Einbruch

Berlin Paul-Lincke-Ufer4

Das Poltern der Berliner Stadtreinigung rüttelt mich aus dem Tiefschlaf in ein angenehm oberflächliches Dösen.
Es ist noch dunkel. Sie sind besonders früh dran heute.
Töle knurrt, fängt an zu bellen, und dann höre ich es auch: jemand macht sich an meiner Wohnungstür zu schaffen!
Hey! rufe ich laut.
Der Hund bellt nun wie toll. Draußen schraubt einer einfach weiter an meinem Schloss herum.
Ich fasse es nicht.
Als ich den Flur erreiche und durch den Spion schaue ist niemand zu sehen. Das Licht im Treppenhaus brennt noch. Draußen rumpelt weiter die BSR.
Ich habe zwei Schlösser an meiner Türe, die zudem gegen Aushebeln geschützt ist, und da meint jemand tatsächlich, er könne morgens, wenn garantiert noch alle in den Federn liegen, hier einbrechen?
Erstaunlicherweise kann ich wieder einschlafen und träume sogar etwas Lustiges, so dass ich zwei Stunden später in guter Stimmung erwache.

Erst im Laufe des Tages, bei einem Gang durch den Tiergarten, dringt die Erinnerung  in mein Bewusstsein, und je mehr ich über diesen Zwischenfall nachdenke, umso mulmiger wird mir.
Wenn einer um diese Uhrzeit versucht in eine Wohnung einzudringen, dann muss er davon ausgehen, dass jemand Zuhause ist. Die Jalousien waren halb geschlossen, und die Stadt schlief noch.
Wie stellt derjenige sich denn die Begegnung mit der Bewohnerin einer Wohnung vor, in die er gerade eingebrochen ist, um sie leer zu räumen?
Oder wurde ein Zusammentreffen nicht nur billigend in Kauf genommen? Wollte da etwa jemand eine solche Begegnung, die ja angesichts des gewaltsamen Eindringens in die Wohnung nur eskalieren konnte?
Ging es gar nicht um Diebstahl?
Mir wird schlecht. Ich kämpfe mit mir. Soll ich jetzt alle Welt alarmieren?
An meiner Türe finden sich Kratzer. Viele.
Welche davon sind alt, welche neu? Das Treppenhaus ist ziemlich abgeranzt, vollgetaggt, siffig. Keine Ahnung, welche Macke von wann ist.

Was, wenn es jemand auf mich abgesehen hat?
Jetzt wird’s paranoid.
Wenn mich irgend ein Mensch hasst?
Wer denn bloß?
Und warum eigentlich?

Vor Jahren hat mich eine Frau am Paul-Lincke-Ufer regelrecht angefallen.
Sie war unglaublich wütend. Außer sich. Keifte mit verzerrtem Gesicht und ging auf mich los. Zwei Männer mussten die völlig Entgleiste von mir wegzerren.
Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Jedenfalls habe ich jetzt Angst, und das fühlt sich nicht gut  an.
Morgen hole ich mir Pfefferspray.
Die Wohnung bleibt abgeschlossen, auch wenn ich Zuhause bin.

Zum Glück ist Töle immer da.

12 Kommentare zu “Einbruch

  1. Berlin. Stadt der Irren. Pfefferspray ist gut. Baseballschläger eher nicht so, den bekommt man in der Wohnung schlecht navigiert. Man stößt überall dran.

    Ein Kumpel von mir ist mal morgens aufgewacht und hatte Fußspuren neben seinem Bett. Die kamen aus der Küche, in der das Fenster aufgehebelt wurde. Grusekig. Parterre. Niemals.

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  2. Was hältst du von einer Alarmanlage? Würde ich mal drüber nachdenken. Wir sind nach einem Einbruch TOTAL verkabelt… Und das auf dem Lande…
    Man hat ja gar nicht unbedingt Angst, dass jemand was klaut, sondern vor durchgeknallten Typen, die in Blutrausch verfallen und völlig die Kontrolle und die Verhältnismäßigkeit verlieren.
    Eine Alarmanlage verhindert vielleicht keinen Einbruch, aber du bist dann immerhin vorgewarnt und kannst reagieren.

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  3. Uh, wie blöde!! Aber nuja- der Idiot ist nicht reingekommen, deshalb wird er’s nun woanders versuchen. Und soooo viele davon gibt’s ja auch nicht. Hoffe ich. Also: keine Panik! Pfefferspray ist trotzdem nicht schlecht, das hatte ich jahrelang immer mit, greifbar in der Tasche, als ich noch durch die stadt stiefelte. WArum nicht auch abends greifbar im Spalt zwischen Bettrahmen und Matratze- oder so.

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  4. Der Einbruch fand glücklicherweise während eines Urlaubs statt und das noch größere Glück war, dass nichts verwüstet wurde.
    Danach hab ich aber die ersten Wochen mit einem Messer in der Bettritze geschlafen und Männe hatte einen Axtstil neben dem Bett – schrecklich.
    Dann hatten wir noch einmal einen Einbruchversuch durch den Keller. Da ging aber die Alarmanlage an und der Bursche gab Fersengeld.

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  5. Wirklich gruselig, sehr unheimlich! Gut, dass du Töle hast, sicher beruhigt das ein wenig, denn der Hund merkt zuerst, wenn jemand einbrechen will.
    Ich habe bis vor einem halben Jahr nachts nie meine Wohnungstür abgeschlossen, obwohl sie ja mit einer einfachen Kreditkarte leicht zu öffnen wäre. Bis ich hörte, dass durch die zwischendurch defekte Haustür Fremde ins Haus gekommen waren, die schnell flohen, als eine Wohnungstür aufging. Den zusätzlichen Riegel benutze ich allerdings immer noch nicht…
    Alles Gute für dich, ts!

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  6. Nach einem solchen Weck-„Ruf“ hätte ich auch Bammel. Irgendwas scheint da wirklich nicht zu stimmen. Meinst Du nicht, dass es ratsam wäre, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten? Es wird Dir aktuell nichts bringen aber dann wäre es wenigstens aktenkundig.

    Ich drücke die Daumen, dass sich das nicht wiederholt! Fest, klar doch!

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