Kilgore

Vor einem Jahr starb meine Katze. Die Katze.
Sechzehn Jahre lebte sie bei mir. Unsere erste Begegnung, als sie eine Kaffetasse umwarf, die sich auf meinen Schoß ergoß, sich vor mich auf den Tisch stellte und mir mit ihrer kehlig-vorwurfsvollen Orientalenstimme ins Gesicht quäkte, war der Beginn einer ganz besonderen und innigen Beziehung.
Ja, man kann Tiere lieben. Sie können vertraut werden wie Freunde. Komplizen.
Kilgore war die anmutigste Katze, die ich je sah. Sie stand mir so nah wie keine. Wo ich war, da war sie auch. Keine Nacht, ohne, dass sie in mein Bett kam und sich in meinen Arm legte während ich schlief.
Wenn ich erwachte, lag sie Wange an Wange mit mir und schnurrte ganz leise. Mit 15 erkrankte sie an Schilddrüsenüberfunktion, wenig später wurde sie niereninsuffizient.
Die letzten 6 Monate ihres Lebens fütterte ich sie 6 Mal täglich mit der Flasche, weil sie keine Nahrung mehr zu sich nahm. Ihr Kranksein bestimmte meinen Tagesablauf. Die Umstände ihres Todes möchte ich hier nicht genauer erläutern. Es war schlimm.
Der 26. Juli des vergangenen Jahres war ein heisser Tag. So, wie heute.
Mittags hatte sie noch draußen in der Sonne gesessen, Nachmittags war sie tot.
Ich packte eine Flasche Rotwein ein und schleppte mich benommen und bleischwer zur Karl-Marx-Allee. Dort gab es ein Bestattungssinstitut für Tiere. Ich bat um ihre Abholung. Eine Woche später sollte sie kremiert und ihre Asche in einem Rosengarten verstreut werden.
Als ich das Institut verlassen hatte, setzte ich mich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Schatten, weinte und trank Wein, bis mir schlecht war, und mein Kopf weh tat.
Bei dm am Alexanderplatz kaufte ich ein Grablicht und eine lavendelfarbene Kerze. Denn das war die Farbe ihres Fells. Lavendel.
Im flackernden Schein der Kerze saß ich abends mit Freunden, und erzählte, wie sie zu mir gekommen war.
Das Grablicht hatte ich im Freien aufgestellt. Dort, wo sie mittags noch gelegen hatte.
Beim Einschlafen fühlte ich mich völlig zerstört, fiel dann aber in einen tiefen kurzen Schlaf, aus dem mich sehr früh am nächsten Morgen, es wurde gerade hell, das Vibrieren des Mobiltelefons zurück in die karstige Ödnis holte. Der Platz neben mir war leer.
Ein besonders wertvoller Mensch in meinem Leben hatte mir eine MMS geschickt. Rosafarbene Schäfchenwolken am Berliner Sommerhimmel, eben gerade für mich fotografiert.
Kilgore wäre an diesem Tag 16 Jahre alt geworden.
In der kalten Jahreszeit war ich immer wieder froh, dass ich sie hatte einäschern lassen.
Alles starb und zersetzte sich. Sie aber ruhte schon.
Die lavendelfarbene Kerze habe ich noch.
Heute Abend werde ich sie noch ein Mal anzünden.

SAMSUNG

6 Kommentare zu “Kilgore

  1. Schluck.
    Ich glaub, ich muß jetzt grad mal schauen, wo unsere Katzen sind und sie in den Arm nehmen.

    („Tierliebe“ ist so ein peinliches Wort irgendwie. Ich kann es kaum aussprechen. Aber fühlen.)

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  2. Ob Katze oder Mensch, wenn sich der Tod ein geliebtes Lebewesen holt, ja, dann hinterlässt er wahrlich eine karstige Ödnis. Aber ich finde so schön, dass Du die lavendelfarbene Kerze noch hast und heute noch einmal anzünden wirst.

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  3. Me pone triste tu historia. Yo quiero mucho a los animales, tengo perros y me crié en el campo con caballos.
    Hay una historia del escritor Pablo Coelho, un escritor de Brasil que habla de un hombre su caballo y su perro…
    ¿Quieres que te la envié?
    Un saludo para ti, yo pude hoy oler el perfume a lavanda, aquí con tus letras…
    Carlos

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  4. Ich kann sehr mitfühlen beim Lesen Deines Textes. Meine knapp 19jährige Katze ist Anfang des Jahres gestorben. Die Trauer um ein geliebtes Tier unterscheidet sich für mich nicht von der um einen geliebten Menschen…

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