KaDeWe

220px-Berlin_Emblem_KaDeWe_Fassade_2011-03-21
(Quelle: Wikipedia)

Ob patagonischer Zahnfisch, Orange Roughby oder Seeteufel, – es gibt nichts, was die Fischabteilung des KaDeWe nicht vorhalten würde.
Und stolz referiert die Fischfachverkäuferin, wo jedes einzelne Exemplar herkommt.
Den Zahnfisch müsse man unbedingt probieren. Der komme aus der Tiefsee und sei einer der letzten seiner Art. In wenigen Jahren sind die alle ausgestorben, was auch den Preis erkläre. Also jetzt unbedingt zugreifen ehe man das Nachsehen hat.
Der Sandalentourist mittleren Alters aus Hessen winkt ab. „Mir sinn nur auf Doschreise, dä Fisch is längst värfault bis mir heimkomme.“
Das wäre wirklich schade, findet auch die Verkäuferin, und wendet sich freundlich dem nächsten Schaulustigen in diesem Tiefkühlzoo der aussterbenden Arten zu.

Die 4. Etage für Interieur und Design hat ebenso hohen Unterhaltungswert.
Dort gibt es so viele schöne und nutzlose Dinge, die von den Verkäufern gerne und mit Ausdauer beschrieben und beworben werden.
Am besten gefällt mir immer wieder der Bügeleisenvorführer direkt neben dem Geldautomaten.
Tag für Tag bügelt dieser, vor den Augen der staunenden Kundschaft, alles, was sich zum Bügeln hergibt. Sein Hemd und das Sakko sind stets tadellos geglättet, und selbst bei der allergrößten Hitze, im Gleißen der mörderischen Halogenlampen, verrichtet er würdevoll seine Arbeit. Wie ein britischer Palastwächter. Dass es so etwas überhaupt noch gibt! Er muss ein Relikt aus den Gründungsjahren des KaDeWe vor 100 Jahren sein, und während er unverdrossen bügelt und bügelt, altert an seiner Stelle, seit Jahrzehnten, ein Gemälde in den Katakomben des ehrwürdigen Hauses.

Ich liebe Beratungsgespräche, und verwende viel Zeit darauf mir alles möglichst haarklein erklären zu lassen, was ich mühelos in der jeweiligen Bedienungsanleitung nachlesen könnte. Nicht aus Respektlosigkeit,  sondern weil es mich fasziniert, welche Kniffe und Formulierungen die geschulten Verkäufer gebrauchen, um Kundinnen und Kunden von der Qualität und den Vorzügen ihrer Waren zu überzeugen.

„Dieses Gerät kommt auf 389,- Euro, während dieses mit 329.- Euro zu Buche schlägt, für den normalen Gebrauch aber ausreichend sein sollte.“
Was das teurere Gerät denn kann, was das billigere nicht bringt, frage ich, und freue mich insgeheim,  dass bei dem Wort „billig“,  ein kleines blasiertes, beinahe schon schmerzliches Lächeln, über das ernste Gesicht des Verkäufers huscht. Denn billig ist hier selbstverständlich gar nichts. Allenfalls günstig, und auch das nicht so gerne. Dann schon lieber gehoben, vulgo teuer.
Vor vielen Jahren habe ich mir eine Mikrowelle im KaDeWe gekauft, weil ich nach dem überzeugenden Beratungsgespräch gar nicht anders konnte.
Die Verkäuferin trug ein enges blaues Kostüm, hellgrünen Lidschatten, hatte eine rauhe Stimme , und pries als Besonderheit die Vielsprachigkeit des Gerätes im Display an. Sie verriet mir, ganz im Vertrauen und in breitem Berlinerisch, dass sie sisch natürlich ooch fragt, woher dit Jerät wissen will ob sie Russin ist oda nisch.
Die Mikrowelle tat, bis zu ihrer Ausmusterung zugunsten eines Backofens, zuverlässig ihre Dienste, ohne mich je nach meiner Nationalität gefragt zu haben. Wir verstanden uns wortlos, verfolgten wir doch dasselbe Ziel.

