New Rose

Cassette

Cassette (Photo credit: jesstherese)

Der Erzieher der benachbarten Kita hat solange „Du Feinäähhh, Feinääääähhh !“ gekräht, wenn er meiner Katze ansichtig wurde, bis ich anfing ihn im Privatkreis nachzuäffen und sie ebenso zu betiteln.

Irgendwann, unbemerkt, wich die Ironie der Gewohnheit und eines Tages stellte ich fest, dass ich nun ebenso schwachsinnig wie Erzieher U. zu dem Kätzchen flötete.

So hielten im Laufe des Lebens immer wieder, ursprünglich abgelehnte und verspottete Redensarten, Spleens oder auch Schlagerphrasen Einzug in das Inventar meines Habitus.
Habitusses

Eine Professorin beispielsweise, hatte die Angewohnheit uns mit besonders jugendlichem Slang beeindrucken zu wollen, vergriff sich aber dabei regelmäßig im Soziolekt, wenn sie uns in Ihrer Begeisterung für etwas mit dem Wort Stark! oder Total stark! anstecken wollte, was bei mir den Zustand des Fremdschämens auslöste.
Natürlich benutzten wir das kernig intonierte
Stark! zu Semesterende mit einer Selbstverständlichkeit, die ihre Ausdrucksweise retrospektiv zum Volltreffer machte, und mich im uneingeweihten Umfeld als hoffnungslos verblödet dastehen ließ.

Die Tage schickte mir mein Bruder eine Musikdatei, die ich nichtsahnend öffnete und die mich sehr erfreute.
Achim Reichel mit
Boxer Kutte.
Wie konnte es dazu kommen?

Ich wohnte noch bei meinen Eltern, lümmelte auf dem Bett herum, als ich plötzlich einen Schrei aus dem Nebenzimmer höre.
Kurz darauf fliegt die Türe auf und mein Bruder stürzt herein.

-WAS HAST DU GEMACHT!!!,  brüllt er und starrt mich wütend an.

-Was´n jetzt los?, denke ich.

-HIER! HÖR DIR DAS AN! VERDAMMTE SCHEISSE!!!

Er legt eine Cassette in meine Anlage und drückt auf Start.
Ich erkenne einen Song von
The Damned und zucke innerlich mit den Achseln. Was hat er denn?
Der schnelle Beat wird jäh unterbrochen von eine Frauenstimme, die säuselnd deutsch-schlagert:

Und du bist immer wieder aufgestanden,
du hast so oft ganz neu angefangen,
dass du geweint hast ist wahrscheinlich,
doch starke Frauen weinen heimlich.

Dann setzen The Damned wieder ein.
Als ich zu einer Erklärung aushole, wird der Gesang Dave Vanians erneut unterbrochen.
Dieses Mal von einer kopfig-tremolierenden Männerstimme im Grönemeyer-Stakkato.

Kutte lernt das Boxen für’n Appel und ’n Ei
Er ist hart im Nehmen und mit Herz dabei

Boxer gehn oft in die Knie
blaue Augen zahlen drauf;
Meister komm’n und gehen
aber Kutte steht wieder auf.

Beim Testen des neuen Receivers hatte ich unbemerkt diese beiden Schlagerfetzen in das Lieblingstape meines Bruders eingefügt, das er in mühseliger Fleißarbeit aus eigenen und geliehenen Schallplatten (!) aufgenommen hatte.
Hüsker Dü, The Cramps, Dinosaur Jr., Henry Rollins, The Damned, The Fall, Pixies
R. liebte diese Cassette so sehr, dass er sie trotz der grauenhaften Unterbrechungen weiter hoch und runter hörte, um mir regelmäßig Vorhaltungen über die ruinierte Sequenz zu machen.
Irgendwann allerdings hatte er sich so an den Schlagerschrott gewöhnt, dass er ihn, ironisch und Luftgitarre spielend, in Punk-Manier mitgrölte.
Noch später zitierten wir ihn fröhlich, wann immer es im Alltag um Stärke, Kämpfe, Niederlagen und Heldentum ging.
Lange Zeit danach gab die Cassette dann den Geist auf.
Kutte und die starken Frauen blieben für immer eingebrannt in den Langzeitspeicher unserer Hirne.

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