Calvin Klein Underwear

Ich habe mich entschlossen mir einen BH zu kaufen. Einen ganz bestimmten, schon lange ausgewählten.
Bei meinem letzten Aufenthalt in Frankfurt habe ich ihn entdeckt, war aber in Eile, und konnte mich auch irgendwie nicht durchringen bei Calvin Klein einzukaufen. Zum einen, weil Label, zum anderen, weil ausgerechnet dieses Label. Aber schön war er doch und in Berlin würde ich ihn sicher auch irgendwo bekommen. Am besten natürlich in einer Ecke, wo mich niemand kennt.

English: Calvin Klein underwear.

Leider befindet sich der nächste Laden mit Calvin Klein Unterwäsche (Underwear) in der Friedrichstraße. Der Meile für Berlin-Touristen, die sich, statt johlend Flaschen zu zertrümmern, aufs skrupellose Turbo-Label-Shopping verlegt haben. Immerhin machen sie keinen Lärm dabei, und pinkeln und reihern nicht in fremde Treppenhäuser.
Trotz meiner ausgeprägten Abneigung gegen die Friedrichstraße und insbesondere gegen Calvin Klein *, muss ich jetzt einen Ausflug in diese gottverlassene Ecke Berlins machen.
Wie eng Schönheit und Leid doch miteinander verknüpft sind.

*(Wer erinnerte sich nicht an die Zeiten, als Männer tiefsitzende Hosen trugen, über deren Rand die breiten Gummibünde blütenweißer Herrenunterhosen über den Rand der tiefsitzenden Beinbekleidung ragten. Darauf, in voller Breite, der immer gleiche Schriftzug: CALVIN KLEIN.
Der Genuss zügelloser Promiskuität, die Gier nach neuen Körpern und die Suche nach unbekanntem Terrain, bekamen durch die ständige Wiederkehr ein und desselben Namens eine schale, und zugleich paradoxe Note. Welche Gefühle müssen erst die Tochter Calvin Kleins übermannt haben, wenn sie mit markenbewussten Verehrern das Lager teilte, die sich keuchend aus der Underwear mit dem Namen ihres Vaters schälten?)

Obwohl es brütend heiß ist, beschließe ich, einen ausgedehnten Spaziergang mit Töle zu machen, und auf dem Weg zur Friedrichstraße beim Schloßplatz vorbei zu schauen.
Früher stand hier der Palast der Republik, der trotz  internationaler Proteste, auf Beschluss des Bundestages, zwischen 2006 und 2008 abgerissen bzw. rückgebaut wurde. Ein Akt voller Symbolkraft.

Ich mochte den Kasten mit seinen orange schillernden Scheiben, in denen sich die umliegenden Prachtbauten spiegelten. Das Areal, auf dem in naher Zukunft das Stadtschloss (Humboldt-Forum) stehen soll, um so zu altem Größenwahn zurück zu kehren, ist wieder eingezäunt und zahllose Kräne, Bagger und anderes schweres Gerät arbeiten an der Vollendung  Germanias, des nächsten Großprojektes.
Hat diese Stadt keine andere Sorgen? Gibt es nicht schon genügend Baustellen, und welcher Berliner, außer unserem Monarchen und seinem Gefolge, möchte dieses Schloß eigentlich haben? Ich kenne keinen.
Letztes Jahr gab es hier noch die riesige Schloßwiese, auf der Töle ausgelassen Haken schlagen konnte, während ich mich an den Lattenzaun lehnte, der den Platz zur Spree hin begrenzte. Von dort beobachtete ich die frisbeespielenden Grüppchen oder betrachtete den rußgeschwärzten Berliner Dom, der sich auf dem nördlichen Teil der Museumsinsel erhebt. Beschallt von Lautsprechern der vorbei schippernden Touristenschiffe, deren weitgereiste Gäste mit allerlei  Anekdötchen aus dem Nähkästchen der Berliner Geschichte berieselt werden, saß ich hier und freute mich an der grünen Insel inmitten der Steinwüste. Sie bot einen großartigen Blick auf die umliegenden Gebäude und war dem Dom ein angemessener Vorplatz.
Vorbei, vorbei.
Noch viel mehr Steine werden jetzt aufeinander geschichtet, in dieser Stadt, in der selbst ein gänzlich florafreier Uferabschnitt neben dem Kanzleramt zur Geschützten Grünanlage erklärt wird, was letztlich nichts anderes bedeutet, als eine Ausweitung der Verbotszonen.

