Ein Traum. PSR B1919+21

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Leise, sehr leise singe ich eine Bach-Kantate, die ich von meiner Großtante, einer Sopranistin, seit frühester Kindheit kenne. Kaum hörbar forme ich Töne und Worte, die sich außerhalb meines Körpers auf unerklärliche Weise verstofflichen und zu einem seidenfeinen Faden verzwirnen.

Auf und ab und immer wieder singe ich diese Kantate, während ich dasitze und entspannt ins Unbestimmte blicke. Durch jede Wiederholung entsteht ein neuer Faden. Unbeirrbar, wie eine Sirene, die die Fischer in den Untergang lockt, singe und singe und singe ich immer fort.

Ave Maria

Zehn, zwanzig, dreißig, unzählige hauchdünne Garne, die nahezu parallel zueinander verlaufen. Hin und her. Ein lichtes Wellengebirge. Zartestes Gespinst. Elastizität eines Spinnennetzes.

Joy Division. Unknown pleasures.

Ich singe weiter und weiter. Unablässig, ruhig. Nun in einer anderen Tonlage. Querfäden verweben sich mit den vorhandenen, leichten Wellen zu einem luftig-zarten Stoff. Der unebene Verlauf der, zuerst gesponnenen, horizontalen Fäden erfordert hohe Konzentration und absolute Präzision: hier muss ich die Stimme ein wenig heben, dort kaum hörbar senken, um das Gewebe zu einem komfortablen Vlies einzuebnen.

Das Ergebnis meines fortwährenden Singens, Modulierens und Tremolierens ist eine federleichte, fein-gezwirnte Hängematte, in die ich lautlos sinke, um nunmehr in einen tieferen, stummen Schlaf zu fallen.

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Ich habe, außer zum Hausgebrauch, noch nie gesungen. Nicht mal im Chor.

4 Kommentare zu “Ein Traum. PSR B1919+21

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