Berliner Luft. Ein Kiez-Spaziergang.

English: Berlin, Kreuzberg, Paul-Lincke-Ufer (...

Weltberühmt und viel interpretiert ist Paul Linckes Gassenhauer über die Berliner Luft.
Abgefüllt in bunte Dosen, kann die legendäre Duftmischung der Stadt inzwischen bei ausgewählten Touristenfachgeschäften erworben werden.
Lincke  selbst war insbesondere von  Kreuzberg Südost, der ehemaligen Luisenstadt, inspiriert, denn hier verbrachte er den größten Teil seines Lebens.
Ein besonders schöner Abschnitt des Landwehrkanals wurde nach ihm benannt.
Der dicht bewachsene, sandige Uferweg vor herrschaftlichen Gründerzeitbauten lädt zum Spazieren oder Verweilen ein. Im Herbst und Winter ist man hier fast für sich, und kann den Schwänen hinterher schauen, die in schweigenden Gruppen zum Urbanhafen gleiten und ihre stolzen Köpfe, mit wachsamen Augen, auf langen, geschwungenen Hälsen durch das dunkle Nass tragen.
Im Frühling dann erglimmt hier das erste zarte Grün der Trauerweiden. Bald blühen auch die Forsythien und der Ranunkelstrauch, derweil im Plänterwald ein würzig riechender Bärlauchteppich den Boden bedeckt.
Der Lenz sorgt zudem für das gewisse Etwas in der Berliner Luft. Den ganz besonderen Duft. Denn kaum schmilzt in der Hauptstadt der Hunde das Eis, da fängt auch das mitaufgetaute Hundekacke-Konvolut barbarisch zu stinken an. Dazu gesellt sich noch das Odeur von Staub, Pisse, verkippten Spirituosen und manchmal auch von Halbverdautem.
Cannabisschwaden wabern durch die Luft, begleitet von Tabakrauch und der Strenge ungewaschener Männerachseln.  Stark geschminkte Teenies, die in verschämt kichernden Grüppchen durch den Kiez streifen, ziehen Wolken billigen Parfums hinter sich her. Viel hilft viel. Zielgruppe der Lockstoffe sind die, ebenfalls stark überdieselten, gegelten und aufgepumpten Jungs,  die o-beinig, mit Rasierklingen unter den Armen um den Block stolzieren, und sich in Scheinkämpfen durch die Gegend schubsen, sobald sie Witterung aufgenommen haben.
Wenn es dann richtig heiß wird, fängt auch noch der bedächtig fließende Landwehrkanal an faulig-brackig zu stinken.
Schlimmer ist es nur im Herbst in der Tabor- und der Großbeerenstraße, in denen vor vielen Jahren Ginkgo Biloba Bäume gepflanzt wurden. Die nuss-ähnlichen Samenanlagen der weiblichen Ginkgos fallen im Oktober zu Boden und verströmen einen widerwärtigen und durchdringend-säuerlichen  Geruch, wie frisch Erbrochenes.
Der Baum des Jahrtausends stinkt zum Steinerweichen.

Ganz anders die Linde.
Mein erster Sommer in Berlin ist, in verklärter Erinnerung, durchdrungen von ihrem betörendem Duft. Eines Tages, Christo hatte den Reichstag verhüllt und die Love-Parade-Trucks durften zum letzten Mal über den Ku´damm rollen, sind wir irgendwo an der Spree unterwegs. Die Uferwiesen voller Menschen. Es ist sehr heiß. Drückende Schwüle hängt über der Stadt.
Wir trinken, aus Frankfurt importierten,  Apfelwein und haben bald derartig einen sitzen, dass ich, ohne auf nahende Boote zu achten, beherzt von einer Brücke springe um mich im Strom meiner Wahlheimat  zu erfrischen. In voller Montur lande ich in die Spree. Der Fluss stinkt, ist warm und dreckig. Ein Schiffshorn mahnt von weitem und ich schwimme ans Ufer, wo wir in der Nachmittagsglut albern und dösen.
Am Abend, auf dem Heimweg, spazieren wir durch das Brandenburger Tor. Alles juckt. Kleid und Chucks sind schmutzig. Zugerichtet sehe ich aus. Ein leichtes Lüftchen kommt auf, und kühlt die sonnengerötete Haut.

Da rieche ich ihn zum ersten Mal. Den Duft der Lindenblüten. Frisch,  ein wenig wie Waldmeister, zugleich blumigschwer und honigmild. Ich
befinde mich  Unter den Linden.

Lesser Ury: Unter den Linden mit Blick auf das...

Lesser Ury: Unter den Linden mit Blick auf das Brandenburger Tor, 1920er Jahre. Pastell auf Pappe. 49,5 x 35,3 cm (Photo credit: Wikipedia)

Dieses überwältigende, jubelnde Geruchserlebnis ist für mich untrennbar mit Berlin verbunden. Und es stimmte nicht nur mich euphorisch an diesem Juli-Abend und in ungezählten Sommernächten, die noch folgen sollten. Auch Andere hat der Duft der Linde schon zum Schwärmen gebracht.

