Kurze Beine

Ab dem 3. Lebensjahr ist der Mensch in der Lage die Perspektive zu wechseln und sich in andere Personen hinein versetzen zu können. Die Grundvoraussetzung für Empathie.

Empathie

Empathie (Photo credit: Dave Durden)

Ein Kind hört auf, sich die Augen zuzuhalten und einfach „Wo bin ich?“ zu krakeelen.
Es versteht, dass es von anderen gesehen werden kann, auch wenn es selbst gerade nichts sieht.
Ab dieser Entwicklungsstufe können Kinder lernen zu teilen.
Der Hunger anderer wird vorstellbar, auch wenn man selbst gerade satt ist.
Mit dem Perspektivenwechsel beginnt auch die Fähigkeit zu betrügen. Zu schwindeln, mogeln, hintergehen.
Wer den Schritt vom Objekt zum Subjekt (also vom Ich zum Du) gemacht hat, kann anfangen an seiner Karriere als Trickbetrüger zu arbeiten.
Man muss sich einfach nur vorstellen, welcher Lüge das Gegenüber am ehesten Glauben schenken wird, und dann entsprechend handeln. Hier greifen Erziehungsberechtigte gerne ein, indem sie die Goldene Regel als ethischen Minimalkonsens postulieren:

Was du nicht willst, das man dir tu, dass füg auch keinem anderen zu!“

Heute erweist sich der Grundsatz der wechselseitigen Rücksichtnahme als „ein anachronistischer Imperativ, der früher das Zusammenleben von Menschen in Gesellschaften regeln sollte, im Zuge der Industrialisierung und Individualisierung der Menschheit aber zunehmend an Bedeutung verlor, da er die ungehemmte Ausbreitung des menschlichen Egos behinderte und das Recht des Stärkeren untergrub. Besonders in der kapitalistischen Marktwirtschaft wurde dieser Leitsatz schon sehr früh ausgehebelt, da er die Expansion und Rationalisierung internationaler Großkonzerne behinderte.“ (Uncyclopedia)

Um 5.30 h, am heutigen Morgen, begann, geschützt von 250 Polizisten, der Teilabriss der East Side Gallery.

Zu diesem Zeitpunkt war nicht mit Widerstand durch die Schützer des Denkmals zu rechnen, denn niemand konnte ahnen, dass dies heute geschehen würde, nachdem 3/4 der Berliner Bevölkerung gegen die Bebauung des ehemaligen Todesstreifens sind, und Investoren, wie auch Politik sich gestern verhandlungswillig gaben. Man wägte sich in Sicherheit. Der geplante Abriss, zugunsten eines Hochhauses mit Luxusappartements, schien abwendbar.

East Side Gallery Wall Parade 3.3.13

East Side Gallery Wall Parade 3.3.13 (Photo credit: chris grabert)

Wie war das?

Man muss sich einfach nur vorstellen, welcher Lüge das Gegenüber am ehesten Glauben schenken wird, und dann entsprechend handeln.

Danke, dass wir über die East Side Gallery gesprochen haben, Herr Wowereit!

English:

English: (Photo credit: Wikipedia)

The start of the East Side Gallery in Berlin, ...

The start of the East Side Gallery in Berlin, Germany. (Photo credit: Wikipedia)

The East Side Gallery is the longest remaining...

The East Side Gallery is the longest remaining part of the Berlin Wall. (Photo credit: Wikipedia)

8 Kommentare zu “Kurze Beine

  1. Ohne Komma, Wenn und Punkt. Ja! Mein Kommentar zum Geschehen:

    Erst wenn der letzte Platz bebaut, die letzte Immobilie vermarktet und der neueste Porsch vor dem Loft steht – werdet ihr merken, dass man mit übervorteilten Wutbürgern ein ziemlich schlechtes Leben hat – als gieriges Randgeschwür der Gesellschaft.

    Amen.

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  2. Schlicht und einfach eine Sauerei! Kultur, Geschichte und sicher auch ein (großes) Stück weit Erinnerung/Mahnmal/Geschichte raus, dafür noch ein Gebäude voller Luxuslofts, gibt’s ja noch nicht genug von, rein. Und dann verwundert sein, wenn demnächst in F’hain mal wieder ein Cayenne oder ein X5 brennt.

