Automatisch

Immer wieder ärgere ich mich über die unfreundlichen Damen, die in meiner Postfiliale übellaunig ihren Dienst verrichten.
Bei der Abholung eines 28 kg schweren Paketes mit Katzenfutter, beispielsweise, wurde mir, als ich darum bat die posteigene Sackkarre für den Transport zum Auto leihen zu dürfen, kaltschnäuzig erklärt, ich solle eben im Supermarkt einkaufen und nicht im Internet bestellen, dann hätte ich solche Probleme nicht. Nein, die Karre könne man mir, auch gegen Pfand, keinesfalls ausleihen.
Dann lasse ich das Paket halt hier stehen. Ganz einfach.
Plötzlich ging´s.
An manchen Tagen habe ich aber einfach keine Kraft, für jeden Mist soviel Anlauf nehmen, und derartig viel Energie vergeuden zu müssen. Außerdem gefalle ich mir schmallippig nicht. Bitterkeit frisst sich auf Dauer in die Gesichtszüge, und die kann man nicht überfärben (Tipp: ÖPNV nutzen und staunen)

Deutsch: DHL Packstation der etwas groesseren ...

DHL Packstation. (Photo credit: Wikipedia)

Die Lösung des Postproblems ist die Nutzung einer Packstation, dachte ich.
Nur noch bei der Abholung von Einschreiben müsste ich mich dann den Launen der misanthropischen Rothaarigen aussetzen.
Morgenluft!
Nach Erhalt der online beantragten goldenen DHL-Karte, marschiere ich mit 2 Paketen unter dem Arm die Wrangelstraße entlang, Richtung Skalitzer Straße. Vorbei an der Long March Canteen, vorbei an Lidl und vorbei an Mc Donalds mit dem gut besuchten Mc Café.
Kreuzberg, was ist aus dir geworden?
Vor der Postfiliale wenigstens lungern noch die immer gleichen Punks mit ihren Hunden herum. Sie sitzen im Kreis auf dem Boden, trinken das ewige Sternburger und beobachten das Straßenleben im Schatten der alten Platanen und des Viaduktes der U-Bahn, der die Skalitzer Straße der Länge nach teilt. Gleich hinter dem Eingang befindet sich linkerhand die Packstation, die ich bislang nie wahrgenommen hatte, weil sie sich lückenlos in die gelben Postfachreihen einfügt.
Automaten zu bedienen macht mir grundsätzlich Spaß. Egal ob sie Zigaretten, Kondome, Schwangerschaftstests, Süßigkeiten, Fahrkarten, oder Getränke ausspucken. Es ist immer toll, wenn was rauskommt.
Eine Packstation ist aber etwas Besonderes. Sie gibt nicht nur Pakete aus, sie nimmt auch welche in Empfang.
Bin gespannt, wie das funktioniert. Werden meine Pakete  in die vorgesehenen Fächer passen? Wird der Automat mir mit dem gleichen Menschenhass, wie die Dame von der Post begegnen, und mir am Ende nicht nur keinen Beleg ausdrucken, sondern auch noch Töle verschlingen, die unbemerkt in ein bodentief gelegenes Paketfach gekrochen ist, um irgendwelche Krümel aufzulecken, um dann verklappt, verschickt und für immer vermisst zu werden?
Ein Bildschirm fordert mich auf ihn zu berühren, eine Auswahl zu treffen (Paket versenden), im Anschluss die DHL-Karte in den Schlitz zu schieben und schließlich die PIN einzugeben.
Ob ich Sendungen frankieren möchte?  Nein, sind schon.
Als nächstes muß die Sendung vor ein entsprechendes Fenster halten und dort scannen lassen.
Ich warte darauf, dass ich gefragt werde, wie groß das Paket ist, und ob ich ein kleines, mittleres oder großes Fach benötige.
Doch soweit kommt es nicht. Das Display meiner Packstation lässt mich wissen, dass leider alle Fächer belegt sind.
Das hat der Automat eben erst gemerkt? Wieso dann zuerst das PIN- und Frankiergehabe?
Frustriert schnappe ich meine Pakete, atme ein und betrete die Schalterhalle der Post.
Ich bin früh dran, es ist kein Zahltag, und so ist es heute ziemlich leer hier. Wenigstens das.
Am Tresen steht, mit verschränkten Armen, die Rothaarige und wirft ihren Reptilienblick in die Runde.
Neben ihr eine kaugummi-kauende Kollegin.
Ich reihe mich in die Schlange ein. Es geht zügig voran.
Dieses Mal habe ich Glück, und erwische die Kaugummifrau, die mich nicht anschaut, mir die Pakete abnimmt, meine Belege in die Hand drückt und mich schnell loswerden will.
Auf meine Frage, was mit der Packstation los sei, erhellt sich ihr Gesicht, und sie antwortet sichtlich zufrieden. Die Leute holten ihre Pakete nicht ab, und die Fächer seien deswegen immer belegt. So einfach ist das.

Bundesarchiv Bild 183-60958-0001, Berlin, Post...