Es ist heiß. Zu heiß um unterwegs zu sein. Entschieden zu heiß um unpraktisches Frauenzubehör zu kaufen. Vor der Musikschule Hans Eisler bleibe ich stehen, und biete dem Hund Wasser an. Sie trinkt, legt sich hechelnd neben mich und blinzelt in die Sonne, die flimmernd über der grün patinierten Kuppel der St. Hedwig Kathedrale im Süden steht.
Es ist bereits früher Abend und noch immer über 30 ° C warm.
Wir verlassen diesen Ort und quälen uns durch die mörderische Hitze in Richtung Friedrichstraße. Unter den Linden ist es laut, unerträglich voll und stickig. Die Luft ist zum Schneiden dick. Weil im vorletzten Jahr ein großer Teil der namensgebenden Bäume abgeholzt wurde, fehlt nun deren kühlender Schatten. Zwischen Gehweg und Straße stehen jetzt bunte Bretterzäune mit Berlin-Motiven. Hinter diesem Sichtschutz ist der Asphalt aufgerissen, und der Bau der fehlenden U-Bahn-Stationen zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof ist in vollem Gange.

Eine osteuropäische Combo versucht mit hinreißender Klezmermusik gegen den Lärm, den Staub und  gegen die blicklose Hast der kaufwütigen Passanten anzuspielen. Trotz des Klanges der jubelnden Klarinette treibt es auch mich weiter. Der endlose Strom der Touristen drängt mich fort und schiebt uns schließlich über den Boulevard zum Haus der Schweiz.
Das Ziel ist erreicht. In den kühlen Arkadengängen des in den 30er Jahren errichteten Gebäudes, befindet sich die Filiale von Calvin Klein Underwear. Die Herrentorsi im Schaufenster tragen hautenge, unnatürlich prall gefüllte Slips. Der Laden ist angenehm kühl, überschaubar und schlicht. Das Gesuchte auf den ersten Blick zu sehen. Die muttchenhafte Verkäuferin eilt mir geschäftig zur Hilfe. Während sie mich berät, sehe ich, dass Töle, die eben noch ausgestreckt auf dem Steinboden lag, ihre Fußknöchel ableckt.
Die Frau bleibt vollkommen gelassen, winkt lässig ab,  als ich den Hund ermahne, und bietet mir einen Napf Wasser für Töle an. Danke nein, sie hatte gerade. Ich bezahle, und werde freundlich zur Tür geleitet.

Wir treten wieder hinaus in die staubige Hitze des Abends und fädeln uns in den dampfenden Menschenstrom ein, der uns Richtung Osten schiebt.
Hinter dem Auswärtigen Amt biege ich in die schattige Unterwasserstraße ein, hole einen Hauch von Spitze aus dem verräterischen Papiertütchen und stecke ihn schnell in meine Hosentasche.

7 Kommentare zu “Calvin Klein Underwear

  1. Ich teile deine Abneigung gegen die Friedrichstraße, auch ohne je im CK-Laden gewesen sein, um Unterhosen mit großen Lettern zu kaufen. Ich wusste bislang gar nicht, dass ein solcher Laden gerade im Haus der Schweiz ist.

    Gefällt mir

  2. Es muss was d’ran sein an diesem Hauch von Spitze – etwas, das die 11 GROSSBUCHSTABEN wohl übertreffen dürfte – wenn ich Deine Odyssee so auf mich wirken lasse. Die geneigte Leserschaft wird wohl kaum erfahren, wann er wieder aus der Deckung kommt..;-)

    Gefällt mir

  3. Pingback: ups | neuköllner botschaft

  4. Lese deinen alten Beitrag mit gemischten Gefühlen. Nicht nur weil es eine andere Stadt ist, die du beschreibst, nicht nur, weil ich jetzt weiß, welche Torturen Frauen bereit sind auf sich zu nehmen, für etwas, was man nicht sieht, sondern auch wegen der damals noch zu solchen Touren fähigen Töle. Seufz

    Gefällt 1 Person

  5. Ach, das Tölchen. Damals schien sie noch unzerstörbar. Jetzt ist sie ein schwacher aber doch immerhin meist noch sehr fröhlicher Hund.
    Ich freu mich, dass Du diesen Text ausgekramt hast. Was so alles in den Tiefen der Blogs schlummert…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s