    Hab dafür nur zwei Reaktionen. Kopfschütteln und Mittelfinger.

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  3. Wenn Wowereit, Schulz und Konsorten behaupten, sie seien von dem Abriss des Mauerstückes vollkommen überrascht gewesen, dann frage ich mich, wer die 250 Polizisten zum Schutz des Abrisses dahin geschickt hat. Irgend jemand muss den Einsatz genehmigt haben.
    Die East Side Gallery ist längst zum Sinnbild der Entrechtung der Bürger geworden.
    Es wäre ein leichtes gewesen, die Gelder aufzutreiben, um den Investor Maik Uwe Hinkel auszuzahlen und den Berlinern ihren Wunsch nach Erhalt der Gallery zu erfüllen.
    Für 36 Luxuslofts wird ein Denkmal zerstört. Unfassbar!
    Ich bin nicht zimperlich, aber als ich vom Abriss des Teilstücks erfuhr, hab ich vor Wut geheult.

    Ja, dada, ja, thorge und ja rotewelt.

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  4. Habe das hier gerade zufällig gefunden. Hat sich denn inzwischen das Blatt gewendet? Denn ich bin erst vergangenes Wochenende an der East Side Gallery entlang gegangen und da war von zerstörtem Denkmal nichts zu sehen – die Mauer war, bis auf die ohnehin existierende Lücke gegenüber der O2 Arena, noch total intakt.

    War es nicht eher so, dass das Stückchen Mauer statt wegen des Gebäudes zugunsten einer neuen Brücke herausgenommen und versetzt werden sollte? Oder war das auch eine Lüge?

    Wird die Bebauung auf dem Uferstreifen denn generell abgelehnt oder nur das Entstehen von Luxusbauten? Denn grundsätzlich könnte die Gegend schon etwas mehr Leben vertragen. Woanders heißt es bei Brachflächen immer „Wüste“, „Niemandsland“ und da muss dringend gebaut werden, egal was, die Media Spree Gegend scheint aber immer so ein Sonderfall zu sein.

    Generell zum Thema Gentrifizierung: es ist schade, dass mit Ausnahme von ein paar Demos man sich nicht stadtweit organisiert und solidarisiert. Jeder Kiez kämpft da vorrangig für sich alleine.

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    • Danke für deinen Kommentar und dein Interesse!
      Es wurde ein Mauerstück entnommen. Statt der geplanten 22 m nur knapp 11 m breit.
      Mit Mercedes Benz, der O2-Arena, Universal-Films usw, haben sich inzwischen genug Unternehmen am Ufer breit gemacht, und die Sicht verschandelt (außer Universal, die sind in einem alten Speicher).
      Würde der Senat grünes Licht für den Bau erschwinglicher Mietwohnungen geben, würde das sicher auf mehr Gegenliebe stoßen. Dann sollen sie meinetwegen alles zubauen, ach das Tempelhofer Feld.
      Ansonsten gehören Brachen zum Berlin der Nachkriegszeit,und sie werden gerne genutzt. Als Strandbars, als Grillwiese, als Hundeeauslauf. Gerade das Unperfekte machte doch immer den Charme von Berlin aus. Trostlos findet sie hier keiner.
      Und der Charmegeht leider verloren, wenn alles mit seelenlosen Glas- und Btonbauten für Millionäre zugebaut wird, und Denkmäler dafür fallen müssen. Ein solches ist die Mauer, und das aus gutem Grund.
      Nicht alles sollte man sich für Geld kaufen können.
      Vieles spricht dafür dort einfach einen großen Park zu machen, von dem alle etwas haben, auch die Touristen.

      Zu deiner Frage, warum sich nicht alle zusammentun? Keine Ahnung.
      Auch diejenigen, die richtig in der Materie stecken, so wie Andrej Holm, wissen darauf anscheinend keine Antwort (oder geben keine. Habe mehrfach nachgefragt in seinem Gentrificationblog und andernorts.).
      Einer muss sich darum kümmern und es organisieren. (Warum nicht ich, frage ich mich gerade).
      Ob sich allerdings protestierende Bürger gegen das Kapital durchsetzen können, wage ich zu bezweifeln.
      Es ist so frustrierend.

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