Wer noch mehr erleben möchte, dem steht in der Etage für Interieur auch noch die Gesundheitsecke zur Verfügung. Hier kann man hochwertige Massagesessel ausprobieren und sich Nasenrasierer, Blutdruckmessgeräte und sonstiges Aging-Zubehör vorführen lassen. Wer also auf später vorbereitet sein möchte, sollte sich hier umschauen. Mein Blutdruck ist mal wieder so niedrig, dass ich entweder schwer krank (was sonst), oder vollkommen unterzuckert sein muss. Zügig eile ich durch die Teppichabteilung zur Silberterrasse, um mich mit einem Berliner Gemüseteller und einer Tasse Kaffee zu stärken.
Das Durchschnittsalter der Gäste liegt bei 75 Jahren. Die Damen tragen silberblaue Haarhelme, ihre Männer dreiteilige Anzüge in gedeckten Farben. Kauend schweigen sie sich an und heben kaum den Blick, als ich das Lokal betrete. Die Kellner, die zusammen mit ihren Gästen alt geworden sind, wundern sich indes über ein neues und jüngeres Gesicht. Die Aussicht auf etwas Abwechslung scheint sie regelrecht zu beflügeln, und mit einer Beflissenheit, die schon beinahe an Euphorie grenzt, werde ich beraten und bedient. Das Essen ist nicht der Rede wert. Belangloses Gemüse, unspektakulär gewürzt und unauffällig angerichtet. Egal. Ich freue mich an den blütenweissen gestärkten Tischdecken und der wilmersdorfer Atmosphäre.  (Ja, ist noch Schöneberg, fühlt sich aber nicht so an)
Dass der Spaß seinen Preis hat, versteht sich.

In der obersten Etage des Kaufhauses, speist das Volk mit Hang zu Königshäusern und Noblesse. Es gibt ein sehr frisches, gutes und extrem überteuertes Büffet. Eins tiefer, schlürft die Haute-Volée bereits mittags Austern und Schampus, um sich später mit Petits Fours, Tarte Tatin und dem einen oder anderen guten Tröpfchen einzudecken.

The 6th-floor food hall at Kaufhaus des Westen...

The 6th-floor food hall at Kaufhaus des Westens, Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Eine Zeit lang hatte ich mehrmals die Woche in der Gegend zu tun, machte dann eine Runde durchs Haus, und trank zum Abschluss  einen Kaffee im Wintergarten.

English: The winter garden with restaurant on ...

English: The winter garden with restaurant on top level of KaDeWe department store in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Was mich wirklich beeindruckt ist der Portier des KaDeWe. Ganzjährig steht er im Eingangsbereich des Nobelkaufhauses. Bekleidet mit grauer Livrée, Pellerine und Zylinder, erteilt er in sieben Sprachen Auskunft, geleitet zu den Fahrstühlen und begrüßt die Stammkundschaft.
Bereits nach wenigen Besuchen hatte er sich mein Gesicht eingeprägt, und bedachte mich mit dem gleichen diskreten Nicken, mit dem er auch die pelz- und klunker-behangenen Wilmersdorfer Witwen beschenkt, obgleich ich fast immer ohne Einkäufe, erkennbar an den schwarz-blau gewürfelten Tüten, das Haus verließ.
Auch heute noch identifiziert er mich treffsicher, obwohl ich seit Jahren nur noch sporadisch ins KaDeWe komme, und dabei meist einen Seiteneingang benutze, statt mich dem Gedränge am Haupteingang auszusetzen.

Alleine für Bügelmann und den einzigen Kaufhaus-Portier Deutschlands liebe ich das Kaufhaus des Westens!

8 Kommentare zu “KaDeWe

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