Bundesarchiv Bild 183-60958-0001, Berlin, Postamt O 17, Paketentladung (Photo credit: Wikipedia)

Tja, was will die Maschine machen, wenn der gemeine Kreuzberger nicht mitspielt.
Töle und ich verlassen die Post, und machen uns auf den Weg Richtung Alex.
In der Annenstraße kommen wir an der nächsten Packstation bei der Kaiser´s-Filiale vorbei, und ich sehe
zufällig, wie eine Frau dort ein kleines Paket entnimmt.
Hier ist Mitte, denke ich. Da holt man seine Päckchen ab.
Ich beschließe in Zukunft gleich hierher zu kommen. Allerdings, so gebe ich mir selbst zu bedenken, würden im Falle, dass auch hier die Fächer voll sein sollten, nicht einmal die mürrischen Damen der deutschen Post zur Verfügung stehen, und ich müsste mein Paket weiter mit mir herumschleppen, was lästig wäre.
Ich bin unentschlossen.
Nur einen Tag später erhalte ich eine Email von Dirk Sebastian (Marketing DHL Marktkommunikation), überschrieben mit: Ihre Packstation vermisst Sie
Wollen die mich foppen? Gestern der Paket-Ärger, heute diese Mail?
Geduldig wird mir der ganze Ablauf des Versendens noch einmal haarklein erläutert. (Der Grund meiner Pack-Abstinenz muss in der Unfähigkeit Automaten zu bedienen begründet liegen)
Die öffnungszeiten-unabhängige Verschickung sowie die geringeren Portokosten sollen mich von den Vorteilen der Packstation überzeugen.

Deutsch: Arbeitslose (Gemälde, Öl auf Leinwand...

Deutsch: Arbeitslose (Gemälde, Öl auf Leinwand, 1930) (Photo credit: Wikipedia)

Klar, denke ich, euch geht es gar nicht schnell genug eure Leute zu entlassen, und schon tut mir die Rothaarige, die ihre Kundschaft tagein, tagaus triezt, wieder leid.
Will ich das hier im Gentrifizierungskiez mitverantworten?
Nein, das will ich nicht.
Ich werde meiner Postfiliale die Treue halten, und den Kotztüten Damen hinter dem Tresen fortan mit dem guten Gefühl begegnen, dass ich es Ihnen, trotz ihrer Defizite im sozialen Bereich ermögliche, sich weiter auf dem ersten Arbeitsmarkt austoben zu dürfen.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

15 Kommentare zu “Automatisch

  1. Tja, die Packstation. Meistens klappt das ja ganz gut, aber Ich hatte damit ja auch schon so meine ernüchternden Erlebnisse. Trotz allem immer noch besser, als bei den übellaunigen Damen in der Filiale anzustehen, die gelegentlich die Warteschlange mit scheinbar zehnminütigen Verkaufsgesprächen beim Erwerb einer Briefmarke so verlängern, dass sie bis auf die Straße reicht.

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  2. ach schön, das ende versöhnt mich. ich kann das nämlich gar nicht leiden, wenn maschinen menschenarbeiten übernehmen, ich meine solche, die nicht schwere körperliche oder gesundheitsgefährdende arbeit bedeuten, du weißt schon. allerdings kann ich den fluchtreflex vor dieser frau durchaus verstehen. hab ich ein glück mit meiner kleinen post in der provinz ;-)

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  3. Schöne Geschichte! ;-) Und es tut gut, all die vertrauten Straßennamen mal wieder zu lesen. Und das Wort „Töle“. Hier in der süddeutschen Provinz weiß kein Mensch, was eine „Töle“ ist. Deswegen heißt unser Hündchen „Hündchen“. Dafür können wir aber Pakete jedweder Größe einfach dem freundlichen Briefträger mit auf den Weg geben, der uns vormittags die Post bringt und immer Zeit für einen nichtssagenden, aber fröhlichen Plausch hat. Auch nicht übel.

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    • Die süddeutsche Freundlichkeit geht mir hier ab.
      Ein fröhlicher Plausch mit dem Briefträger- fantastisch!
      In der Provinz wollte ich trotzdem nicht leben, bin mit Stadtluft groß geworden, aber Berlin muss es auch nicht auf ewig sein.
      Töle heisst im richtigen Leben nicht Töle. Das ist nur ihr Deckname im Blog.
      Hündchen gefällt mir.

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      • Naja, ich hab ja nun auch die ersten 25 Jahre meines Lebens die Berliner Luft Duftrichtung „Nasser Asphalt“ eingesogen (ich LIEBE den Geruch von nassem Berliner Asphalt, der fehlt hier sehr), aber trotzdem – oder gerade deswegen – genieße ich das Provinzleben derzeit durchaus. Entweder Berlin-Stadtmitte oder winziges Dorf in der Pampa – irgendwas dazwischen geht gar nicht.

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        • Eine Berlinerin! Ich wohne nur einen Steinwurf von Mitte entfernt, also genau dein Ding :)
          Mich zieht es wieder Richtung Rhein-Main. Werde mir aber keine Wohnung dort leisten können.
          So muss ich hier bleiben, und ab und zu auf´s Land, oder in südlichere Städte fahren.

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  4. Ein gelungener Schlusssatz..:-) – Ich wusste gar nicht, dass es solche Packstationen gibt. Nur die unfreundlichen Damen hinter hohen Tresen finden sich auch in der allertiefsten Provinz. Sie werden mich jedoch nicht davon abbringen, meine Besorgungen am liebsten analog zu verrichten.

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    • Ich bleib ihnen treu,den Damen,Dasssie inder Provinz auch sounfreundlich sind hätte ich nicht gedacht.
      Meine Vermutung war,dass die Anonymität der Großstadt solche Reptilien hervorbringt.

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