Insomnia

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Im Winter bescheint das einsame Fenster in der Brandmauer des Hauses gegenüber die feinen Zweige des japanischen Ahorns und legt einen kühlen Schimmer auf die kleine Erddüne, die dem begrünten Hinterhof ein wenig vom Charme eines ländlichen Gartens verleiht.

Seit Jahr und Tag brennt dort oben eine einzelne 100-Watt-Birne, die unbeschirmt an einem Kabel hängt und deren diffuse, langstrahlige Corona selbst auf die Entfernung noch blendet.
Nie habe ich einen Menschen, oder auch nur einen Schatten in diesem Raum, im der vierten Etage gesehen. Ebenso wenig habe ich jemals bewusst den Moment erlebt, in dem das Licht anging, oder jenen, in dem es ausgeschaltet wurde, auch wenn ich gestehen muss, dass ich nicht wirklich darauf geachtet habe.
Aber müsste ich nicht bemerken, wenn die sternlose Dunkelheit des nächtlichen Gartens plötzlich durch das einzige Fenster erhellt wird?
Es scheint mir, als würde die Birne immer brennen. Selbst tief n der Nacht und auch in den Morgenstunden, wenn ich schlaflos aus dem Bett an meinen Tisch zurück kehre und nach draußen blicke.
Vielleicht ist der Raum hinter dem Fenster, den ich mir immer als Küche vorstelle, ein langer Schlauch an dessen, weit vom Fenster entfernten Ende sich das Leben abspielt, was erklären würde, warum ich niemals auch nur den Schatten einer Bewegung sehe.
Oder jemand hat sich dort einen Hobbyraum eingerichtet, iwo er Fahrräder oder alte Uhren repariert.
Für einen Wohnraum jedenfalls ist die Beleuchtung zu grell und funktional, für ein Berliner Badezimmer erscheint das Fenster zu groß.

Wird das Licht vielleicht per Zeitschaltuhr gesteuert und seit langer Zeit hat niemand mehr den Raum betreten?

Möglicherweise ist es aber auch ganz anders: ein Mensch wird gefangen gehalten, gequält, mit Brotsuppe am Leben gehalten. Sein Martyrium wird gefilmt, um über dunkle Kanäle an entsprechende Interessenten zu gelangen.
Ist das Fehlen von Vorhängen leichtsinnig oder der besondere Kick eines exhibitionistischen Psychopathen, der insgeheim darauf pokert entdeckt zu werden, um gemeinsam mit den Mördern dieser Welt in die Annalen des Grauens einzugehen?

Denkbar auch, dass jemand an der rätselhaften und seltenen, letalen familiären Insomnie leidet, einer Krankheit, die unweigerlich zum Tode führt, nachdem die Betroffenen über Monate keinen Schlaf finden, während ihr Gehirn die Struktur eines Schwammes annimmt.
Vielleicht hat der Bewohner auch einfach nur Angst vor der Dunkelheit.
Vor Gefühlen, die in der Stille der Nacht aus der Dunkelkammer des Verdrängens kriechen, von der flatternden Seele Besitz ergreifen und die feinen Härchen im Nacken aufstellen.

Nein, das Fenster zum Hof strahlt nicht Warmes aus und doch ist es mir so vertraut, wie der Bambus, dessen Blätter das ganze Jahr über sachte rascheln. Dieser gruselige Mond, der auch die Ermordung von Kater Speedy beschienen haben muss, der vor ein paar Jahren, von einer Metallstange aufgespießt in unserem Garten lag.

5 Kommentare zu “Insomnia

  1. Wieder sehr schön geschrieben. Haben wir auch, so ein ewiges Licht. Gegenüber. Brennt immer. Zu jeder Tages und Nachtzeit. Es gibt nur eine Erklärung und die fängt mit C an und hört mit annabis auf. Die Birne ist nur die Ablenkung, damit potenziellen Denunzianten die intensive Neonbeleuchtung nicht nach außen hin auffällt. Jetzt hab ich die Illusion zerstört… :)

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  2. Von einer solchen ewig leuchtenden Lampe kann ich berichten. Gegenüber, zweite Etage, jetzt im Winter, wo der Baum vorm Haus keine Blätter trägt, kann ich von meinem Fenster aus direkt hinein schauen in den leeren Raum drüben. Ich kann cirka 75% des Raumes einsehen, da ist nix, kein Gefangener, keine Hanfplantage, keine Möbel, nix. Ein leerer Raum mit Beleuchtung. Ich hab vor Jahren schon aufgehört, darüber zu grübeln, warum das so ist. Aber jetzt interessierts mich wieder!

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  3. Pingback: Das Leben der Anderen: kreuzberg süd-ost – Insomnia | Ganzheitlich Schlafen

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