Mein Block

Coat of arms of Kreuzberg, a former Borough of...

Coat of arms of Kreuzberg, a former Borough of Berlin (Photo credit: Wikipedia)

                     

 

Muskauer/ Mariannen/ Waldemar/ Manteuffel

 

Vor Jahren stieß ich im Netz auf eine Reihe von Aufsätzen, in denen Grundschüler der E.-O.-Plauen-Schule über ihre Straße schrieben, und deren Vor- wie Nachteile aufzählten.

Einem türkischen Jungen, zum Beispiel, gefiel nicht, dass die deutschen Nachbarn, die unter ihnen wohnten immer meckerten, und dass die zweite deutsche Familie beim Kochen das Treppenhaus mit üblen Gerüchen verpestete.

Entspannte Zeiten, als hier kaum Deutsche wohnten, im Januar kein einziger Weihnachtsbaum auf dem Gehweg entsorgt wurde und die Kinder im Hof „Anne!“ plärrten, damit aber ihre Mutter, und nicht die kleine Anne-Sophie meinten, deren ernährungsbewusste, grün-wählende Yoga-Eltern das Töchterchen mit der Geländelimousine zum Ballett fahren.

In einem der Aufsätze beklagte ein Mädchen, dass ihre Reinickendorfer Verwandtschaft sie bedauerte im schmuddeligen Kreuzberg leben zu müssen.

Eine andere Schülerin wohnte in der Mariannenstraße und plädierte dafür, den Platz mit dem Feuerwehrbrunnen in Trinkerplatz umzubenennen, weil dort ganzjährig gesoffen wurde, als gäbe es kein Morgen.

Hunde konnten noch frei und ohne Steuermarke im Park herumtoben, den man sich mit grillenden Großfamilien teilte. Denn anstelle der Denunzianten des Ordnungsamtes spazierte noch der KOB durch den Kiez. Der Kontaktbereichsbeamte. Er war für ein festgelegtes Gebiet zuständig, das er über Jahre hinweg zu Fuß durchstreifte. Das machte ihn zu einer Art Dorfpolizisten, der sich für Hunde und Bierflaschen nicht interessierte.

Damals gab es auch noch das Café Anal, in dem es sich angenehm unbehelligt sitzen ließ, und das die Kinder in ihren Aufsätzen als Lesbenbar bezeichneten.


Schwule Mädchen – An jeder Ecke
Schwule Mädchen – In deiner Stadt

Jedes Jahr am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, um Schlag 18 h hebelten die ersten Sturmhaubenträger Pflastersteine aus dem Rondell des Mariannenplatzes.

Die in der Manteuffelstraße geparkten Wasserwerfer, bogen militärparaden-artig, in die Muskauer Straße ein und beschossen die Steinewerfer, die vor der großartigen Kulisse des alten Bethanien-Krankenhauses mit seinen beiden Türmen, im Glast der tiefstehenden Frühlingssonne umher rannten, nun bekränzt von einem Regenbogen, den die Gischt des Wasserwerfers auf sie heruntersprühen ließ. Abende an denen man, in verklärter Revolutionsromantik, ein Kind hätte zeugen, mindestens aber einen Plus-Markt plündern mögen. Der Bolle war bereits 1987 in Flammen aufgegangen. Wie sich später herausstellte zeichneten dafür allerdings nicht die Autonomen verantwortlich, sondern ein Pyromane, dem gerade der Sinn nach ein wenig Zündeln gestanden hatte, und der nicht bemerkt haben wollte, dass in Kreuzberg derweil ein Straßenkampf tobte.

Auf dem staubigen Oranienplatz schrammelte irgendeine Punkband die bedröhnten Kapuzen- oder Dreadlockträger, die zu diesem Anlass aus jedem Winkel hervor gekrochen waren, in die Nacht. Cannabisschwaden wehten durch die laue Frühlingsluft, kaltes Bier lief geschmeidig die Kehle herunter.

Mayday in Berlin-Kreuzberg Oranienplatz

Mayday in Berlin-Kreuzberg Oranienplatz (Photo credit: Wikipedia)

In dem Haus, schräg gegenüber dem meinen, stellte man nach Einbruch der Dunkelheit Boxen auf die Fensterbänke und beschallte die mit Schild und Helm bewehrten Polizisten, die schwer bestiefelt die Straße stürmten, um den am Westende liegenden Mariannenplatz abzuriegeln, mit „I shot the sheriff“. Immer wieder munkelte man, das Gebäude aus der Gründerzeit gehöre dem, kürzlich verstorbenen, Nazi Gerhard Frey, der die leerstehenden Räume für klandestine Kameradentreffen genutzt habe. Und das zu Zeiten, als es noch eine Kiez-Miliz gab, die mit Rechten ebenso beherzt aufräumte, wie mit dicken Kutschen oder Edel-Schuppen.

