Paint it black

Auf dem Küchentisch stapeln sich ungelesene Bücher.

Lieber wütend als traurig
Als wir träumten
Wie es leuchtet
Demenz und Alzheimer verstehen
Gott segne Sie Dr. Kevorkian

Daneben die neueste Ausgabe der Titanic, von deren Cover mich eine griesgrämige Kanzlerin anglotzt. Den Daumen als Zeichen ungebremsten Optimismus nach oben gestreckt. 521-450x712fa52ee32b8

Wie eine dieser unheimlichen Bauchrednerpuppen sieht sie aus. Die ausgeprägten Nasolabialfurchen, die vertikalen Kinnfalten, das Klappmaul. Ich drehe das Heft um. Auf der Rückseite Werbung.

taz wird dick und gemütlich, steht da.

Allen Ernstes. G-E-M-Ü-T-L-I-C-H. Natürlich in Verbindung mit D-I-C-K. Was sonst. Genau das, was man von einer Zeitung erwartet.

Weggucken hilft nicht. Der Mist ist für immer in meinem Kopf, und wird sich fortan bei jedem Zeitungstand melden: Da isse ja, die gemütliche taz, das kleine Dickerchen!
Ich räume den Tisch frei. Lesen geht gerade nicht. Schon eine ganze Weile nicht. Mir fehlt die innere Ruhe um ein Buch in die Hand zu nehmen. Eigentlich fehlt mir die Ruhe für alles, was meine ungeteilte Aufmerksamkeit länger als eine Stunde beanspruchen würde. Nicht mal einen Film kann ich mir anschauen.
Im Ansatz hatte ich diese Ungeduld schon immer.
Als ich beispielsweise im Kunstunterricht ein Gemälde anfertigen musste, bei dem wir ein Bild unter Beibehaltung der Perspektive abwandeln sollten, wählte ich Jan van Eycks Arnolfinihochzeit.

Arnolfine Hochzeit, Jan van Eyck, 1434

Das ganze Schulhalbjahr sollten wir dafür aufwenden. Wer Ölfarben zur Hand hatte, durfte Zuhause malen und war vom Kunstunterricht bis zur Fertigstellung befreit.
Ich fotografierte das Bild, ließ es als Dia entwickeln und warf es auf eine große Leinwand. Mit Kohle zog ich rasch alle Linien nach, tilgte sämtliche Farben, machte aus dem Bett einen Sarg, aus dem Hochzeitspaar Trauernde, aus dem Spiegel ein Kreuz und den Hund ersetzte ich durch einen Totenkopf. Am Ende des Halbjahres gab ich mein Werk ab. Der Kunstlehrerin gefiel die düstere Komposition ausgesprochen gut. Sie hatte keine Ahnung, dass ich nur 3 Tage dafür gebraucht hatte.
Schon als Kindergartenkind bevorzugte ich Schwarz als Farbe. Ich malte schwarze Hügel auf denen schwarze Wimpel wehten und schenkte die Bilder meiner Mutter. Sie landeten regelmäßig im Papierkorb, was mich in keiner Weise entmutigte. Ich schenkte ihr immer wieder neue.
Später in der Grundschule sollten wir ein Tier unserer Wahl malen. Ich schwärzte das ganze Blatt und pinselte dann eine bunte Spirale mitten hinein. Das Bild beschriftete ich mit Schnecke im Dunkeln. Die Lehrerin erkannte meine Ungeduld mich an Details abzuarbeiten, nannte mich faul und gab mir eine Vier. Das Bild besitze ich noch heute.

An Ostern schließlich, färbte ich alle Eier schwarz, oder bemalte sie mit schwarzen Ratten und Totenköpfen.  Foto KopieEin Lehrer fragte mich, ob wir Zuhause einen Trauerfall hätten, nachdem meine schwarz gekleideten Eltern mich von der Schule abgeholt hatten.
-Nein, wir sind wie die Addams Familie, wir finden schwarz schön.
Wie überrascht ich war, als mein Vater eines Tages ein blutrotes Halstuch trug. Ich wusste, dass etwas Besonderes geschehen sein musste.
Während ich so meinen Gedanken nachhänge, lausche ich dem leisen Rauschen der Heizung, an deren Rippen eine Hängematte befestigt ist. Die Katzen liegen ineinander verschlungen in der lichtgrauen Plüschmulde und schlafen entspannt, während draußen die Spatzen um das Vogelhaus herum hüpfen. Sie tschilpen und zetern und zanken sich um herunterfallende Sonnenblumenkerne.
Plötzlich fliegen alle gleichzeitig weg. Das tun sie immer. Um nach einer Weile im Schwarm zurück zu kehren. An ihrer Stelle erscheinen jetzt die Meisen, deren Frühlingslied melancholisch wie  das schräge Quietschen einer rostigen Schaukel klingt.
Ganz oben im Ahorn haben die Elstern ihr überdimensioniertes Nest gebaut und brüten darin. Der Kälte zum Trotz. elster_04032013 Sie schnarren, krächzen und schäckern um ihr Revier gegen Aaskrähen zu verteidigen.

Tschäk tschäk tschäkkkk

Die getigerte Katze der Nachbarn läuft geduckt davon. Ihre Pfoten hinterlassen kleine Abdrücke in der leuchtend-weissen Schneedecke des Gartens.

5 Kommentare zu “Paint it black

  1. schwarz gewandet schwarze eier suchen….
    bei mir springt gerade der helferinnenkomplex an (auch kein leichtes schicksal;-). du könntest es mal mit einer bodenständigen meditaton versuche (gegen ständiges kopfkino).

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  2. Schwarz ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung. Das einzige Nichtschwarze in meinem Kleiderschrank sind eine Blue Jeans (die war mal runtergesetzt auf 19 Euro und sieht natürlich aus wie ein Sack) und die unvermeidlichen Bürohemden zur Kostümierung (violett, blau und ähnlich unsägliches).

    Hab ich in letzter Zeit schon einmal gesagt, dass ich deine Texte toll finde? Wenn nein, dann wird es mal wieder Zeit: Toll!

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  3. Ach, _frauhase_, keine Sorge! Mir geht es ausgezeichnet!
    Und ich liebe mein Kopfkino! Hilft Meditation, und wenn ja wogegen, und wie geht das?

    Danke für´s Kompliment, kiezneurotiker! Geht runter wie schwarzes Gold!

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