufte ich in der Taunusanlage Cannabis. In der B-Ebene der U-Bahn dann sah ich zum ersten Mal einen Toten. Er hatte die Nadel noch im Arm. Den letzten Termin bei der Psychologin schwänzte ich. Sie rief bei meinen Eltern an, was außer halbherziger Schelte folgenlos blieb.
Ängstlich und besorgt wurde mein Vater übrigens erst, als die schlimmsten Zeiten überstanden waren.

Der Reiter und der Bodensee

Studieren wollten wir nie. Lieber reisen und frei sein.
Vielleicht Fremdsprachenkorrespondentin werden.
Am besten learning by doing.
Sprache als Tor zur Welt.
Auf jeden Fall alles mitnehmen. Drogen, Sex, Musik.

Ian Dury

Bemerkenswert, dass wir fast alle noch die Kurve gekriegt haben.

English: mushrooms Deutsch: Pilze

Ein paar allerdings gingen als Drogentote in die Statistik ein.
Einen von ihnen hat mein Onkel, der Pfarrer beerdigt.

Frankfurt musste ich dann irgendwann verlassen.
Ich suchte mein Glück, erst in die Enge der unterfränkischen Metropole, dann in dem Häusermeer der Hauptstadt. Nach Frankfurt zieht es mich inzwischen wieder gewaltig.
Dort leben noch immer Vater und Schwester.

Die Schwester hat gerade Geburtstag und zu diesem Anlass bin ich in den ICE gestiegen, um den Tag mit ihr zu begehen. Viele ihrer alten Freunde waren zu Besuch.
Manche hatte ich seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen.
Allen scheint es gut zu gehen.
Die Hunde waren, wie immer, dabei.

Aber das ist eine andere Geschichte.

8 Kommentare zu “Te Recuerdo Amanda

  1. Wilde Zeiten! Bei mir ging es in der Jugend wesentlich zahmer zu, bin ja auch auf dem Land aufgewachsen. Jetzt verstehe ich, dass dir Frankfurt als geeignete Alternative zu Berlin erscheint, tikerscherk! ;-)

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    • ; )
      Frankfurt hat sich durch die Banken sehr verändert.
      Es ist nicht mehr die Stadt, die ich verlassen habe.
      Aber ich mag die Leute dort.
      Berlin ist heute wahrscheinlich das wildere Pflaster, aber meine nteressen haben sich, nun ja, verlagert.

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