Gegenüber dem Paul-Lincke-Ufer liegt das Maybachufer.  Und hier, in direkter Nachbarschaft zur Ankerklause, einem szene- und touristenbeliebten, stilvollen Trinkschuppen, befindet sich eine Anlegestelle der Reederei Riedel.
Sie
sorgt dafür, dass im Sommer, wenn de Ausflugsschiffe  ihre Touren starten, ein öliger Geruch unter dem Blätterdach der Platanen und Ahornbäume hängt.
Aus einem großen Gitter, das in den Gehweg eingelassen ist, riecht es stoßweise nach Gummi, Tunnel, verbrauchter Luft, nach Dunkelheit und Geschichte. Nach der Berliner U-Bahn eben. Ich liebe auch diese Duftsinfonie, obgleich die Frankfurter U-Bahn noch besser und fast ein bißchen wie frisches Bohnerwachs duftet.

Zweimal die Woche ist türkischer Markt am Maybachufer. Dann gesellt sich zur U-Bahn-Note noch die Vielfalt an Gerüchen die so ein Markt hervorbringt.
Vorherrschend riecht es nach reifem Obst, Zitrusfrüchten und türkischer Küche. Nach Gewürzen und nach Gartentomaten. Nach Diesel, Nikotin, Schweiß, Deo, Frittierfett und Schawarma-Buden, ebenso wie nach Mottenkugeln und Stoffballen. Auch das ist Berlin.

Ich besitze ungezählte Parfüms, die ich sammle wie Geschichten, und mir deren Hilfe ich mir die Zeit zu der sie gehören ins Gedächtnis  zurück holen kann. Wenn ich die kostbaren Düfte in den Raum sprühe und mein Gesicht in den langsam herab fallenden Nebel tauche, holt dies vergrabene Erinnerungen zurück. So intensiv, dass ich sie noch einmal durchleben kann.
Nach mehreren solcher Duftschauer allerdings gibt die Nase auf. Nichts geht mehr, alles riecht nun ähnlich. Die Erinnerung verschwimmt in der Gegenwart, deren olfaktorischer Klang Ton für Ton zurückkehrt, eingebettet in all die anderen Geräusche der Großstadt.

Nun verlasse ich das gut besuchte Ufer und gehe mit Töle Richtung Volkspark Hasenheide, wo sie sich die Füße vertreten und Fährte aufnehmen kann. Über den Südstern gelangen wir schließlich zur Markthalle XI am Marheinekeplatz, die neben zahlreichen Lebensmittelständen, auch eine private Kaffeerösterei beherbergt. Hier kaufe ich den besten aller Düfte: frisch geröstete und gemahlene Kaffeebohnen. Ich lasse mir ein Pfund südamerikanischer Bohnen fertig machen, öffne die Tüte und nehme einen tiefen Zug. Aaaahhh!

Life is a gate, a way, a path to Paradise

Die Nase ist wieder offen für das Leben da draußen. Eine Weile noch sitze ich im Schatten der Bäume auf einer Bank vor der Markthalle, lausche den aufgeregten Spatzen und  betrachte die vorbei hastenden oder schlendernden Menschen. Bis die Dunkelheit von Westen violett herein bricht.
Der Hund und ich treten den Heimweg an. Durch die beginnende Nacht. Durch Erinnerungen. Durch Kreuzberg. Über die Admiralbrücke mit dem  romantisch veranlagten Partyvolk. Über den Kotti.
Alle Läden bereits geschlossen. Nur ein paar ausgemergelte Junkies harren noch mit leerem Blick dem nächsten Schuss. Die ersten Nachtschwärmer zieht es zur Oranienstraße, in der einst Konrad Zuse die Z4 erfand.Wir folgen der Hochbahn. 800px-Berlin-kreuzberg_u-bhf-goerlitzer-bahnhof_20051019_324

Am Lausitzer Platz thront die Emmauskirche. Das Glasmosaik über dem Portal zeigt Jesus mit  den beiden Emmaus-Jüngern. Darunter der Spruch

Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

…und der Tag hat sich geneiget, zitiere ich im Geiste dazu.
Als ich den Platz überquere, denke ich an Herrn Lehmanns  legendäre Begegnung mit einem Hund an dessen Westseite. Mit Töle nehme ich nun Kurs auf den Mariannenplatz.
Es duftet verführerisch nach blühendem Jasmin, Geißblatt und geschmortem Lamm, als wir langsam nach Hause trotten. Im Hintergrund höre ich, wie sich am Schlesischen Tor die U1 quietschend in die Kurve des stählernen Viaduktes legt.

Irgendwann in der Zukunft werde ich den Geruch dieses Tages mit all seinen Klängen und Bildern  erinnern.

————–

(Ich bin froh, dass Kreuzberg noch keine Lush-Filiale hat).

5 Kommentare zu “Berliner Luft. Ein Kiez-Spaziergang.

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