Kein Kiez für Nazis - 13

Kein Kiez für Nazis – 13 (Photo credit: Björn Kietzmann)

Im gleichen Haus wohnte auch Heiner Müller, dessen Volvo an einem Revolutionären 1. Mai, vor seiner Türe, in Flammen aufging. Die Brandmale im Teer waren noch vor wenigen Jahren zu sehen, wenn sie denn wirklich von Müllers Volvo und nicht von einer schmelzenden BSR-Tonne stammten.

Auch die legendäre „Fallgrube“ war dort interimsmäßig untergebracht. Sie ist ebenso Geschichte, wie das Pink Panther am Lausitzer Platz. Mit den ewig klammen Punks ließ sich eben nicht soviel Geld verdienen, wie mit der Jeunesse dorée, die heute den Kiez überschwemmt und sich in der Long March Canteen zum Shanghai-Feeling trifft.

Auch der beste Friseurladen, die Haarschlächterei, konnte mit seinen Kunden und dem abendlichen Saufen gegen Rechts im kleinen Kreise nicht überleben.

Ja früher, da zog auch noch die Straßengang 36 Boys durch den Kiez. Tim Raue war einer von ihnen.

Heute ist der 2-Sterne-Koch in der Rudi-Dutschke-Straße ansässig.

Heute schaut man zu, wie jede Baulücke mit Luxuseigentum versiegelt wird, und die verbliebenen Wagenburgen als folkloristischer Anachronismus erscheinen. Von Touristenhorden bestaunt, wie ein unbekannter Stamm im Urwald Papua Neuguineas.
Viel ist nicht mehr geblieben von dem alten Kreuzberg, in dem man vorbei fahrende Touristenbusse mit Eiern bewarf, ahnend, dass die Entdeckung des Viertels durch Marco-Polo-Reisende, zugleich auch dessen Ende bedeuten würde.
Aber es rührt sich Widerstand. Und dieser Widerstand wächst. Denn inzwischen trifft die Gentrifizierung nicht allein alternative Projekte, oder die türkische Familie, die nach über 30 Jahren aus ihrer Wohnung verdrängt wird. Zwangsräumungen gehören längst zum Alltag in Berlin Kreuzberg.

Wenn allerdings sogar Schulen und historische Denkmäler Luxuslofts weichen müssen, ist das Maß mehr als voll.
Wer jetzt noch glaubt, dass der Fürst sich in irgend einer Weise um das Fußvolk kümmern, oder gar den Bürgerwillen umsetzen wird, der glaubt auch noch an die jungfräuliche Empfängnis.

6 Kommentare zu “Mein Block

  1. Das liest sich sehr interessant, ts. Die Entwicklung Berlins, die du beschreibst, ist wirklich bedenklich.

    Das kann ich hier nicht so bestätigen, rotewelt. Hier auf dem Lande boomt der Eigenheimbau, zum Teil mit Pferd im großen „Garten“ oder ganzen Teichlandschaften, die von Fachleuten für ein Vermögen angelegt werden. Dreifachgarage, ZWEI Wintergärten – einen für morgens und einen für nachmittags – usw.
    Lübeck hingegen verarmt und verelendet (so erscheint es mir zumindest), in den ländlichen Randgebieten wird hingegen ein Haus nach dem anderen gebaut.

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    • Sicher ist es nicht in jeder Stadt so, cablee, aber wohl in den Metropolen, ich las darüber kürzlich einen interessanten Bericht. Und natürlich leben auch auf dem Land noch Wohlhabende, doch es scheint ein neuer bedenklicher Trend zu sein, dass die Mieten in den Großstädten astronomisch steigen und viele Menschen sich die Wohnungen nicht mehr leisten können.

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      • Wie es auf dem Land ist kann ich leider nicht beurteilen. Von Lübeck allerdings habe ich genau das gehört, was du beschreibst, cablee. In den Metropolen sieht es tatsächlich noch einmal ganz anders aus. Menschen aus aller Welt kaufen gerade Berlin auf. Es gibt immer weniger bezahlbaren Wohnraum, stattdessen Luxuseigentum ohne Ende. Eine traurige Entwicklung…

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